Digitale Vorreiterinnen Teil 4: Zukunftsforscherin Michaela Evers-Wölk im Interview

Digitale Vorreiter

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Datum 07.06.2019
Lesezeit 4 Min.

Digitale Vorreiterinnen Teil 4: Zukunftsforscherin Michaela Evers-Wölk im Interview

Frauen in Führungspositionen sind in deutschen Unternehmen immer noch die Minderheit. Doch: Warum ist das so und was kann dafür getan werden, damit sich das ändert? Wie sieht es in anderen Digitalunternehmen aus? In unserer Serie „Digitale Vorreiterinnen“ werfen wir einen Blick über den Tellerrand und haben verschiedene erfolgreiche Frauen zu ihrem Berufsalltag in innovativen Unternehmen befragt.

Zukunftsforscherin Michaela Evers-Wölk, Projektleiterin am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, in der vierten Ausgabe der Digitalen Vorreiterinnen. Zu Evers-Wölks Schwerpunktthemen gehören unter anderem die Folgenforschung von Technik- und Mediennutzung. Im Interview mit featured Business erläutert sie die Bedeutung des selbstbestimmten und souveränen Umgangs mit Technologien und die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft.

Was ist Ihre aktuelle Position und wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Berufsleben aus?

Gemeinsam mit einem Kollegen leite ich das Forschungscluster „Zukunftsforschung und Partizipation“ am IZT. Die Tage in meinem Berufsleben verlaufen sehr unterschiedlich, es wechseln die Projektthemen und -partner, aber auch der Arbeitsort. Immer geht es um Fragen der Zukunft und Zukunftsgestaltung, oft um Wirkungszusammenhänge und Folgen der Digitalisierung.

Was begeistert Sie an Ihrer jetzigen Position?

Es ist toll, wissenschaftlich-technische Entwicklungen in interdisziplinären Teams zu analysieren und die damit verbundenen gesellschaftlichen Chancen und Risiken vorausschauend im Dialog mit verschiedenen Fachleuten und Akteuren auszuloten.

Was inspiriert Sie? Wie bleiben Sie up-to-date?

Sinnvolle Arbeit und neue Denkweisen inspirieren mich, aber auch Musik und manchmal ganz einfache Dinge wie buntes Treiben in der Stadt. Up-to-date bleibe ich über Gespräche mit Projektpartnern, das Lesen von Studien und Blogs, aber auch den Besuch von Symposien und Workshops.

Welche Methoden helfen Ihnen, eine gute Work-Life Balance zu halten? Was hilft Ihnen dabei, mit stressigen Situationen im Arbeitsalltag umzugehen?

Mir hilft vor allem die hohe Zeitsouveränität bei der Arbeitsorganisation, die Work-Life-Balance zu halten, also dass ich meine Arbeitszeit an meine Aufgaben anpassen kann. Aber auch Tage mal ganz ohne E-Mail sind hilfreich.

Welche Eigenschaften machen, Ihrer Meinung nach, einen guten Leader aus?

Die Fähigkeit zum übergreifenden, vernetzen und vorausschauenden Denken, aber auch die Wertschätzung für andere Menschen sind meines Erachtens wichtige Eigenschaften für einen guten Leader. Dazu kommen die Fähigkeiten, Prioritäten setzen und Zukunftsvisionen in heutige Strategien transformieren zu können. Nicht zuletzt wird es immer wichtiger, in örtlich verteilten Teams erfolgreich virtuell zusammenarbeiten und führen zu können.

Warum gibt es nach Ihrer Einschätzung so wenige weibliche Führungspersonen und Gründerinnen in Deutschland?

Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Lebensbedingungen wie Geburt und Kindererziehung, aber auch die Pflege von an- und zugehörigen Menschen prägen das Leben von vielen Frauen. Hieraus ergibt sich vor allem die Anforderung nach zeitlicher und räumlicher Arbeitsflexibilität, etwas, was viele Führungspositionen und Unternehmenskulturen heute nicht bzw. nicht im ausreichenden Maß anbieten. Hinzu kommt, dass sich Frauen vor dem Hintergrund ihrer Werte oft mehr anpassen müssen, um in männlich dominierten Arbeitswelten aufzusteigen und Führungsverantwortung zu übernehmen. Mit Blick auf die weitere Entwicklung („Arbeit 4.0“) wird zudem der in Deutschland nach wie vor geringe Anteil von Frauen in Mint-Studiengängen und -berufen – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – eher negativ prägen.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist immer noch ein schwieriges Thema. Wie managen Sie in Ihrer Familie das Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben?

Das ist richtig, dass Thema ist schwierig. Als in dieser Hinsicht typische Akademikerin habe ich eher spät Kinder auf die Welt gebracht, so dass es Jahre der Erziehungsverantwortung bei gleichzeitiger Pflegeverantwortung für die Eltern gab. Mir haben hier sicher eine gute Organisation, flexible Arbeitsstrukturen und eine gute familiäre bzw. nachbarschaftliche Kooperation sehr geholfen. Aber auch die kritische Auseinandersetzung darüber, welche der an Frauen herangetragenen Fürsorgeanforderungen für Familie wirklich wichtig und auch ohne gesundheitliche Einbußen leistbar sind. Bei allem bin ich der Überzeugung, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur ein individuelles Thema, sondern auch ein politisches Thema ist. So würde Politik meines Erachtens gut daran tun, einen Ausgleich für die strukturellen Defizite von Frauen zu schaffen, beispielsweise durch die Einführung von Lohnersatzleistungen für die Pflege (analog zum Kindergeld). 

Michaela Evers-Wölk

Michaela Evers-Wölk

Unternehmen: IZT – Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung

Position: Projektleiterin
Alter: 51

Gleichberechtigung am Arbeitsplatz: Was würden Sie sich in Zukunft wünschen oder was würden Sie sofort ändern, wenn Sie die Möglichkeit hätten?

Ich wünsche mir in Zukunft weniger tradierte Lebenswirklichkeiten für Frauen und Männer und damit auch den Abbau von jeweils typisch „weiblicher“ und „männlicher“ Berufswahl und Erwerbstätigkeit. Hierfür ist es wichtig, die Rahmenbedingungen und Voraussetzungen beim Übergang in die Berufstätigkeit zu kennen und insbesondere die relevanten Akteure in der Berufsberatung wie Lehrkräfte und Eltern zu sensibilisieren und zu unterstützen. Dabei gilt es aufzuzeigen, dass Männer und Frauen bestimmten Mustern entsprechen können, dies aber nicht müssen. Die Entscheidung für einen bestimmten Beruf sollte nicht abhängig vom Geschlecht und den Annahmen darüber getroffen werden, sondern vor allem mit Blick auf die Fähigkeiten und das Interesse, diesen Beruf auszuüben. Hier können auch Arbeitgeber einiges tun.

Wenn Sie jungen Frauen einen Karriereratschlag geben könnten, wäre das …

.. sich gut mit den eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen, Wünschen und Vorstellungen über den Beruf und das Berufsleben auseinanderzusetzen und sich bei der Berufswahl und -ausübung hieran zu orientieren, anstatt sich von externen Erwartungen leiten zu lassen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Tag lang Digitalkönigin von Deutschland. Welchen analogen Prozess würden Sie sofort digitalisieren?

Vor allem Amts- und Behördengänge, die genauso gut von zu Hause aus erledigt werden können.

Was macht für Sie einen digitalen Vorreiter aus? Was bedeutet Digitalisierung/Digitalkompetenz für Sie?

Digitalkompetenz bedeutet, die schnellen wissenschaftlich-technologischen Entwicklungen zu kennen und mit den hieraus entstehenden Herausforderungen sowohl konstruktiv als auch verantwortungsvoll umzugehen. Digitale Vorreiterinnen sind souverän im Umgang mit Technologien und Daten, sowohl im Sinne von Freiheit als auch von Selbstbestimmung.

 

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