Nicht William Shakespeare steht im Zentrum des Films "Hamnet", sondern seine Frau Agnes – und der gemeinsame Sohn Hamnet, der bereits in jungen Jahren stirbt. Wie viel historische Wahrheit steckt in der Handlung? Wir erzählen die wahre Geschichte von Hamnet und seiner Familie.
Das Wichtigste in Kürze
- Hamnet, Shakespeare und seine Ehefrau Agnes gab es wirklich.
- Wie im Film "Hamnet" starb Shakespeares Sohn im Alter von elf Jahren.
- Viele Ereignisse im Film sind nicht belegt, etwa die Pest als Todesursache.
- "Hamnet" ergänzt historische Fakten um fiktionale Elemente.
Hamnet: Erzählt der Film eine wahre Geschichte?
Der Film "Hamnet" dreht sich um die Geschichte der Familie von Shakespeare. Der junge William (gespielt von Paul Mescal) arbeitet im 16. Jahrhundert im englischen Stratford-upon-Avon als Lateinlehrer. Er verliebt sich in die rätselhafte und eigenwillige Agnes (Jessie Buckley). Die naturverbundene Frau gilt als Heilerin, wird aber von manchen auch als Hexe gesehen. Die beiden heiraten im Jahr 1580 und bekommen anschließend drei Kinder: Susanna sowie die Zwillinge Judith und Hamnet.
Während Agnes in Stratford bleibt, zieht es William nach London, wo er Karriere als Autor von Dramen macht. Die räumliche Trennung belastet die junge Familie immer mehr. 1596 stirbt Sohn Hamnet im Alter von nur elf Jahren. Der Film zeigt den Verlust aus der Perspektive der Eltern, besonders aus Agnes’ Sicht. Sie ist die Hauptfigur in "Hamnet", nicht der bekannte Autor. Das poetische Drama von Oscargewinnerin Chloé Zhao ("Nomadland", "The Rider") basiert auf einem Roman von Maggie O’Farrell.
Aber handelt es sich um belegte Geschehnisse oder ist die Story erfunden? "Hamnet" ist keine wahre Geschichte in Form einer Biografie. Der Film verbindet historische Fakten mit fiktionalen Elementen. Die Hauptpersonen existierten wirklich – William Shakespeare, Agnes und die Kinder. Belegt ist auch der Tod von Hamnet. Darüber hinaus handelt es sich aber um eine fiktionale Nacherzählung des Familienlebens der Shakespears. Der Film konzentriert sich darauf, wie der Verlust eines Kindes das Paar erschüttert und Shakespeares späteres Werk prägt.
Die wahre Geschichte hinter Hamnet: Wer war Agnes?
Historiker:innen nennen Shakespeares Ehefrau Agnes meist Anne Hathaway. Möglicherweise nennt ihre Familie sie aber Agnes, eine damals gängige Variante des Namens. Das legt zumindest das Testament ihres Vaters nahe. Demnach soll "Agnes" 6 Pfund erben, auszahlbar am Tag ihrer Hochzeit. Aus diesem Grund haben sich Autorin und Filmemacherin von "Hamnet" ebenfalls für den Namen Agnes entschieden.
Agnes beziehungsweise Anne kommt 1556 zur Welt. Ihr Vater Richard ist ein sogenannter Yeoman-Farmer, also ein freier Bauer und Landbesitzer. Wahrscheinlich wächst Agnes in Shottery auf, einem Dorf in der Nähe von Stratford-upon-Avon in England. Es ist nur wenig aus ihrem Leben bekannt und es gibt kaum überlieferte Dokumente. Sicher ist, dass ihr Vater 1581 stirbt.
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Ebenso ist bekannt, dass Agnes im November 1582 den acht Jahre jüngeren William Shakespeare heiratet. Bei der Hochzeit ist sie 26 und er 18 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits mit ihrem ersten Kind schwanger. Tochter Susanna wird 1583 geboren, 1585 folgen die Zwillinge Judith und Hamnet.
Dass Agnes eine Seherin ist und Interesse am Übernatürlichen hat, ist nicht belegt. Hierbei handelt es sich also wohl nicht um eine wahre Geschichte – Buch und Film über Hamnet erfinden diesen Teil ihrer Persönlichkeit.
Führen Agnes und William eine glückliche Ehe – oder genau das Gegenteil?
