Felicia Mutterer: „Diversität macht Ihr Unternehmen erfolgreich!”

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Felicia Mutterer: „Diversität macht Ihr Unternehmen erfolgreich!”

Ein Gast­beitrag von Feli­cia Mut­ter­er:

Les­bis­che Frauen, schwule Män­ner und Transper­so­n­en sind ein wichtiger Wirtschafts­fak­tor. Eine steile These! Sie stammt vom US-Ökonom Richard Flori­da. Die LGBT-Com­mu­ni­ty ist da, wo Tol­er­anz gelebt wird, und wo Tol­er­anz ist, da ist Wirtschaftswach­s­tum. Das ist abgeleit­et aus der The­o­rie der „Kreativ­en Klasse“. Ein Lob auf die Diver­sität!

Vielfalt fördert Innovation

„Zum Glück bist Du wed­er eine Zicke, noch eine Les­be.”, sagte vor zehn Jahren ein Vorge­set­zter zu mir. Damals schluck­te ich und schwieg mich bei meinem Arbeit­ge­ber aus. Nun kann ich darüber schreiben, warum Schweigen eine Option, aber nicht die Lösung und schon gar nicht im gesamt­ge­sellschaftlichen Inter­esse ist. Wo Vielfalt herrscht ist Tol­er­anz uner­lässlich. Hier set­zt die The­o­rie des US-Ökonomen Richard Flori­da an. Wenn er von der „Kreativ­en Klasse” spricht, stützt er sich auf drei sich ergänzende Fak­toren: Tech­nolo­gie, Förderung von Tal­en­ten, Tol­er­anz. Das Ergeb­nis ist ein inno­v­a­tives Umfeld - der Schlüs­selfak­tor für wirtschaftlich­es Wach­s­tum. Das bestätigt auch Sozi­ologe Con­stan­tin Schön.

„Der aktuelle Forschungs­stand zeigt, dass es einen großen Zusam­men­hang zwis­chen Tol­er­anz und Inno­va­tion­skraft zu geben scheint. Aus der Diver­sitäts­forschung wis­sen wir, dass Unternehmen, die auf Inno­va­tion angewiesen sind, von einem Umfeld prof­i­tieren, das divers ist und wo Vielfalt gefördert wird.”

Lebens­mod­elle abseits der „Mama-Papa-Kind-Sch­ablone” sind in Deutsch­land akzep­tiert­er als vor zehn Jahren, doch längst nicht selb­stver­ständlich. Die eine les­bis­che Lehrerin ver­heim­licht ihre Part­ner­in vor ihrem Onkel, der schwule Bankangestellte lacht in der Mit­tagspause lieber ver­legen mit den Kol­le­gen über Schwu­len­witze. Die Arbeitswelt ist intol­er­ant. Denn natür­lich sind Bemühun­gen um Diver­sität mit per­sön­lichem Ein­satz und wom­öglich auch mit Kosten ver­bun­den.

Diversität erhöht den Gewinn

Seit neun Jahren ver­anstal­tet Stu­art Cameron die LGBT-Kar­ri­eremesse Sticks & Stones. Zweimal jährlich bringt er Unternehmen und queere Men­schen in Berlin und München zusam­men. Immer mit dabei ist auch das Telekom­mu­nika­tion­sun­ternehmen Vodafone.Doch es ist nicht selb­stver­ständlich, dass große Unternehmen mit gutem Beispiel für Diver­sität an die Öffentlichkeit gehen, sagt Stu­art Cameron.

„Es ist nach wie vor schwierig, Unternehmen zu find­en, die für ein gutes Diver­si­ty-Man­age­ment im Bere­ich LGBT ein­treten. Es gehört heute ein­fach nur zum guten Ton LGBT-fre­undlich zu sein. Unternehmen schmück­en sich gern mit den Begrif­f­en. Es ist aber lei­der oft ein Son­nen­schein-The­ma. Sobald es reg­net, wird gut und gern der Kopf einge­zo­gen. Ich höre auch nicht sel­ten: ‘Wir haben doch gar kein Prob­lem damit, dass unsere Mitarbeiter*innen LGBT sind, also warum brauchen wir Maß­nah­men in diesem Bere­ich?’ Das hat nichts mit Wertschätzung zu tun. Oben­drein zeigen sie damit auch, dass sie das Poten­zial von Diver­si­ty immer noch nicht ver­standen haben.”

