Digitale Vorreiterinnen Teil 5: Jeannette Gusko von GoFundMe im Interview

Digitale Vorreiter

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Datum 29.07.2019
Lesezeit 6 Min.

Digitale Vorreiterinnen Teil 5: Jeannette Gusko von GoFundMe im Interview

Frauen in Führungspositionen sind in deutschen Unternehmen immer noch die Minderheit. Doch: Warum ist das so und was kann dafür getan werden, damit sich das ändert? Wie sieht es in anderen Digitalunternehmen aus? In unserer Serie „Digitale Vorreiterinnen“ werfen wir einen Blick über den Tellerrand und haben verschiedene erfolgreiche Frauen zu ihrem Berufsalltag in innovativen Unternehmen befragt.

Jeannette Gusko ist Senior Regional Managerin DACH bei GoFundMe, der weltgrößten Plattform für gesellschaftliches Crowdfunding. Als Teil der #DigitaleBewegung ist sie darüber hinaus auch leidenschaftliche Speakerin, Autorin gesellschaftspolitischer Themen und Mitgründerin des Campaign Boostcamps, Deutschlands einzigem diversen und inklusiven Kampagnentrainings. Im Interview mit featured Business erläutert sie, warum Gleichberechtigung ein Thema der strategischen Unternehmensplanung sein muss und warum derzeit noch ein Mangel an weiblichen Führungskräften in Deutschland besteht.

Was ist Ihre aktuelle Position und wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Berufsleben aus?

Ich leite alle Aktivitäten der weltgrößten Fundraisingplattform GoFundMe im deutschsprachigen Raum. Ein typischer Tag beginnt früh mit Nachrichten lesen und twittern. Mein Team trifft sich online zu einem Stand-Up zu relevanten Kampagnen sowie Signalen aus sozialen und klassischen Medien. Der Vormittag ist unseren Nutzer*innen gewidmet. Wir helfen ihnen beim Campaigning, also dabei ihre Geschichte zu erzählen, über Medien zu verbreiten und noch viel mehr Menschen für ihr Anliegen zu begeistern. GoFundMe basiert auf Empathie und Solidarität. Den Rest des Tages treffe ich bestehende und neue Partnerorganisationen, widme mich dem Produkttesting, strategischen Innovationsfragen, Geschäftsfeldentwicklung sowie der kontinuierlichen Entwicklung meines Teams.

Was begeistert Sie an Ihrer jetzigen Position bei GoFundMe?

Viel Gestaltungsspielraum, viel Verantwortung, viel walk the talk. Ich kann heute die Führungskraft sein, die ich mir früher gewünscht habe. Gerade fokussiere ich darauf, wie wir eine stärker verankerte Testing-Kultur aufbauen oder wie wir bestimmte Communities, die keinen Zugang zu traditionellen Finanzierungsformen haben, besser unterstützen können. GoFundMe lebt Tech for Good, also das Bereitstellen einer Plattform sowie individueller Beratung, damit Menschen effektiv und sicher anderen helfen können. 5 Milliarden US-Dollar, die via GoFundMe Geldbeutel gewechselt haben, das ist skalierte Wirkung, die ihresgleichen sucht. 

Jeannette Gusko

Jeannette Gusko

Unternehmen: GoFundMe

Position: Head of DACH
Alter: 35

Was inspiriert Sie? Wie bleiben Sie up-to-date? 

Fundraising, digitales Campaigning und Gesellschaftspolitik sind Themen, die viele Einflüsse haben und sich kontinuierlich wandeln. Mich inspirieren meist Frauen in meinem Umfeld aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern in persönlichen Gesprächen und kuratiert über soziale Medien. Mich interessieren die tieferen Zusammenhänge, gerade lese ich viel zu künstlicher Intelligenz, Civic Tech und positiven Narrativen zur Digitalisierung, zu Sicherheitspolitik oder Rhetorik der Rechten. Fragen zu einer gerechten Gesellschaft sind nur intersektional zu lösen.

