Die wahre Geschichte zu „September 5”: Bei den Olympischen Spielen 1972 in München verüben palästinensische Terrorist:innen einen Anschlag auf das israelische Team. Ein Ereignis, das auch die Medienwelt für immer veränderte – davon erzählt der Film „September 5” seit dem 10. November bei Netflix, der nachzeichnet, wie der US-Sender ABC auf das Attentat reagierte.
Darum geht es in September 5
Es ist eines jener Ereignisse, die man nie vergisst, auch ohne vor Ort und beteiligt gewesen zu sein: der Anschlag auf die Olympischen Spiele 1972 in München. Am 5. September fiebern die Münchner:innen und Millionen Sportfans in aller Welt dem zehnten Wettkampftag der XX. Olympischen Sommerspiele entgegen.
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Die ersten knapp eineinhalb Wochen der Spiele waren ein Fest voller Rekorde und Lebensfreude. Doch zwischen 4 und 5 Uhr an jenem Morgen fallen Schüsse im Olympischen Dorf. Eine Gruppe palästinensischer Terrorist:innen ist auf das Gelände vorgedrungen und stürmt das Quartier der israelischen Mannschaft. Die Terrorist:innen erschießen zwei Israelis, nehmen neun weitere als Geiseln und stellen unerfüllbare Forderungen.
Wendepunkt der TV-Geschichte
Das IOC unterbricht die Spiele, allerdings erst am Nachmittag. Nach erfolglosen Verhandlungen und diversen verstrichenen Ultimaten sichern die deutschen Behörden den Terrorist:innen schließlich freies Geleit zu, um mit den Geiseln nach Kairo zu fliegen. Die Polizei will die Situation als Hinterhalt nutzen, verursacht aber stattdessen ein Desaster.
Denn bei der folgenden nächtlichen Befreiungsaktion am Flughafen Fürstenfeldbruck werden alle Geiseln, ein bayerischer Polizeibeamter sowie fünf der acht Attentäter:innen getötet. Die drei überlebenden Terrorist:innen werden festgenommen und wenige Wochen darauf bei der Entführung einer Lufthansa-Maschine freigepresst.
Der Anschlag auf die Olympischen Spiele in München gilt als der erste Terrorakt, der live im Fernsehen übertragen wurde. Statt Bilder von den Wettkämpfen zu zeigen, richteten die TV-Sender ihre Kameras und Mikrofone auf das Verbrechen im Olympischen Dorf.
Und genau das ist die wahre Geschichte in „September 5”: Der Film zeigt, wie der US-amerikanische Sender ABC die Geiselnahme live ausstrahlt; obwohl er eigentlich vor Ort ist, um den Sport zu übertragen.
ABC schwenkt um – vom Sport zum Terror
ABC arbeitet während der Spiele im Sendezentrum des Olympischen Dorfes. Als am frühen Morgen des 5. September die ersten Schüsse fallen, befindet sich nur ein kleines Team im Studio. Als es aber immer mehr Informationen zu dem Vorfall gibt, setzt hektische Betriebsamkeit ein. Der Sender holt alle verfügbaren Kräfte ins Studio, darunter auch den verantwortlichen Produzenten Roone Arledge.
Das journalistische Personal des Senders ist auf Sport spezialisiert, schwenkt nun aber auf die aktuelle Berichterstattung eines laufenden Terrorakts um. Dazu braucht es Fakten – und Bilder. Die sollen die monströsen Studiokameras liefern, die sonst nur für planbare Innenaufnahmen oder an festen Standpunkten an den Wettkampfstätten genutzt werden.
Nun werden die Kameras vor die Studiotür gerollt, um Livebilder aus dem Olympischen Dorf einzufangen. Auch das gehört zur wahren Geschichte in „September 5”: Lange bevor Live-TV-Bilder von mobilen Kompaktkameras oder gar Smartphones geliefert wurden, waren Tonnen an Equipment notwendig, um auch nur ein Bild senden zu können.
Es gab zwar bereits tragbare Kameras im TV-Geschäft. Aber das waren analoge 16-Millimeter-Kameras, deren Bilder zunächst im Labor entwickelt werden mussten, bevor sie sich bearbeiten und senden ließen. Und bei Großereignissen wie den Olympischen Spielen gab es mindestens eine weitere technische Herausforderung: Die verfügbare Satelliten-Kapazität für Liveübertragungen war knapp.
Die Tücken der TV-Technik
Zu jeder Zeit senden, so lange und wohin es gefällt – das war nicht möglich. Anfang der 70er-Jahre mussten etwa die US-Sender untereinander vereinbaren, wer wann sein Programm über den Satelliten schicken durfte. ABC gelang dies trotz aller Hindernisse – und handelte sich dafür sogar Ärger mit den deutschen Behörden ein.