Noch immer behält die Mehrheit der LGBT-Arbeit­nehmer ihre sex­uelle Iden­tität lieber für sich. Warum? Die Gründe sind so unter­schiedlich wie Men­schen ver­schieden sind. Das belegt die 2017er Studie der Antidiskri­m­inierungsstelle des Bun­des (ADS) zum Umgang mit sex­ueller Iden­tität am Arbeit­splatz. Die gibt keinen Anlass zum Kon­fet­ti schmeißen. Drei Vier­tel der Befragten gaben an, im Job diskri­m­iniert wor­den zu sein: angeguckt (64 Prozent), ignori­ert (43 Prozent) oder sex­uell belästigt (39 Prozent). Jed­er Zehnte berichtet, sie oder er sei wegen ihrer oder sein­er sex­uellen Ori­en­tierung ver­set­zt, ent­lassen oder gar nicht erst eingestellt wor­den. Davon erzählt auch Son­ja Kop­pitz, radioeins-Mod­er­a­torin und mein Co-Host im STRAIGHT-Pod­cast auf audi­ble. Sie ver­mutet wegen ihrer Beziehung zu ein­er Frau bei einem Ham­burg­er Radiosender nicht eingestellt wor­den zu sein.

„Ich sollte für das Cast­ing auch eine per­sön­liche Mod­er­a­tion über mich machen. In der habe ich erzählt, dass ich seit kurzem mit ein­er Frau zusam­men bin und wie ver­schieden die Reak­tio­nen in meinem Umfeld darauf waren. Nach der Sendung hat mich der betreuende Redak­teur - Mitte 30 - gefragt, ob ich
eben wirk­lich erzählt habe, dass ich mit ein­er Frau zusam­men bin!?”

Bei ihrem jet­zi­gen Arbeit­ge­ber, dem rbb, the­ma­tisiert Son­ja Kop­pitz dage­gen regelmäßig alltäglich­es aus ihrem Pri­vatleben. Selb­stver­ständlich erzählt sie beispiel­sweise rund um die Debat­ten zur #ehe­füralle von ihrer eige­nen Ver­part­nerung. Das hat­te Fol­gen.

„Ich werde nun oft speziell für Jobs zum The­ma ange­fragt: ‘Kannst du nicht eine Reportage machen, wenn die ersten Homos richtig richtig heirat­en, jet­zt wo das Gesetz durch ist?‘. ‘Kannst du nicht beim CSD mod­erieren, du weißt ja wie das ist!?’. Jobs, die ich vorher nicht gemacht habe. Irgend­wie toll. Ander­er­seits habe ich eine Kol­le­gin mit ägyp­tis­chen Wurzeln, die dann eher für den Karneval der Kul­turen ange­fragt wird oder für Reporta­gen aus Flüchtling­sun­terkün­ften. Wir machen dann immer Witze. Die Quoten-Les­be und die Quoten-Aus­län­derin. Irgend­wie kön­nen wir drüber lachen, aber irgend­wie hat es auch so einen leicht­en Beigeschmack.”

Son­ja Kop­pitz hat durch ihr öffentlich­es les­bis­ches Leben neue Jobs, ver­di­ent sog­ar mehr Geld dadurch. Dass sie trotz­dem irri­tiert ist, kommt Karin Windt bekan­nt vor. Die selb­ständi­ge IT-Bera­terin gehört zum bun­desweit­en Vere­in „Wirtschaftsweiber“, einem Net­zw­erk von und für les­bis­che Führungskräfte.

„Ja, dass offen les­bisch lebende Frauen schnell zur ‘Beruf­sles­be’ wer­den, und sich fürder­hin beson­ders für les­bisch-schwule und queere The­men zuständig fühlen sollen, ken­nen einige von uns. Das ‘fremde’ The­ma wird dann ein­fach von den het­ero­sex­uellen Kolleg*innen wegdelegiert.”

Diskri­m­inierungser­fahrun­gen im Beruf - aber nicht nur dort - kenne fast jede der Frauen im Net­zw­erk, erzählt Karin Windt weit­er. Viele der Wirtschaftsweiber leben aber offen und erfahren am Arbeit­splatz Selb­stver­ständlichkeit. Etwa 90 Prozent der Homo­sex­uellen, die sich am Arbeit­splatz geöffnet haben, bericht­en, dass ihre Kolleg*innen und Chef*innen über­wiegend pos­i­tiv reagieren. Zudem habe der befre­ite Umgang mit sich selb­st sie zufrieden­er und leis­tungs­fähiger am Arbeit­splatz gemacht.

