15 junge Frauen werden in der Nazi-Zeit gezwungen, täglich ihr Leben zu riskieren: Sie müssen Hitlers Essen vorkosten, um zu testen, ob es vergiftet ist. Doch ob hinter "Die Vorkosterinnen" tatsächlich eine wahre Geschichte steckt, erklären wir Dir hier.
Die Vorkosterinnen: Ein bewegender Film – und die Geschichte dahinter
Rosa Sauer (Elisa Schlott) findet 1943 in einem 300-Seelen-Dorf in Ostpreußen Zuflucht. Ihr Mann kämpft an der Front, ihre Wohnung in Berlin ist ausgebombt. Was sie nicht weiß: Ganz in der Nähe und tief im Wald versteckt liegt Adolf Hitlers "Wolfsschanze" – sein geheimes Hauptquartier an der Ostfront.
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Die SS zwingt Rosa und 14 andere Frauen, Hitlers Speisen vorzukosten. Während im Krieg überall in Europa Menschen hungern, essen sie Spargel, Obst, Gemüse und Nudeln. Aber mit jedem Happen riskieren sie ihr Leben: Denn falls die Lebensmittel vergiftet sind, sterben sie – und nicht Hitler.
Diese Geschichte erzählt der Film "Die Vorkosterinnen". Der italienisch-schweizerische Regisseur Silvio Soldini ("Brot und Tulpen") hat dafür den gleichnamigen Bestseller-Roman von Rosella Postorino (2018) verfilmt.
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Aber: Handelt es sich bei "Die Vorkosterinnen" um eine wahre Geschichte? Buch und Film basieren auf den Erlebnissen von Margot Woelk, die erst mit 95 Jahren in einem Zeitungsinterview davon erzählte. Die Story lehnt sich an Woelks Erinnerungen an, ist aber teilweise fiktionalisiert. Die Hauptfigur heißt Rosa und nicht Margot. Auch ihre Beziehung zu dem SS-Mann im Film ist erfunden.
Wer ist Margot Woelk?
Margot Woelk kommt im Dezember 1917 in Berlin zur Welt. Ihr Vater weigert sich, der NSDAP beizutreten, sie geht nicht zum Bund Deutscher Mädel (BDM). 1939 heiratet sie Karl, einen Soldaten der Wehrmacht. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs arbeitet die junge Frau als Sekretärin. 1942 zerstören Bomben die Wohnung, in der sie aufgewachsen ist, und Margot flieht aus der Stadt.
Ihr Ehemann ist zu dieser Zeit als Soldat in der Ukraine. Doch seine Eltern wohnen im ostpreußischen Dorf Groß-Partsch. Dorthin zieht die 24-Jährige. Nur 2,5 Kilometer entfernt befindet sich als Teil eines Bunkersystems das Führerhauptquartier Wolfsschanze. Das ist eines der militärischen Lagezentren des Führungsstabes der deutschen Wehrmacht. Hitler verbringt dort während des Zweiten Weltkriegs mehr als 800 Tage.
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Das ist auch der Grund, warum die SS nach kurzer Zeit nicht nur Margot, sondern auch 14 andere junge Frauen abholt. Sie werden zu einer Baracke in der Nähe gebracht, nicht in die Wolfsschanze selbst. Die Nazis haben Angst, dass die Alliierten oder andere Feinde Hitler vergiften könnten. Darum zwingen sie die Frauen, seine Speisen vorzukosten. Falls etwas beigemischt wäre, würde eine von ihnen sterben und nicht er. Alle Vorkosterinnen sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Eine weitere Anforderung der SS: Sie müssen gesund sein.
Das vergessene Leiden der Vorkosterinnen
Jeden Morgen werden die Frauen mit einem Bus abgeholt und zur Baracke gebracht, aber nur, wenn sich Hitler tatsächlich im Hauptquartier befindet. Dann wird ihnen ein Gericht vorgesetzt, das ihm später serviert werden soll. Eine Diätköchin bereitet die vegetarischen Speisen frisch zu.
"Es gab meist Gemüse, nie Fleisch, selten Suppen", erinnert sich Margot Woelk viele Jahre später in dem Interview mit der B.Z., in dem sie die wahre Geschichte der Vorkosterinnen erstmals erzählt. "Wir fühlten uns wie Versuchskaninchen", ergänzt sie.
Die Frauen wissen nie, ob sie die Mahlzeit überstehen werden. In der Reportage "Hitlers Vorkosterin" des RBB sagt sie: "Manchen liefen schon beim Essen die Tränen runter." Eine Stunde müssen sie sitzenbleiben, bevor sie aufstehen dürfen. Danach "haben wir geheult wie die Schlosshunde, dass wir's überlebt haben".
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Am 20. Juli 1944 deponiert Claus Schenk Graf von Stauffenberg eine Sprengladung in der Wolfsschanze, die Hitler töten soll. Doch der überlebt mit leichten Verletzungen. Für die Vorkosterinnen hat das Attentat Folgen: Sie müssen nun in einer leer stehenden Schule in der Nähe wohnen. Mehr als 2,5 Jahre testen die Frauen unter Lebensgefahr das Essen des "Führers".
Als die Rote Armee im Herbst 1944 nur noch wenige Kilometer entfernt ist, hilft Margot ein Oberleutnant, damit sie in letzter Minute nach Berlin fliehen kann. Nach dem Krieg erzählt er ihr, dass sowjetische Soldaten die anderen 14 Vorkosterinnen erschossen haben.
Die wahre Geschichte der Vorkosterinnen: Warum Margot Woelk jahrzehntelang schweigt
In Berlin versteckt sich Margot Woelk bei einem Arzt, der sie vor der SS rettet. Später wird sie von Soldaten der Roten Armee zwei Wochen lang festgehalten und vergewaltigt. Sie erleidet dabei so schwere Verletzungen, dass sie keine Kinder mehr bekommen kann. 1946 finden sich der tot geglaubte Karl und Margot wieder. Die beiden leben zusammen in der Wohnung ihrer Eltern, bis er stirbt.
Die ehemalige Vorkosterin spricht lange nicht über das, was sie erlebt hat. Auch ihr Mann weiß nichts davon. Erst als sie 95 Jahre alt ist, erzählt sie einem Reporter von ihrem Schicksal. Der erinnert sich später: "Eigentlich war unser Thema, dass sie ein Leben lang in ihrer Wohnung lebte." Doch dann habe sie plötzlich gesagt: "Da ist noch etwas …" (via B.Z.).
In der RBB-Reportage erklärt sie, warum sie so lange geschwiegen hat: "Auf einmal habe ich gedacht, das muss eigentlich mal raus – vielleicht, weil ich immer Albträume hatte." Vorher habe sie vergessen wollen, was vorgefallen ist.
Adolf Hitler hat Margot Woelk nach eigener Aussage nie gesehen – aber fast jeden Tag dessen Schäferhund. "Blondie" spielte vor der Baracke, in der Hitlers Vorkosterinnen das Essen testen mussten.
Im April 2014 stirbt Margot Woelk im Alter von 97 Jahren in Berlin.
Die wahre Geschichte von Hitlers Vorkosterinnen
Nachdem 2014 die RBB-Reportage über Margot Woelk erschien war, äußert sich ein Historiker und Journalist kritisch. Das Essen für Hitler sei im Inneren der Wolfsschanze zubereitet worden, in einem streng abgeriegelten Bereich, heißt es in einem Artikel der Welt. Es sei nicht sinnvoll gewesen, das Essen nach außen zu transportieren. Zudem gebe es nirgendwo sonst Hinweise auf die Vorkosterinnen.
Ein anderer Historiker schreibt ein Buch über Hitlers Jahre in der Wolfsschanze. In einem Gespräch mit der Deutschen Welle sagt Felix Bohr, dass er bei seinen Recherchen keine Quellen gefunden habe, die Margot Woelks Geschichte und die Existenz von Hitlers Vorkosterinnen bestätigen – aber auch keine, die das Gegenteil beweisen.