Die feministischen Autorinnen und Aktivistinnen Kübra Gümüsay und Teresa Buecker, die ich beide zu meinen Freundinnen zählen darf, inspirieren mich hier fortlaufend. Ich bin Teil der #DigitaleBewegung und habe so viel Austausch mit führenden Denker*innen zur digitalen Gesellschaft wie Inger Paus (Vodafone Institute), Miriam Meckel (WiWo) oder Valerie Mocker (Nesta). 

Welche Methoden helfen Ihnen, eine gute Work-Life Balance zu halten? Was hilft Ihnen dabei, mit stressigen Situationen im Arbeitsalltag umzugehen?

Ich versuche, immer bewusst an den Orten und mit den Menschen zu sein, wo ich gerade bin und nicht gedanklich oder technologiegestützt woanders. So überlege ich auch morgens was ich brauche, um abends gut einschlafen zu können. Gerne arbeite ich an vielen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten, da ich auch häufig als Speakerin und Autorin auftrete. Stressfaktoren sind meiner Erfahrung nach fast immer Fragen mangelnder Zeit. Solange wir jedoch kaum strukturelle Veränderungen umsetzen, wie eine neue Vollzeit von max. 32 Stunden von der Arbeitnehmer*innen gut leben können, sodass überhaupt Zeit für gesunde Beziehungen, Ruhe, kulturelle Bildung oder politisches Engagement bleibt, solange werden wir uns lediglich auf der individuellen Ebene selbstoptimieren.

Welche Eigenschaften machen, Ihrer Meinung nach, einen guten Leader aus?

Führung zeigt sich für mich von Moment zu Moment, in sinnvollen Interventionen aus der Situation heraus. Führung ist nachfragen, in einen Kontext einbetten, eine Geschichte von Veränderung zu erzählen oder unterbrechen in einem Moment, der sonst in eine falsche Richtung zu gehen droht. Gute Führung braucht Mut, die Anerkennung von Komplexität sowie viel Reflektion über die verschiedenen Rollen, die ich im Tagesverlauf einnehme: Mal bin ich Trainerin, mal Entertainerin, mal Forscherin und dann wieder Intendantin. Die Abwesenheit guter Führung spüren wir schnell. Ich denke, in unseren heutigen komplexen Umgebungen kann nur erfolgreich führen, wer ein hohes Einfühlungsvermögen besitzt, anderen die eigene Verletzlichkeit offenbart, Vielfalt ermöglicht und andere für gemeinsame Ziele begeistern kann.

Warum gibt es nach Ihrer Einschätzung so wenige weibliche Führungspersonen und Gründerinnen in Deutschland?

Bestehende Strukturen benachteiligen Frauen und marginalisierte Gruppen in Deutschland massiv. So werden nur zwei Prozent des weltweiten Venture Capital an Gründerinnen vergeben. Frauen haben deutlich weniger Vermögen als Männer und Studien zeigen, dass ein finanzielles Sicherheitsnetz einen Gründungsimpuls deutlich stärker beeinflusst als beispielsweise das häufig genannte (fehlende) Risikobewusstsein. Männer wie Frauen gründen in Deutschland Familie, trotzdem leiden die Erwerbsbiografien von Frauen ab dem ersten Kind mit grundlegenden Auswirkungen auf ihre Alterssicherung und ihren Vermögensaufbau.

Vorbilder und starke weibliche Führungskräfte gibt es mehr und mehr: Janina Kugel (Siemens), Simone Menne (Finanzvorständin a.D.), Lea-Sophie Cramer (Amorelie) oder Anna-Lena Baerbock (Grüne), um nur einige zu nennen. Wir kommen politisch wie auch gesellschaftlich jedoch weiterhin kaum über tief verwurzelte Vorurteile über Frauen und Minderheiten hinweg: Irrationalität made in Germany. Viele Studien belegen Vorteile von diversen Teams in Unternehmen, in der Filmproduktion oder in Friedensverhandlungen. Es fehlt uns nicht die Analyse, sondern Zug zum Tor bei der Frage, ob wir 2000 Jahre Ungleichheit nun endlich mal aus dem Weg räumen wollen oder nicht. Ein bisschen gleich ist nicht genug.

Gleichberechtigung am Arbeitsplatz: Was würden Sie sich in Zukunft wünschen oder was würden Sie sofort ändern, wenn Sie die Möglichkeit hätten?