In einer Szene des Films dringen Polizist:innen mit vorgehaltener Waffe in den Kontrollraum des Senders ein und verlangen, eine der Livekameras sofort abzuschalten. Die zeige nämlich, wie Scharfschütz:innen der Polizei über dem israelischen Quartier Position beziehen.
Die Behörden glauben, dass die Terrorist:innen im Apartment der Israelis ebenfalls die Livebilder im Fernsehen verfolgen. Damit wäre eine mögliche Befreiungsaktion zum Scheitern verurteilt. ABC schaltet die Kamera daraufhin ab.
Legende hält sich bis heute
Auch Jahrzehnte nach dem Anschlag glauben damals Beteiligte, Medien und die Öffentlichkeit, dass die Terrorist:innen über den Polizeieinsatz im Olympischen Dorf durch Fernsehen und Radio informiert waren. Damit wären die Täter:innen ihren Verfolger:innen immer einen Schritt voraus gewesen. Auch „September 5” bleibt dieser Version treu – aber sie entspricht wohl nicht der wahren Geschichte.
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Erst 2024 bringt das Münchner Institut für Zeitgeschichte mehr Licht in diese Episode der TV- und Terror-Geschichte. Denn Instituts-Historiker Andreas Wirsching recherchiert eine andere Version. Auf den Grundrissen Adresse des israelischen Quartiers seien keine Fernsehanschlüsse vorgesehen gewesen.
Und auf den Polizeifotos des Tatorts seien weder ein TV- noch ein Radiogerät erkennbar gewesen, so Wirsching. Der Polizeibericht enthält eine Aufzählung aller Gegenstände im Apartment des israelischen Teams; doch darin tauchen weder Fernseher noch Radio auf.
Die Personen hinter der wahren Geschichte von September 5
„September 5” beruht auf der wahren Geschichte des Terroranschlags auf die Olympischen Spiele 1972. Der Film konzentriert sich allerdings nicht auf den Terrorakt selbst, sondern auf die mediale Begleitung dieses Ereignisses. Er zeigt in gewissem Sinne, wie dieses Ereignis zu dem gemacht wurde, als das es heute noch erscheint.
Es geht weniger um das, was vor den Kameras passiert, als vielmehr um die Menschen und Entscheidungen dahinter. Es geht um Ethik und journalistische Verantwortung in einer Ausnahmesituation, die Chance und Katastrophe zugleich ist. Die Menschen, die 1972 für ABC in München arbeiteten, leisteten auf jeden Fall Außergewöhnliches.
Fast alle Personen real
Der Film bemüht sich, das wiederzugeben. So tauchen (fast) alle damals wichtigen Personen als Charaktere im Film auf. Das ist vor allem das Team um den Produzenten Geoffrey Mason (gespielt von John Magaro), zu dem auch der Sportreporter Marvin Bader (Ben Chaplin) gehört. Masons Chef ist Roone Arledge (Peter Sarsgaard).
Die deutsche Übersetzerin Marianne Gebhardt (Leonie Benesch), die neben Mason sitzt, ist allerdings eine fiktive Figur. Sie ist steht stellvertretend für mehrere Übersetzungskräfte, die damals im Studio für ABC arbeiteten.
Geoffrey Mason war während der Spiele 1972 Leiter des Regieraums von ABC. Er fing als Produktionsassistent bei dem Sender an, arbeitete später in den Sportredaktionen von NBC, Fox, ESPN und NFL Network. Mason arbeitete als TV-Produzent für sieben Olympische Spiele, sechs Fußball-Weltmeisterschaften und einen Super Bowl. Am Drehbuch zu „September 5” wirkte er als Berater mit.
Roone Arledge (gestorben 2002) war 1972 Präsident von ABC Sports. Er wurde später Präsident und Vorsitzender von ABC News. Die New York Times bezeichnete ihn einmal als „die wichtigste Figur hinter den Kulissen der Fernsehberichterstattung über die wichtigsten Ereignisse des letzten halben Jahrhunderts”. Arledge entschied, die Berichterstattung über den Anschlag ohne Pause fortzusetzen – sie dauerte insgesamt 17 Stunden.
Marvin Binder war ein jüdisch-amerikanischer Sportjournalist, der bereits vor 1972 von Sportereignissen aus Deutschland berichtet hatte. Der Einsatz in dem Land, in dem der Holocaust stattfand, war für den Journalisten nicht einfach. Während der Livesendung ist er es aber, der Regie aus dem Kontrollraum führt.
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