Nachdem Agnes und William geheiratet haben, lebt Shakespeare größtenteils in London, wo er seine Stücke schreibt und aufführt. Dieser Teil der Geschichte in "Hamnet" ist wahr. Der Autor kehrt jedes Jahr für einige Zeit nach Stratford zurück, wo mutmaßlich seine Familie lebt. Ein Brief in einem Buch lässt außerdem darauf schließen, dass Agnes zumindest zeitweise in London gelebt haben könnte: Der Brief ist an eine Mrs. Shakespeare in der Stadt adressiert.
Hartnäckig hält sich die Vorstellung, dass die Ehe zwischen William und Agnes unglücklich gewesen sein soll. Die Gründe: der Altersunterschied und die Schwangerschaft bei der Eheschließung. Hat sie ihn möglicherweise zur Hochzeit gezwungen? Auch dass William nach der Heirat überwiegend in London lebt, gilt für manche als Indiz für eine unglückliche Ehe.
Dagegen spricht jedoch, dass der Autor nach seinem Rückzug aus der Theaterwelt 1613 wieder zu seiner Frau nach Stratford zieht. Zudem gibt es keinerlei Beweise dafür, dass Shakespeare seine Frau nicht mochte. Dass Männer an einem anderen Ort arbeiten, um ihre Familie zu unterstützen, ist in dieser Epoche normal.
Romanautorin Maggie O'Farrell hinterfragt die gängige Vorstellung in ihrem Buch. Sie sagt 2020 in einem Podcast: "Vielleicht liebten sie sich wirklich. Vielleicht führten sie eine gleichberechtigte Ehe" (via Harper's Bazaar). Und weiter: "Ich wollte, dass die Leser:innen alles vergessen, was sie glauben zu wissen, neu überlegen und offen für eine neue Interpretation sind."
Wer ist Hamnet und woran stirbt er? Die wahre Geschichte
Über Shakespeares Sohn Hamnet ist nur wenig bekannt. Lediglich sein Geburts- und Beerdigungsdatum sind in historischen Dokumenten festgehalten. Bekannt ist auch, dass Hamnet und seine Schwester Judith zweieiige Zwillinge sind. Die beiden werden am 2. Februar 1585 getauft, als Shakespeare 21 und Anne 29 Jahre alt ist. Die Namen für ihre Kinder wählen sie wahrscheinlich zu Ehren ihrer Nachbar:innen Hamnet und Judith Sadler.
Mit nur elf Jahren stirbt Hamnet. Er wird am 11. August 1596 in Stratford-upon-Avon begraben. Die Todesursache ist nicht überliefert, was zu vielen Spekulationen führt.
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Viele Historiker:innen halten es für wahrscheinlich, dass Hamnet an der Pest stirbt. In der Zeit rund um seinen Tod kommt es in Stratford zu mehreren Ausbrüchen der Krankheit. Dieser These folgen auch der Film und das zugrunde liegende Buch.
Andere Theorien gehen davon aus, dass der Junge an der Ruhr oder Typhus erkrankt sein könnte. Diese Krankheiten wüten zu der Zeit ebenfalls in der Region. Es könnte zudem sein, dass Hamnet mit einer körperlichen Beeinträchtigung oder einem geschwächten Immunsystem zur Welt gekommen ist. Das kann bei Zwillingen durchaus vorkommen. Doch für keine der Annahmen gibt es historische Beweise.
Ist Hamnets Tod die Inspiration für Hamlet?
Im Film und im Roman inspiriert Hamnets Tod Shakespeare zum Schreiben von "Hamlet". Das Stück gilt als eines seiner bedeutendsten Werke. Der Autor vollendet es 1601 oder 1602, also wenige Jahre nach dem Tod seines Sohnes. Das Drama dreht sich um einen Prinzen, der nach dem Tod seines Vaters dem Wahnsinn verfällt. Themen wie Trauer und Verlust spielen darin eine entscheidende Rolle.
Allerdings gibt es keinen Beweis dafür, dass diese Theorie in "Hamnet" der wahren Geschichte entspricht. Wissenschaftler:innen bringen Hamnets Tod trotzdem immer wieder mit dem Drama in Verbindung. Ein so einschneidendes Ereignis hat Shakespears Arbeit mit Sicherheit beeinflusst. Außerdem waren die Namen Hamnet und Hamlet zu der Zeit austauschbar. Es ist also zumindest wahrscheinlich, dass Shakespeare das Stück nach seinem Sohn benannt hat.
"Hamnet" ist übrigens nicht der einzige Film, der 2026 bei uns auf der großen Leinwand startet. Weitere Highlights findest Du hier aufgelistet: