Nürnberg: Die wahre Geschichte hinter dem Historiendrama

Hinter "Nürnberg" steckt eine wahre Geschichte. Der Film zeigt das psychologische Duell zwischen einem jungen US‑Militärpsychiater und dem Nazi-Kriegsverbrecher Hermann Göring. Was damals wirklich passiert ist, liest Du im Folgenden.

Achtung: Der folgende Artikel enthält Spoiler zum Film. Falls Du "Nürnberg" noch nicht gesehen hast, solltest Du lieber nicht weiterlesen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Geschichte hinter dem Film "Nürnberg" ist wahr: Ein US-Psychiater untersuchte 1945 Nazi-Kriegsverbrecher Hermann Göring.
  • Douglas Kelley sollte herausfinden, ob die NS-Funktionäre verhandlungsfähig waren.
  • Das Sachbuch "Der Nazi und der Psychiater" von Jack El-Hai beschreibt die Begegnungen und ist die Basis für den Film.
  • Der Autor verarbeitet darin die Aufzeichnungen von Kelley.

Der Film Nürnberg basiert auf einem Sachbuch

Wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs soll der US-amerikanische Militärpsychiater Douglas Kelley führende Nazi-Größen begutachten. Seine Aufgabe: herausfinden, ob sie zurechnungsfähig sind und vor Gericht gestellt werden können. Sind sie in der Lage, moralisch zu urteilen? Wenige Monate später beginnen die Nürnberger Prozesse: Erstmals in der Geschichte sollen Kriegsverbrecher gerichtlich belangt werden. Das ist die Ausgangslage des Films "Nürnberg" von James Vanderbilt ("Der Moment der Wahrheit").

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Unter den 22 Männern, die Kelley (Rami Malek, "Bohemian Rhapsody") trifft, ist auch der zweitmächtigste Mann im NS-Regime, Hermann Göring (Russell Crowe, "Gladiator"). Monatelang befragt der Psychiater den Nazi-Verbrecher. Im Laufe ihrer Gespräche entwickelt sich ein psychologisches Duell zwischen den beiden. Göring versucht, den Psychiater zu manipulieren und sich selbst als wichtigen Staatsmann darzustellen.

Während Kelley immer tiefer in die Gedankenwelt der Täter eintaucht, treibt ihn vor allem eine Frage um: Wie können scheinbar "normale" Menschen zu solch monströsen Taten fähig sein? "Nürnberg" dreht sich um Themen wie Schuld, Verantwortung und die Faszination des Bösen. Er läuft am 7. Mai 2026 in den deutschen Kinos an.

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Der Film basiert auf dem Sachbuch "Der Nazi und der Psychiater" von US-Autor Jack El-Hai, das 2013 auf Englisch und 2014 auf Deutsch erschienen ist. Das Buch und damit auch der "Nürnberg"-Film basieren auf einer wahren Geschichte. Denn der Autor wertet Kelleys Originalaufzeichnungen aus: Seine Interviews, Tests und Beobachtungen sind historisch dokumentiert. Sie liegen in Form von Notizen, Protokollen und späteren Veröffentlichungen vor. Darüber hinaus versucht El-Hai, die Gespräche mit Göring zu rekonstruieren. Wir erläutern im Folgenden, was damals wirklich passiert ist.

Nürnberg: Die wahre Geschichte von Hermann Göring

Hermann Göring war einer der mächtigsten Funktionäre des nationalsozialistischen Regimes und ein enger Vertrauter von Adolf Hitler. Im Ersten Weltkrieg dient der 1893 geborene Göring als Jagdflieger. Schon 1922 tritt er der NSDAP bei und steigt schnell in die Parteiführung auf. Er gründet die Gestapo, leitet die Luftwaffe und ist Reichsmarschall – das ist der höchste militärische Rang, den Hitler damals verleiht. Göring ist eine zentrale Figur bei der Errichtung des Terrorstaats und der Verfolgung politischer Gegner. Als Luftwaffenchef verantwortet er Bombardierungen, Terrorangriffe und den Luftkrieg.

