Wo Ferdinand von Schirach draufsteht, stecken meist spannende Justizdramen drin. Das gilt auch für den Roman, der mit Elyas M'Barek in der Hauptrolle prominent verfilmt wurde. Doch steckt hinter "Der Fall Collini" eine wahre Geschichte? Das erfährst Du hier!
Das Wichtigste in Kürze
- "Der Fall Collini" adaptiert den gleichnamigen Roman von Ferdinand von Schirach, der 2011 erschienen ist.
- Film und Buch basieren nicht auf einer wahren Begebenheit.
- Aber: Sie beziehen sich auf den realen Verjährungsskandal von 1968, der die Amnestie von NS-Verbrechen ermöglichte.
Worum geht es in Der Fall Collini?
Filme, die ihre Spannung aus Gerichtsprozessen beziehen, gibt es einige. Dazu zählen der Horrorfilm „Conjuring 3“, das Gerichtsdrama „Erin Brockovich“ oder auch „The Trial of the Chicago 7“. Auch in der deutschen Filmlandschaft finden sich zahlreiche Gerichtsfilme wie „Der Vorleser“ um eine angeklagte KZ-Aufseherin, „Die Ermittlung“ um den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess oder „Terror“ basierend auf Ferdinand von Schirachs gleichnamigen Theaterstück.
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Vor allem der Name von Schirach ist Fans von Justizdramen bekannt, denn der ehemalige Strafverteidiger lässt sein Fachwissen spürbar in sein Werk einfließen. Das gilt auch für seinen Roman "Der Fall Collini", der 2011 im Btb-Verlag erschien und 2019 verfilmt wurde.
In "Der Fall Collini" behandelt von Schirach den Vergeltungsmord an einem ehemaligen SS-Sturmbannführer sowie die Frage der Verjährung von NS-Kriegsverbrechen. Im Mittelpunkt steht Anwalt Caspar Leinen, im Film von Elyas M'Barek verkörpert.
Leinens erster Fall als Pflichtverteidiger ist der des ehemaligen Gastarbeiters Fabrizio Collini (gespielt vom "Django"-Darsteller Franco Nero), der den Großindustriellen Hans Meyer kaltblütig ermordet hat.
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Schnell stellt sich im Verlauf des Gerichtsverfahrens heraus, dass Hans Meyer als junger SS-Sturmbannführer 1944 eine willkürliche Hinrichtung von Partisanen in der Toskana veranlasste. Dabei wurden auch der Vater sowie die Schwester von Fabrizio Collini getötet, der sich Jahrzehnte später am Industriellen Meyer rächt.
Ist Der Fall Collini eine wahre Geschichte?
Wie bei den meisten Von-Schirach-Stoffen stellt sich die berechtigte Frage, ob "Der Fall Collini" auf einer wahren Geschichte basiert. Schließlich gehen auch von Schirachs Bestseller "Verbrechen", "Schuld" und "Strafe" auf Prozesse zurück, die er selbst erlebt hat.
Bei "Der Fall Collini" sieht es etwas anders aus. Die schnelle Antwort müsste hier lauten: Weder Roman noch Film verarbeiten einen realen Mordfall. Sowohl Figuren als auch der beschriebene Gerichtsprozess sind rein fiktiv.
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Ganz so eindeutig lässt sich die Frage trotzdem nicht beantworten. Denn selbst wenn Figuren und Fall fiktiv sind, ist die Geschichte dahinter sehr real.
Der Fall Collini: Keine wahre Geschichte, aber ein wahrer Hintergrund
Im Zentrum des Gerichtsdramas stehen nicht nur der Mord am ehemaligen SS-Sturmbannführer Hans Meyer, sondern auch eine durchaus reale Gesetzesänderung, die 1968 in Deutschland in Kraft tritt. Dabei handelt es sich um den sogenannten Verjährungsskandal, der durch Art. 1 Nr. 6 des Einführungsgesetzes zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten (EGOWiG), ermöglicht wird.
Die Gesetzesänderung ist auch als Dreher-Gesetz bekannt, da der ehemalige NS-Anwalt und spätere Ministerialbeamte Eduard Dreher für die Gesetzesumsetzung Verantwortung trug. Dabei ging es um eine Amnestie von NS-Verbrechen.
Zahlreiche NS-Verbrecher:innen kommen durch das Dreher-Gesetz straffrei davon. Von Schirach greift das Gesetz im Roman sogar konkret auf, denn in dem Buch erstattet Collini bereits 1968 Anzeige gegen Meyer. Durch die Verfolgungsverjährung wird das Verfahren jedoch eingestellt.
Echte SS-Verbrechen und Justizskandale fiktiv aufbereitet
Ein Von Schirach wären kein Von Schirach, wenn in den Figuren nicht zumindest ein Funken Wahrheit stecken würde. Die Verbindung zu realen Hintergründen enden daher nicht bei dem realen Verjährungsskandal von 1968. Ferdinand von Schirach lässt sich zur Figur des Hans Meyer zudem durch den sehr realen Friedrich Engel inspirieren.
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Friedrich Engel, auch als Schlächter von Genua bekannt, ist während der NS-Diktatur als SS-Obersturmbannführer sowie SD-Chef in Genua tätig. Hier veranlasst er nach einem Partisanenanschlag die Massenhinrichtung von 59 inhaftierten Partisan:innen im Marassi-Gefängnis.
Engel zeichnet sich zudem für weitere Massaker in Benedicta, Portofino und Cravasco verantwortlich. Auch hier zeigen sich deutliche Parallelen zur fiktiven Biografie von Ferdinand von Schirachs Figur Hans Meyer.
Anders als Meyer kommt Friedrich Engel jedoch ungeschoren davon: Nachdem er 1999 von einem italienischen Gericht in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt wird, bleibt er in Deutschland zunächst unbehelligt. Erst 2002 wird er vom Landgericht Hamburg zu sieben Jahren Haft verurteilt, die er aufgrund seines Alters nicht antreten muss.
2004 wird das Urteil vom Bundesgerichtshof aufgehoben und der Prozess eingestellt, da er angeblich unter dem damaligen Kriegsvölkerrecht nicht gegen Vorschriften oder die sogenannte "Humanitätsschranke" verstoßen hat.
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