Wertschätzung macht glücklich

Akzep­tanz und Wertschätzung zählen zu den Grundbedürfnis­sen der Men­schen, warum also nicht auch im Job!? Wir ver­brin­gen schließlich einen Großteil unser­er Leben­szeit gemein­sam mit Kolleg*innen, Mitarbeiter*innen oder der Chef*in. Wo sich Men­schen wohlfühlen, ist die Chance höher, dass sich auch ein entspan­ntes Arbeit­skli­ma entwick­elt, ein Arbeit­sum­feld, in dem Kreativ­ität fließen kann, Inno­va­tio­nen entste­hen und Erfolge für das gesamte Unternehmen steigen. Glob­ale Fir­men ver­buchen Vielfalt als Gewinn. Das kann Markus Baumhaus bestäti­gen. Der Chan­nel Man­ag­er „Hil­fe & Sup­port” ist schwul. Er arbeit­et bei Voda­fone, die mit dem Employ­er Brand­ing Award in Gold aus­geze­ich­net wur­den.
Markus Baumhaus hat sich von Anfang an entsch­ieden, offen am Arbeit­splatz zu sein. Er sel­ber wurde noch nie im Unternehmen diskri­m­iniert.

„Was aber auf­fäl­lig ist, ist, dass Men­schen Dinge sagen, die unter das Stich­wort ‘wohlmeinende Diskri­m­inierung’ fall­en. Also das Gespräch mit mir fängt mit het­ero­sex­uellen Kol­le­gen oft so an: ‘Ich kenne übri­gens auch einen schwulen Mann…’. Ihm ist gar nicht klar, dass bis zu zehn Prozent der Leute LGBT sind. Da muss man viel Lang­mut und Fre­undlichkeit haben. Denn für ihn ist das ein wichtiger Schritt.“ Markus Baumhaus, Voda­fone

Voda­fone ist Diver­sität und Chan­cen­gle­ich­heit wichtig. Deswe­gen auch die Ausze­ich­nung für ihre LGBT-Aktiv­itäten und Posi­tion­ierung als vorurteils­freier Arbeit­ge­ber. Ziel ist es, ein inkludieren­des Arbeit­sum­feld zu schaf­fen, in dem sich nie­mand aus­ge­gren­zt fühlt, son­dern im Gegen­teil jede und jed­er Wertschätzung erfährt. Deswe­gen set­zt das Kom­mu­nika­tion­sun­ternehmen im Bere­ich LGBT nicht
nur auf Außen­wirkung wie Werbespots, die Vielfalt zele­bri­eren, oder der Präsenz bei CSDs, son­dern empow­ered seit 2014 auch aktiv seine Mitarbeiter*innen und set­zt auch direkt bei den Führungskräften an. Dazu gehören u.a. Sen­si­bil­isierungstrain­ings, Uncon­scious Bias-Sem­i­nare sowie eine offene Kom­mu­nika­tion über Defizite und Verbesserungspo­ten­tiale. Schlicht auch Bewusst­sein schaf­fen für Alltäglich­es wie: Wer het­ero­sex­uell ist, out­et sich prak­tisch jeden Tag damit: Bei Vorstel­lungsrun­den ‘Mein Name ist XY, ich bin ver­heiratet und habe zwei Kinder’, beim Smalltalk über das Woch­enende mit der eige­nen Fam­i­lie, beim Ver­weis auf die Schulfe­rien bei der Urlaub­s­pla­nung, etc. – Das Prob­lem von
LGBT ist, dass ihr Out­ing kom­plett anders bew­ertet wird und sie sich unter Diskri­m­inierungs-Druck fühlen, ihre sex­uelle Ori­en­tierung oder gar Iden­tität – im Gegen­satz zu den het­ero­sex­uellen Kol­le­gen – zu ver­heim­lichen. Markus Baumhaus hat deswe­gen einen weit­eren Titel: Head of LGBT Net­work Voda­fone Deutsch­land.