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Am 9. Mai 1945, einen Tag nach der Kapitulation der Wehrmacht, trifft ein Aufklärungstrupp der US-Armee in der Nähe von Salzburg auf einen Autokonvoi. Darin befinden sich Göring und sein großes Gefolge: Er reist mit Frau, Tochter, Verwandten, Adjutanten und Bediensteten. Gegenüber den Soldaten tritt der Nazi selbstbewusst auf. Er sagt, dass er sich offiziell stellen will. Offenbar hofft er, als Staatsmann behandelt zu werden und seine Rolle im Regime zu relativieren.

Göring gehört zu den Hauptangeklagten der Nürnberger Prozesse. Am 1. Oktober 1946 wird er in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Das Gericht verhängt die Todesstrafe durch den Strang. Am 15. Oktober 1946 nimmt Göring sich mit einer Zyankalikapsel das Leben – wenige Stunden vor der geplanten Hinrichtung.

Woher er das Gift hat, wird nie geklärt. Viele Veröffentlichungen gehen davon aus, dass er sie am Körper oder im Gepäck in die Zelle geschmuggelt hat. 2005 sagt ein US-Gefängnisaufseher aus, dass er die Pille im Auftrag einer jungen deutschen Frau in die Zelle gebracht hat.

Was passierte bei den Befragungen der Nazi-Verbrecher?

Die US-Armee baut 1945 ein Luxushotel in Bad Mondorf (Luxemburg) in ein geheimes Sammel- und Verhörzentrum um, "Camp Ashcan" genannt. 20 Männer der Nazi-Führungsspitze und weitere hochrangige Gefangene werden dort zwischen Mai und August 1945 medizinisch untersucht und intensiv verhört, von Geheimdiensten, Juristen und Psychiatern. Das Militär sichtet dort zudem Dokumente und persönlichen Besitz der Insassen. So wollen sie festlegen, wer später in Nürnberg angeklagt wird.

Neben Göring sind in Bad Mondorf zum Beispiel Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, Rüstungsminister Albert Speer und "Stürmer"-Herausgeber Julius Streicher inhaftiert. Andere Nazi-Verbrecher wie Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Heinrich Himmler hatten bereits im April und Mai 1945 Selbstmord begangen.

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Der US-Militärpsychiater Douglas M. Kelley und der Militärpsychologe Gustave Gilbert (im Film gespielt von Colin Hanks) haben die Aufgabe, die NS-Männer psychologisch zu analysieren. Sie führen mit den Gefangenen Tests durch, etwa den Rorschach-Test: Personen sollen beschreiben, was sie auf Tintenklecksbildern sehen. Daraus ergeben sich Hinweise darauf, wie jemand etwas wahrnimmt, interpretiert und emotional darauf reagiert.

Die Experten verbringen Stunden mit den Funktionären in ihren Zellen, zusammen mit Übersetzern. Sie sprechen unter anderem "über ihre Motive und darüber, was ihnen wichtig war", sagt Autor El-Hai im Gespräch mit dem Smithsonian Magazine.

Kelley hat ein persönliches Ziel: Er will herausfinden, ob die Täter "eine gemeinsame Psychose oder eine spezifische geistige Entgleisung" haben, heißt es bei der BBC. Denn nur das, so glaubt er, kann ihre monströsen Taten erklären.

Was passierte zwischen Kelley und Göring?

Der "Nürnberg"-Film zeigt, wie der US-Psychiater und Göring miteinander reden, Scherze machen und nach und nach Vertrauen zueinander aufbauen. Göring bittet Kelley sogar um Hilfe, um mit seiner Frau und seiner Tochter in Kontakt zu bleiben. Der eigentlich pflichtbewusste Kelley setzt sich tatsächlich über die Vorschriften hinweg und bringt den beiden persönlich Briefe vorbei.

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"Sie waren keine Kumpel", so Autor Jack El‑Hai gegenüber der BBC. "Aber sie bauten eine Verbindung auf, und Kelley erkannte, dass sie bestimmte Persönlichkeitsmerkmale gemeinsam hatten." Neben Görings Charme, Intellekt und weiteren Eigenschaften fielen dem Arzt auch dessen großes Ego und seine ausgeprägte Loyalität gegenüber Familie und Vaterland auf.