Gleichberechtigung ist ein Thema der strategischen Unternehmensplanung. Es braucht jede*n Ihrer einflussreichen Leser*innen hier mit beherztem Willen zur Veränderung sowie in Unternehmensstrukturen und Gesetzen verankerte Anreize und Sanktionen. Unternehmen brauchen verbindliche Quoten für Vorstände und Aufsichtsräte, inklusive Bewerbungsverfahren, bonirelevante Regelungen für diverse Beförderungen, um homosoziale Selektion zu knacken. Psychologische Sicherheit ist das ausschlaggebende Kriterium, welches darüber entscheidet, ob Frauen und Minderheiten ein Unternehmen nicht frühzeitig wieder verlassen. Diese herstellen kann ich mit Betriebsvereinbarungen und tiefgreifendem kulturellen Wandel, der vom Top-Management vorgelebt wird.

Mir ist wichtig, dass wir endlich flexible Arbeitszeitgesetze sowie Rückkehrregelungen für Eltern und Care-Arbeitende gestalten, das Ehegattensplitting abschaffen und Vollgas beim Kita-Ausbau geben. Erst wenn Männer und Frauen die Vorteile geschlechtergerechten Gesellschaft spüren können, kommen wir als Gesellschaft wirklich voran.

Wenn Sie jungen Frauen einen Karriereratschlag geben könnten, wäre das …

Überlegt Euch, wofür ihr wirklich steht, was unumstößlich wichtig für Euch ist. Entwickelt eine eigene Haltung, orientiert Euch nicht an Trends oder Karriereratgebern – macht genau das, worauf ihr Lust habt. Das kann, muss aber nicht unbedingt das sein, worin ihr gut seid. Sucht Euch wertschätzende, unterstützende Freundschaften, Partner*innen und Netzwerke. Macht Euch nicht so viel Druck, seid offen und wohlwollend zu Euch und zu anderen. Nicht jede Entscheidung ist lebenslang, ihr könnt jeden Tag dazulernen und immer wieder auch abbiegen. Solidarisiert Euch mit anderen Frauen und Minderheiten, auch, wenn Ihr ihre Erfahrungen (noch) nicht gemacht habt. Einzelkämpfer*innen kommen nicht weit, doch gemeinsam können wir die Welt besser machen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Tag lang Digitalkönigin von Deutschland. Welchen analogen Prozess würden Sie sofort digitalisieren? 

Sanifair-Bons als digitale Spenden an GoFundMe.

Was macht für Sie einen digitalen Vorreiter aus? Was bedeutet Digitalisierung/Digitalkompetenz für Sie?

Digitalisierung ist für mich im Arbeitsalltag eine Querschnittsebene, genau wie Vielfalt, die alle Funktionen und Arbeitsprozesse durchzieht. Deshalb werden digitale Labs oder Abteilungen in Organisationen langfristig eher weniger erfolgreich sein. Digitale Vorreiterorganisationen schauen sich gleichermaßen skillset, toolset und mindset der Menschen an, die für sie arbeiten. Sie entwickeln eine innere Haltung zu kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen, die durch technische Möglichkeiten aufgeworfen oder verstärkt werden: Wie können wir sicherstellen, dass wirklich alle Menschen von neuen digitalen Lösungen, beispielsweise im Spendenwesen, in der Diagnostik oder für die Verkehrswende profitieren können? Was tun wir, um digital fortgeschriebene Stereotype und Biases unserer Gesellschaft zu beenden? Erwirkt unser digitales Geschäftsmodell höhere Freiheitsgrade für Nutzer*innen? Welche Dinge machen wir auch nicht, obwohl wir sie technisch könnten? Wie machen wir Digitalisierung positiv erlebbar, auch für Menschen auf dem Land?

Der Status Quo ist beharrlich. Vorreiter*innen geben sich nicht zufrieden, sondern bilden Netzwerke, um wirklich neue Lösungen auf komplexe, teils widersprüchliche Anforderungen zu finden, selbst, wenn sie die Fragen der Zukunft noch nicht einmal kennen.

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