„Wir haben bei Voda­fone lange gedacht, wir haben weniger Prob­leme, weil wir doch ein sehr mod­ernes Unternehmen sind. Dann haben wir interne und anonyme Mitarbeiter*innen-Umfragen durchge­führt. Die Ergeb­nisse haben gezeigt, dass wir das gesellschaftliche Prob­lem auch im Unternehmen haben und dass wir was tun müssen. Das haben wir daraufhin auch getan.“ Markus Baumhaus, Head of LGBT Net­work Voda­fone Deutsch­land.

Die Zahlen sprechen eine deut­liche Sprache: Noch immer beze­ich­net knapp jed­er Fün­fte Homo­sex­u­al­ität als unmoralisch oder unnatür­lich (18,3 Prozent), sagt die Studie der ADZ. Dass es eine klare Unter­schei­dung zwis­chen Het­eronorm und Homoaver­sion gibt, zeigt die „Kuss­frage”. 10,5 Prozent der Befragten fühlen sich unan­genehm berührt, wenn sie die Umar­mung eines het­ero­sex­uellen Paars miter­leben. Mehr als dop­pelt so viele reagieren neg­a­tiv auf einen öffentlichen Kuss zwis­chen Frauen (
27,5 Prozent). Küssen sich zwei Män­ner, ist das für 38,4 Prozent der Zuschauen­den unan­genehm.

LGBT ist businessrelevant

Das LGBT-Net­zw­erk bei Voda­fone will dafür sor­gen, dass Vielfalt zum Vorteil für alle wird. Es ist Anlauf­stelle für Fra­gen wie der medi­alen Kom­mu­nika­tion, gibt Sen­si­bil­isierungstrain­ings für Führungskräfte, berät Manager*innen und fördert den haus­in­ter­nen Aus­tausch, es unter­stützt bei Entschei­dung­sprozessen und set­zt klare State­ments für ein wertschätzen­des Miteinan­der. Wichtig sei, dass das Mind­set grundle­gend verän­dert wird, denn davon prof­i­tiere Voda­fone auch in ökonomis­ch­er
Hin­sicht, sagt Markus Baumhaus.

„Wir kom­men zum Beispiel jedes Mal zur LGBT-Kar­ri­eremesse Sticks & Stones - Eine der erfol­gre­ich­sten Recruit­ing Maß­nah­men des ver­gan­genen Jahres für uns übri­gens. Wir behan­deln Diver­sität als Busi­ness-rel­e­van­ten Fak­tor.“

Voda­fone han­delt vor­bildlich und richtig. Sozi­ologe Con­stan­tin Schön bestätigt, dass Stake­hold­er inzwis­chen immer mehr Wert darauf leg­en, dass die Zusam­menset­zung den Mitarbeiter*innenschaft divers sind.

„Das hat in den USA ange­fan­gen, wird aber auch in Europa wichtiger. Heißt, Unternehmen tun ver­mehrt etwas, geben mehr Geld für Maß­nah­men aus und schreiben die dann auch in den Jahres­re­port.” Con­stan­tin Schön, Sozi­ologe

Bei allen Bemühun­gen um Diver­sität ist nicht nur entschei­dend, dass Unternehmen die Rel­e­vanz von Vielfalt, Akzep­tanz und Wertschätzung erken­nen, son­dern auch, dass Aktion­is­mus kanal­isiert wird. Eine klare Strate­gie und sin­nvoll abgeleit­ete Forderun­gen kön­nen zum Beispiel sein, Stellen gezielt nach Kri­te­rien der Diver­sität zu beset­zen. Außer­dem sei es wichtig, „dass Leute hoch im Man­age­ment sitzen
oder direkt an hohe Manager*innen reporten. Dann ist es eine Per­son, die mit Durch­set­zungsver­mö­gen ernst genom­men wird.”

Heute lebe ich davon für Sicht­barkeit zu kämpfen. Was bedeutet es, in ein­er Gesellschaft für ein ver­meintlich­es Nis­chen­pro­dukt wie STRAIGHT zu arbeit­en? Es bedeutet unter anderem, Ansagen wie „Eigentlich hät­ten wir gern mit Ihnen zusam­mengear­beit­et. Aber jet­zt habe ich erst begrif­f­en: Sie sind ja gar kein Schwulen-Mag­a­zin.“ zu verknusen. Die Diver­sität kommt im öffentlichen Raum als The­ma an, das andere kriegen wir auch noch hin.

Headerbild: Tugba Tekkal

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