Eine wahre Geschichte aus dem Sachbuch lässt der "Nürnberg"-Film allerdings aus: Göring fürchtet, dass er und seine Frau bald sterben werden. Deshalb bittet er Kelley, ihre siebenjährige Tochter Edda zu adoptieren und in den USA großzuziehen. Wie der Psychiater darauf reagiert, ist nicht festgehalten. Die Mutter Emmy Göring wird 1948 aus der Haft entlassen, das Kind wächst in München bei ihr auf. Edda Göring distanziert sich später nie klar von ihrem Vater.

Nürnberg: Die wahre Geschichte der Prozesse

Am 20. November 1945, ein halbes Jahr nach Kriegsende, beginnt in Nürnberg der erste Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Vor einem internationalen Militärtribunal müssen sich 22 Angeklagte wegen Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verantworten. Täglich verfolgen mehr als 400 Menschen die Verhandlungen im Gerichtssaal.

Görings Auftritt vor Gericht steht im Fokus der zweiten Hälfte von "Nürnberg". Er vertritt sich selbst, und seine Aussagen orientieren sich eng an den originalen Protokollen. Auch die Szene, in der die Anklage schockierendes Filmmaterial aus Konzentrationslagern zeigt, entspricht der damaligen Realität. Wie im Prozess 1945 wendet Göring den Blick ab, als die Bilder ausgemergelter Häftlinge und Leichenberge auf der Leinwand zu sehen sind.

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Im Film verlässt Kelley nach diesen Bildern schockiert den Gerichtssaal. Er konfrontiert Göring mit dessen Rolle bei den Verbrechen. Der Psychiater ist so erbost, dass er sich betrinkt und geheime Informationen aus dem Prozess an einen Reporter weitergibt. Deshalb wirft die Armee ihn raus.

Die wahre Geschichte ist weniger dramatisch: Kelley fliegt nach Hause, weil sein Auftrag erfüllt ist und er abberufen wird: Er hat die psychologischen Gutachten für die Hauptangeklagten abgeschlossen und seinen Nachfolger eingearbeitet. Außerdem fühlt er sich durch die engen Vorgaben des US‑Militärs zunehmend eingeschränkt. Statt tiefgehender Forschung soll er hauptsächlich Routinebeobachtungen durchführen. Außerdem will er nach drei Jahren in Europa nach Hause zurückkehren und sein Buch schreiben.

Douglas Kelley (Rami Malek) steht an einem Bahnsteig neben einem Zug.

Die wahre Geschichte hinter dem Nürnberg-Film: Das tragische Leben von Douglas Kelley

Douglas M. Kelley kommt 1912 in Kalifornien zur Welt und studiert später Medizin mit Schwerpunkt Psychiatrie. Mit Kriegseintritt der USA wird er eingezogen. An der Westfront behandelt er Tausende sogenannte Shell‑shocked Soldiers, also Soldaten mit schweren psychischen Belastungsreaktionen. Durch diese Erfahrung wird er schnell zu einem der erfahrensten Militärpsychiater. Die Armee beauftragt Kelley 1945, die NS-Gefangenen zu untersuchen.

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1947 veröffentlicht Kelley ein Buch über die Angeklagten der Nürnberger Prozesse, "22 Cells in Nuremberg".  Im Manuskript heißt es laut Smithsonian Magazine: "Wir müssen das Warum des Nazi-Erfolgs verstehen, damit wir Schritte unternehmen können, um die Wiederkehr eines solchen Bösen zu verhindern." Zudem hält Kelley viele Vorträge über seine Erfahrungen. Doch das Buch verkauft sich schlecht. Trotz unermüdlicher Arbeit als Lehrer, Arzt und Kriminologe ist er nie so erfolgreich, wie er es sich wünscht. Kelley kämpft zunehmend mit Alkoholproblemen und depressiven Stimmungen.

Am Neujahrstag 1958 schluckt der Psychiater nach einem heftigen Streit mit seiner Frau eine Zyankalikapsel – vor den Augen seines Vaters und seines Sohnes. Der damals 45-Jährige nimmt sich damit auf dieselbe Weise das Leben wie Göring.

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