New Tech Nations – Teil 6: Finnlands digitale Transformation

Digitaler Ausblick

Digitaler Ausblick

Datum 19.06.2019
Lesezeit 4 Min.

New Tech Nations – Teil 6: Finnlands digitale Transformation

Bargeldloses Bezahlen, Coding auf dem Lehrplan und Online-Besuche beim Arzt: Finnland lebt die digitale Transformation und hat sich für die Zukunft ambitionierte Ziele gesetzt. Was machen die Finnen anders als ihre europäischen Nachbarn? Wir werfen einen Blick in den kleinen Ostseestaat, der die Digitalisierung auf vielfältige Weise in die Hand nimmt.

Keine Frage: Das Digitalisierungsniveau in Finnland ist so hoch wie in wenigen Ländern Europas, die digitale Transformation scheint den Finnen zu gelingen. Doch auch im internationalen Vergleichen belegt das Land regelmäßig Spitzenpositionen. 2018 landeten die Nordeuropäer im jährlichen Digital-Life-Ranking von Expat hinter Estland auf Platz 2 von insgesamt 68 abgebildeten Staaten. Dass die Finnen die Digitalisierung seit einigen Jahren erfolgreich vorantreiben, liegt nicht nur an sehr klaren Strategien, sondern einer bemerkenswerten Konsequenz in der Umsetzung. 

Dezentrale Umsetzung und künstliche Intelligenz für die digitale Wirtschaft

Im Gegensatz zu China setzt die finnische Regierung bei der Digitalisierung nicht auf einen zentralen, groß angelegten Masterplan, sondern auf viele Einzelstrategien und Projekte. Die Vernetzung für den effizienten Informations- und Wissensaustausch spielt in dem dünn besiedelten Land und für die gerade mal rund 5,5 Millionen Einwohner eine entscheidende Rolle. Um die Digitalisierung der Wirtschaft anzukurbeln, wurde das Digital Framework Finland gegründet. Dessen Ziel ist es, neue Spitzenindustrien zu schaffen, die sich globalen Tech-Trends wie der Automatisierung, Robotik, Virtual Reality und IoT-Technologien widmen. Das gelingt mit Hilfe von Plattformökonomien, gezielter Förderung von digitalen Innovationen und der Schaffung optimaler Geschäftsbedingungen.

Eine dieser frühzeitig erkannten Zukunftstechnologien ist künstliche Intelligenz (KI). 2017 prognostizierte das Beratungsunternehmen Accenture den Finnen das zweitgrößte wirtschaftliche Wachstumspotential durch KI nach den USA. Noch im selben Jahr verabschiedete Finnland eine KI-Strategie – als erstes europäisches Land überhaupt. Zu den acht konkreten Eckpfeilern gehören unter anderem die Einrichtung eines nationalen Kompetenzzentrums für KI, gezielte Investitionen in KI-Projekte sowie die Entwicklung eines Smart Assistants für digitale Behördengänge. Diese Ziele treibt Finnland seither mit beispielloser Entschlossenheit voran und schafft so die besten Voraussetzungen, um sich zum KI-Testlabor von Europa zu entwickeln.

 

Digitale Bildung für alle: Das kleine Einmaleins aus dem Innovationslexikon

Doch was „von oben“ diktiert wird, funktioniert bekanntlich selten, wenn die Bevölkerung nicht dahintersteht. Dass die Finnen solche Sorgen bei technischen Innovationen nicht kennen, liegt unter anderem an guten Erfahrungen aus der Vergangenheit – immerhin beheimatet das Land einen einstigen Tech-Leader und Weltmarktführer für Mobiltelefone. Mit Nokia ist der kleine Ostseestaat sozusagen in seine Vorreiterrolle hineingewachsen und hat eine Bevölkerung hervorgebracht, die Digitalkompetenzen fördert und neuen Technologien tendenziell aufgeschlossen gegenübersteht – und zwar über alle Altersstufen hinweg.

Bereits seit 2016 stehen digitale und computertechnische Fähigkeiten auf dem finnischen Lehrplan. Ab der ersten Klasse lernen Schülerinnen Programmieren und arbeiten fächerübergreifend mit dem Tablet. Mit Coding-Schulen und kostenlosen Online-Kursen wie Elements of AI wird aber auch die ältere Generation an die digitale Transformation herangeführt, um eventuelle Berührungsängste zu nehmen.

