The Stringer: Wer steckt hinter dem Foto? Die wahre Geschichte

„Napalm Girl“ zählt zu den bekanntesten Fotos der Welt. Nick Út gilt als Urheber der Aufnahme aus dem Vietnamkrieg. Jetzt weckt die Doku „The Stringer: Wer steckt hinter dem Foto?“ Zweifel an der Urheberschaft. Hat jemand anders das Foto geschossen? Welche Vorwürfe die Doku erhebt, erfährst Du hier.

Regisseur Bao Nguyen sorgt für Aufsehen: Erzählt sein Film „The Stringer: Wer steckt hinter dem Foto?“ die wahre Geschichte hinter dem Vietnam-Foto, das 1972 für Aufsehen sorgte? Kritiker:innen sind sich jedenfalls einig, dass die Doku ein bedeutendes Werk des Journalismus ist, denn es hinterfragt die offiziellen Narrative großer Nachrichtenkonzerne.

Wie viel Wahrheit dahintersteckt, muss sich zeigen, denn die Associated Press leugnet alle Vorwürfe. Das ändert nichts daran, dass die von Netflix gekaufte Doku ihre Zuschauer:innen zum Nachdenken anregen wird. Sie erscheint am 28. November 2025 bei dem Streamingdienst.

8. Juni 1972: Ein Foto, das Geschichte schrieb

Es gibt kaum eine Person, die das Foto „Napalm Girl“ nicht kennt. Schließlich handelt es sich um das wohl berühmteste Bild aus dem Vietnamkrieg. Die wahre Geschichte dahinter kennen jedoch nicht viele: Es ist der 8. Juni 1972, als das Foto entsteht. Der Vietnamkrieg wütet seit 17 Jahren. Die USA sind zu diesem Zeitpunkt seit 1964 offizielle Kriegspartei.

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Das Foto, von dem die Rede ist, trägt den offiziellen Titel „The Terror of War“. Es ist vielen jedoch unter dem unsensiblen Spitznamen „Napalm Girl“ bekannt. Darauf zu sehen: mehrere vietnamesische Kinder auf der Flucht vor einem Luftangriff. In der Mitte der Aufnahme das damals neunjährige Mädchen Phan Thi Kim Phúc, gänzlich unbekleidet, schwer verbrannt und mit vor Angst verzerrtem Gesicht. Hinter der Gruppe Kinder laufen amerikanische GIs vor einem dunkeln Rauchschleier.

Das Napalm-Mädchen: Die wahre Geschichte hinter dem Foto

Was wenige wissen: Der Grund, warum die Kinder auf dem Foto um ihr Leben rennen, ist nicht etwa ein nordvietnamesischer Angriff. Tatsächlich handelt es sich um einen tragischen Fall von Friendly Fire, also Eigenbeschuss. Die südvietnamesische Air Force warf irrtümlicherweise Napalm über fliehenden Zivilist:innen ab – sie wurden nahe der umkämpften Stadt Trảng Bàng für den nordvietnamesischen Feind gehalten.

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Das Foto, so das bisherige Narrativ, schießt Nick Út, der damals für die Associated Press arbeitet. Eigenen Angaben zufolge bringt Út die durch Napalm schwer verletzte Phúc sowie andere Kinder der Gruppe unmittelbar nach der Aufnahme ins Barsky Hospital in Saigon. Das Foto „The Terror of War“ verkauft er an die Associated Press, die es zunächst mit dem Titel „Accidental Napalm Attack“ veröffentlicht. 1973 erhält Út dafür renommierte Preise wie den Pulitzerpreis und die Auszeichnung „World Press Photo of the Year“.

Welche Vorwürfe erhebt The Stringer?

Bis 2025 scheint die Geschichte hinter dem weltbekannten Foto gut dokumentiert. Mit der Weltpremiere von „The Stringer“ beim Sundance Film Festival 2025 ändert sich jedoch alles.

In der Dokumentation stellt der US-vietnamesischen Regisseur Bao Nguyen gemeinsam mit dem Kriegsfotografen Gary Knight die Urheberschaft von Út infrage. Recherchen, die bereits 2022 beginnen, weisen darauf hin, dass damals ein sogenannter Stringer das berühmte Foto schießt, also ein:e Freelancer:in. Laut Dokumentation soll es sich um Nguyễn Thành Nghệ handeln, ein vietnamesischer Fotograf, der das AP-Team am 8. Juni 1972 begleitet.

Der vietnamesische Kriegsfotograf Nguyễn Thành Nghệ

Was ergeben die Recherchen in The Stringer?

Im Zentrum der 100-minütigen Doku steht die zweijährige Suche nach der Wahrheit, angeführt von Gary Knight und seinem Reporterteam. Knight merkt an, dass er bereits vor Jahren Gerüchte über die eigentliche Urheberschaft des Fotos hörte – und zwar vom damals in Saigon stationierten AP-Editor Carl Robinson.

Robinson habe damals mehrere Aufnahmen aus Trảng Bàng von Út sowie Fotos von vietnamesischen Freelancer:innen erhalten. Laut Robinson wählte der damalige AP-Foto-Editor Horst Faas das Bild aus und wies Robinson an, es Nick Út zuzuschreiben. Die mögliche Motivation dahinter: Út hatte sieben Jahre zuvor seinen Bruder Huỳnh Thanh Mỹ, ebenfalls Fotograf in Vietnam, im Krieg verloren.

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Die Dokumentation zeigt zudem Interviews mit dem Bruder von Nguyễn Thành Nghệ: Er bestätigt, Nguyễn zum AP-Büro gefahren zu haben, wo er die Fotos für 20 US-Dollar verkaufte. 55 weitere Interviews mit Expert:innen und Zeitzeug:innen sowie 3D-Nachstellungen vom Ort des Geschehens sollen die Vorwürfe untermauern.

Welche Auswirkungen hat die Doku auf Nick Út?

Der langjährige AP-Fotograf Nick Út streitet genau wie die Associated Press alle Vorwürfe ab. Aufgrund mangelnder Beweise hat AP die Urheberschaft des Fotos bisher nicht geändert.

Anders sieht das bei der Organisation World Press Photo aus, die Út 1973 ihren renommierten Foto-Award verlieh. Hier wird das Foto „The Terror of War“ bis auf unbestimmte Zeit anonym und ohne die Angabe der Urheberschaft geführt.

Der Hintergrund: Eigene Untersuchungen von World Press Photo bestätigen die Vorwürfe der Dokumentation. Hierzu zogen Expert:innen auch Positionsanalysen heran, die darauf hinweisen, dass Út sich sehr wahrscheinlich nicht in der Position befunden haben kann, um das Foto aufzunehmen.

Alle Fakten zusammengefasst: Was spricht gegen Út als Urheber?

Wir fassen noch einmal alle Fakten zusammen, die Nick Úts Urheberschaft anzweifeln. Zumindest, wenn wir davon ausgehen, dass „The Stringer“ die wahre Geschichte erzählt:

  • Nick Út bringt zwar das Mädchen Phúc ins Krankenhaus, ist jedoch nicht der Einzige, der die Verletzten fotografiert.
  • Nick Út und Nguyễn Thành Nghệ reichen ihre Aufnahmen von den verletzten Kindern und Zivilist:innen am selben Tag bei der Associated Press ein.
  • Der damalige AP-Foto-Editor in Saigon, Carl Robinson, habe von seinem Vorgesetzten Horst Faas die Anweisung bekommen, das Foto Nick Út zuzuschreiben.
  • World Press Photo nimmt eigene Untersuchungen vor: Sie stellen Nick Úts Distanz zum Fotomotiv infrage.

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