Furchtbares Verbrechen oder Justizirrtum? Wir erzählen die wahre Geschichte hinter "Der Fall Lucy Letby": Eine britische Kinderkrankenschwester wird verurteilt, weil sie sieben Babys ermordet haben soll – aber ist sie eigentlich unschuldig?
Das Wichtigste in Kürze
- Die britische Krankenschwester Lucy Letby wird 2023 wegen mehrfachen Mordes und Mordversuchs verurteilt.
- Doch es gibt erhebliche Zweifel an der Beweisführung und dem Urteil.
- Unter anderem sollen die angeblichen Mordmethoden nicht plausibel sein.
Wer ist Lucy Letby und was soll sie getan haben?
Die britische Kinderkrankenschwester Lucy Letby arbeitet seit 2012 am Countess of Chester Hospital im Nordwesten Englands. Ihr Studium der Pflegewissenschaften hatte sie zuvor mit dem Schwerpunkt Kinderkrankenpflege abgeschlossen. Wenige Jahre später spezialisiert sie sich auf Intensivpflege für Babys. Anschließend arbeitet sie auf der Intensivstation für Neugeborene der Klinik: Dort werden Kinder versorgt, die etwa deutlich zu früh oder unter schwierigen Bedingungen geboren werden.
Lucy Letby führt zu diesem Zeitpunkt ein unspektakuläres Leben: Sie wohnt allein in einem Haus, rund 20 Minuten zu Fuß vom Krankenhaus entfernt. Ihre ersten Berufsjahre in Chester sind unauffällig.
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Doch dann kommt es plötzlich zu einer Häufung von Todesfällen auf der Intensivstation: 2015 sterben acht Neugeborene, in der ersten Hälfte des Jahres 2016 weitere fünf Babys. Davor waren jeweils nur ein bis drei Kinder pro Jahr ums Leben gekommen.
Die Säuglinge werden obduziert, und eine externe Untersuchung wird eingeleitet. Doch weder die Autopsien noch die Prüfung liefern Hinweise auf ungewöhnliche Ursachen oder strafbare Handlungen. Zwei Ärzte auf der Station bleiben jedoch misstrauisch.
Sie entdecken, dass sich viele der Todesfälle ereignen, wenn Lucy Letby im Dienst ist. Die Mediziner fordern die Krankenhausverwaltung mehrfach auf, die Frau von der Station abzuziehen. Mitte 2016 wird sie in die Verwaltung versetzt.
Im Jahr 2017 wenden sich die Mediziner schließlich an die Polizei. Obwohl es keine Beweise gibt und nie jemand Letby auf frischer Tat ertappt hat, nehmen die Ermittler:innen die Anschuldigungen ernst. Ein Team befasst sich unter dem Namen "Hummingbird" mit den Fällen. Am 3. Juli 2018 wird Lucy Letby wegen des Verdachts auf sechsfachen Mord und sechsfachen versuchten Mord verhaftet.
Der Fall Lucy Letby: Die wahre Geschichte hinter dem Prozess
Am 10. Oktober 2022 beginnt der Prozess gegen Lucy Letby vor dem Strafgericht in Manchester. Die 17 Anklagepunkte umfassen sieben Morde sowie 15 versuchte Morde. Die damals 32-Jährige bestreitet alle Vorwürfe.
Neben Ärzt:innen, Eltern und Kolleg:innen treten medizinische Sachverständige und Ermittler:innen in den Zeugenstand. Ein Kinderarzt im Ruhestand und Gerichtsgutachter ist einer der wichtigsten Experten der Anklage. Dr. Dewi Evans hatte von den Ermittlungen gelesen und seine Expertise angeboten.
Nach dem Studium der Akten schlussfolgert er, dass die Babys auf nach außen hin kaum sichtbare Weise ermordet wurden – trotz der anderslautenden Autopsien. Demnach wurde ihnen Luft ins Blut gespritzt oder über Nasensonden in den Magen eingeführt sowie Insulin oder zu viel Milch verabreicht. Laut Staatsanwaltschaft waren die Säuglinge vorher stabil und andere Erklärungen könnten ausgeschlossen werden.
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Ein Dokument soll den Geschworenen auffällige Überschneidungen zwischen Lucy Letbys Dienstzeiten und Todesfällen zeigen. Handschriftliche Notizzettel der Angeklagten aus ihrem Haus werden von der Staatsanwaltschaft als Geständnisse interpretiert. Darauf steht unter anderem "Es tut mir leid, dass Du keine Chance auf ein Leben hast" und "Warum ich?". Die Verteidigung ruft nur zwei Personen in den Zeugenstand: Lucy Letby selbst und einen Klempner.
Am Ende wird die Angeklagte wegen siebenfachen Mordes und siebenfachen Mordversuchs verurteilt – ohne Nennung eines Motivs. Sie muss lebenslang in Haft, eine Entlassung ist ausgeschlossen. Seitdem sitzt Lucy Letby in einem Hochsicherheitsgefängnis in Surrey, England.