E-Health-Services und digitale Behördengänge: Die digitale Transformation des Alltags

Generell nehmen die Finnen Veränderungen der Digitalisierung relativ schnell an – vor allem, wenn sie schnell spürbare Vorteile bringen, wie zum Beispiel beim bargeldlosen Bezahlen oder staatlichen Online-Diensten. Wie fortschrittlich das digitale Leben in Finnland ist, zeigt sich vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen. E-Health-Technologien sind nicht nur ein Exportschlager, sondern auch im Alltag finnischer Patienten fest verankert. Schon vor gut zehn Jahren initiierte die Universitätsklinik Helsinki ein virtuelles Krankenhaus, aus dem inzwischen ein ganzes „Gesundheitsdorf“ gewachsen ist. Ein frei zugängliches Web-Portal lotst Patienten mit technischer und ärztlicher Unterstützung durch das finnische Versorgungssystem. In einem personalisierten Bereich können sie ihre komplette Behandlung online organisieren und sich mit dem Klinikpersonal austauschen.

Dass die Finnen dieses Angebot gerne nutzen, hat Tradition. Immerhin kennen sie die elektronische Patientenakte schon seit über 20 Jahren. Rezepte für verschreibungspflichtige Medikamente erhalten sie seit 2010 ebenfalls digital. Auch, dass sämtliche Gesundheitsdaten in eine Cloud fließen und mittlerweile von KI-Algorithmen analysiert werden, stößt keine ellenlangen Datenschutz-Debatten an. Stattdessen denken die Finnen auch hier pragmatisch: Sie sehen und schätzen vor allem die Chancen wie eine bessere Früherkennung von Krankheiten und gezieltere Präventionsmaßnahmen.

Staatliche Förderungen und Investitionen in eine blühende Start-up-Landschaft

Eine höhere Versorgungsqualität und Kosteneinsparungen sind auch die übergeordneten Ziele bei einem jüngeren Digitalprojekt: Bis 2020 möchte Helsinki ein einheitliches Informationssystem für seine Einwohner schaffen, das den Gesundheits- und Sozialsektor digital miteinander vernetzt. Unter anderem für solche Projekte und Ziele ist die Regierung bereit, bis 2021 voraussichtlich rund 430 Millionen Euro allein in die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung zu investieren. Zugleich begünstigt das finnische Wirtschaftssystem mit seinen flachen Hierarchien, flexiblen Strukturen und der europaweit höchsten Investitionsquote pro Kopf die Entwicklung einer florierenden Start-up-Szene, die im Akkord neue Tech-Ideen für unterschiedliche Wirtschafts- und Lebensbereiche hervorbringt.

Breitband für das ganze Land – Fortschritt für alle

Ein klares Ziel verfolgen die Finnen auch beim Ausbau ihrer Kommunikationsnetze, mit denen sie sich bis 2025 weltweit führend aufstellen möchten. In der Digital Infrastructure Strategy 2025 definiert das Ministerium für Verkehr und Kommunikation, wie das Land schrittweise das Fundament für innovative Daten-Dienste und den technologischen Fortschritt legen und ausbauen will. So sollen allen Haushalten schon bald Internetverbindungen mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von mindestens 100 Mbit/s zur Verfügung stehen, die sich perspektivisch auf 1 GBit/s erhöhen lassen. Das mobile Breitband für 5G-Verbindungen soll bereits ab dem Frühjahr 2020 geöffnet werden.

Auf einem guten internationalen Ruf ruhen sich die Finnen also nicht aus. Sie haben erkannt, dass die Digitalisierung nicht nur ein wesentlicher Treiber für eine starke, wettbewerbsfähige Wirtschaft ist, sondern auch neue Möglichkeit für die optimale Versorgung der finnischen Bevölkerung bietet. Mit Offenheit für Veränderungen, klaren Strategien und der notwendigen Konsequenz schafft Finnland die besten Voraussetzungen, um sich vom digitalen Vorreiter zum Global Player für Zukunftstechnologien zu entwickeln.

Möchten Sie weiterreisen? In unserer Serie New Tech Nations erfahren Sie, wie andere Länder der Welt die digitale Zukunft gestalten.  

 

 

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Facebook Twitter WhatsApp LinkedIn Xing E-Mail