Die Verhandlung in einem der längsten Mordprozesse in der britischen Geschichte dauert 145 Tage. Prozess und Urteil erregen riesiges Medienaufsehen. Die Frau wird von Teilen der Presse als "Großbritanniens schlimmste Kindermörderin" und "kalte, berechnende Killerin" beschrieben, berichtet CBC.
Zweifel an dem Urteil: Ist Lucy Letby unschuldig?
Obwohl die Krankenschwester wegen Mordes im Gefängnis sitzt, gibt es massive Zweifel an der Beweisführung und an dem Urteil. Der Fall Lucy Letby ist weithin heftig umstritten – das ist die wahre Geschichte dahinter:
Die Morde, die vielleicht keine sind – und andere Erklärungen
Lucy Letby hat kein einziges Baby getötet: Das behauptet zumindest ein Gremium 14 internationaler medizinischer Fachleute unter anderem aus Kanada, den USA und Deutschland. Dieses hatte 17 der Fälle geprüft. Der Vorsitzende Dr. Shoo Lee sagt bei einer Pressekonferenz Anfang 2025: "In allen Fällen waren Tod oder Verletzungen auf natürliche Ursachen oder schlicht schlechte medizinische Versorgung zurückzuführen", zitiert ihn die BBC. Es gebe für jeden Tod andere Erklärungen als vor Gericht behauptet.
Dr. Lee ist Experte für neonatale Versorgung, also für Babys in den ersten 28 Lebenstagen. Eine seiner wissenschaftlichen Arbeiten von 1989 befasst sich mit dem Eindringen von Luft in den Blutkreislauf, was tödlich sein kann. Laut Dr. Lee hat Gerichtsgutachter Dr. Dewi Evans seine Erkenntnisse komplett falsch interpretiert. Lee kommt auch in der Netflix-Dokumentation "Der Fall Lucy Letby" zu Wort.
Schon zuvor bezeichneten Fachleute einige der angeblichen Mordmethoden als "praktisch nicht durchführbar" oder "Blödsinn", so der Guardian. In dem Artikel heißt es außerdem, dass die Station während der Zeit der vielen Todesfälle extrem dünn besetzt war.
Darüber berichtet auch The New Yorker: Es habe auf der Station nur einen Facharzt und zudem Hygieneprobleme gegeben. Die Reportage beschreibt zudem Zweifel an der Expertise von Dr. Dewi Ewans. Ein Richter in einem anderen Prozess habe seine Gutachten „tendenziös und parteiisch" genannt.
Darüber hinaus soll es im fraglichen Zeitraum in der Klinik einen Ausbruch eines gefährlichen Bakteriums gegeben haben, das für Neugeborene lebensbedrohlich sein kann. Das geht aus einem geleakten Bericht hervor, der Mitte 2024 publik wurde und auf den sich der Telegraph beruft.
Wahre Geschichte hinter dem Fall Lucy Letby: Die Überschneidung zwischen Dienstzeiten und Todesfällen
Dass die Krankenschwester während vieler der Todesfälle im Dienst ist, trug maßgeblich zu ihrer Verurteilung bei. Doch Lucy Letby springt häufig für Kolleg:innen ein; das Krankenhaus und die kleine Station gelten als unterbesetzt. Es gibt nur noch eine Kollegin mit ähnlicher Qualifikation. Wenn jemand viele Dienste übernimmt, steigt automatisch die Wahrscheinlichkeit, dass die Person bei kritischen Ereignissen anwesend ist.
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Dass Lucy Letby oft anwesend ist, zeigt also eine statistische Häufung, ist aber kein Beweis für eine Straftat. Gründe können auch der Schichtplan oder sogar Dokumentationsfehler sein. Erschwerend kommt hinzu, dass das Dokument der Staatsanwaltschaft zu den Dienstzeiten die Vorfälle auslässt, während der Lucy Letby nicht gearbeitet hat.
Die handgeschriebenen Zettel
Die Notizen von Lucy Letby zeigen vor allem, dass sie "unter extremem seelischem Stress" steht, stellt eine Expertin für forensische Psychologie gegenüber dem TV-Sender Channel 5 fest. Sie seien kein Schuldeingeständnis. Später berichtet der Guardian, dass die Krankenschwester die Zettel auf Empfehlung ihres Therapeuten geschrieben hatte. Das Ziel war es, ihre Gedanken zu strukturieren und die emotionale Überforderung einzudämmen.
Der Fall Lucy Letby heute: Kommt es zu einem neuen Verfahren?
Die neuen Anwälte von Lucy Letby haben zwei Anträge auf Zulassung zur Berufung eingereicht, beide wurden vom Court of Appeal abgelehnt. Ihr bleibt damit nur noch eine Hoffnung: Eine Justizkommission kann darüber entscheiden, ob der Fall neu aufgerollt werden muss. Aber es kann Jahre dauern, bis es dazu kommt.
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