Reverse Mentoring: Junge Mitarbeiter helfen älteren Kollegen

Digitale Vorreiter

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Datum 04.04.2019
Lesezeit 5 Min.

Reverse Mentoring: Junge Mitarbeiter helfen älteren Kollegen

Reverse Mentoring dreht das klassische Lernprinzip „Jung lernt von Alt” ins Gegenteil um. Vor allem im Bereich moderner Technologien und sozialer Medien können die Älteren oft einiges von den Jüngeren lernen – Herausforderungen gibt es dabei aber auf beiden Seiten.

Das Top-down-Prinzip bei der Wissensvermittlung wird gerade in Zeiten der Digitalisierung vor große Herausforderungen gestellt. Neue Technologien und Arbeitsmethoden entstehen in hoher Geschwindigkeit, sodass es besonders älteren Kollegen und Managern schwerfallen kann, auf dem Laufenden zu bleiben. Kann Reverse Mentoring hier Abhilfe schaffen?

Reverse Mentoring: Was ist das eigentlich?

Reverse Mentoring bedeutet, dass nicht wie früher üblich ein erfahrener (und somit meist älterer) Mentor einen jüngeren Kollegen betreut, sondern dass das Prinzip umgedreht wird: Ein älterer, erfahrenerer oder in der Hierarchie höher stehender Mitarbeiter lernt von einer jüngeren Person. In der Praxis geschieht dies meist in Zweier-Teams, sogenannten Tandems, idealerweise unter Mitarbeitern aus derselben Abteilung oder mit ähnlichem Schwerpunkt. Die Tandems werden für einen begrenzten Zeitraum zusammengestellt und halten regelmäßige Lerntreffen ab. Dabei bringen beide Seiten ihre Stärken und naturgemäß auch ihre Schwächen ein.

Junge Menschen nutzen heute oft kürzere Bildungswege, um in einen Beruf einzusteigen. Das kann von Vorteil sein, bedeutet aber auch, dass sie weniger Zeit haben, praktische Erfahrungen zu sammeln. Andererseits sind sie umso informierter, was neue Technologien wie künstliche Intelligenz, soziale Medien und moderne Arbeitsmethoden angeht. Die Möglichkeiten, dieses Wissen zu kanalisieren und für das Unternehmen gewinnbringend einzusetzen, fehlen gerade jungen Mitarbeitern jedoch häufig noch.

Für ältere Mitarbeiter, vor allem in Führungspositionen, gilt dagegen: Sie verfügen über ein hohes Fachwissen und eine breite Berufs- und Branchenerfahrung – mit moderner Technik und aktuellen Arbeitsmethoden haben sie dagegen weniger Erfahrung. Schließlich haben sie Ausbildung oder Studium vielleicht schon vor Jahrzehnten absolviert. Mit zunehmendem Alter nimmt zudem häufig die Bereitschaft ab, sich mit modernen technologischen Ansätzen intensiv zu beschäftigen. In der Konsequenz sind ältere Kollegen von der Geschwindigkeit der Digitalisierung, neuen Technologien und sich ständig wandelnden Anforderungen teilweise überfordert.

In den Tandem-Teams sind beide Seiten dazu aufgefordert, mit diesen Unterschieden und Schwierigkeiten offen umzugehen. Das Ziel ist dabei ganz klar, dass Ältere von den Kompetenzen der Jüngeren profitieren – und umgekehrt, dass die Jüngeren aus den Erfahrungen und Einsichten älterer Kollegen lernen können.

 

Wesentliche Vorteile des Reverse-Mentoring-Verfahrens

So können beide Seiten, also sowohl jüngere (Junior-Mentoren) als auch ältere, erfahrene Mitarbeiter (Senior-Mentees) profitieren, wenn Sie in Ihrem Unternehmen das Reverse Mentoring einsetzen:

 

Ausklappbare Informationsgrafik

 

Infografik: Eigenkreation

Im Idealfall schaffen also Junior-Mentor und Senior-Mentee gemeinsam Lösungsansätze für Herausforderungen, die der Einzelne nicht ohne Weiteres hätte angehen können. Reverse Mentoring sorgt nicht nur für mehr Verständnis zwischen unterschiedlichen Abteilungen, Altersklassen und Hierarchieebenen: Es kann, sinnvoll angewendet, auch eine Menge Geld für externe Beratungsleistungen einsparen.

Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass beide Seiten vorurteilsfrei miteinander arbeiten und voneinander lernen wollen und können.

 

Best-Practice-Beispiele: Lufthansa, Henkel und die Allianz-Versicherung

Bei großen Unternehmen ist das Reverse-Mentoring-Prinzip längst angekommen. Lufthansa, Henkel und die Allianz-Versicherungsgruppe beispielsweise haben entsprechende Programme längst aufgelegt und bieten diese hausintern an – mit regem Zuspruch.

Erst kürzlich hat Lufthansa vierzehn Tandems aus „Junioren” und „Senioren” ins Silicon Valley geschickt. Diese sollten neue Ideen aus der dortigen Start-up-Kultur mit nach Hause bringen, die sich bei Lufthansa möglicherweise umsetzen lassen könnten. Während die älteren Vertreter vor allem das Gesamtbild und die Machbarkeit vor Augen hatten, waren insbesondere die Jüngeren begeistert von neuen Technologien. In der Folge entwickelten sie tatsächlich Vorschläge jenseits der festgefahrenen Denkmuster und mit dem Potenzial zu echten innovativen Veränderungen.

Auch bei Henkel gibt es erste Erfolge aus einem Reverse-Mentoring-Programm: Hier konnte eine junge Category Managerin aus dem Bereich Henkel Beauty den Corporate Vice President des Geschäftsbereichs, Eric Dumez, von den Vorteilen der neuesten Apps und den Entwicklungen der Digitalisierung überzeugen: Dumez ist seit mehr als 30 Jahren im Unternehmen und hatte sich als Freiwilliger auf ein Pilotprojekt bei Henkel eingelassen. Der langjährige Manager ging mit Neugier, aber auch einer gewissen Unsicherheit in sein Mentoring, würde es nach eigener Aussage aber jederzeit wiederholen: „Mir ergeht es dabei wie vielen Kollegen in meinem Alter: Ich habe Respekt vor den Veränderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen.”

Bei der Allianz-Versicherungsgruppe wiederum ist Reverse Mentoring schon jetzt fester Bestandteil der betrieblichen Ausbildung:

Video: YouTube / allianzkarriere

 

Reverse Mentoring im Mittelstand und für die Praxis

Reverse Mentoring ist jedoch nicht nur etwas für Großunternehmen: Auch der Mittelstand erkennt zunehmend, dass es sinnvoll ist, sich von klassischen Lernmodellen ein Stück weit zu verabschieden.

Es muss ja nicht gleich die oben beschriebene Reise ins Silicon Valley sein: Wenn Sie im Unternehmen Mitarbeiter beschäftigen, von denen Sie den Eindruck haben, dass diese sich perfekt mit sozialen Medien auskennen – dann binden Sie sie doch einfach in bestehende Konzeptionsprozesse ein. Gerade bei der Frage, wie die nächste Facebook- oder Instagram-Kampagne aussehen sollte, aber auch bei anderen aktuellen Themen, können Sie sicherlich spannenden Input erwarten.

So manches Reverse-Mentoring-Programm hat seinen Anfang schon bei einer Tasse Kaffee in der Betriebskantine genommen. Auch wenn eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen Angestellten unterschiedlichster Hierarchieebenen nicht immer möglich zu sein scheint – das Lernpotenzial für beide Seiten ist offensichtlich enorm.

 

Zusammenfassung

  • Die fortschreitende Digitalisierung, neue Arbeitsformen und soziale Medien stellen klassische Innovationsstrategien vor große Herausforderungen.
  • Mit Reverse-Mentoring-Verfahren werden klassische Lernansätze hinterfragt, da hier ältere und erfahrenere Mitarbeiter von jüngeren lernen.
  • Beide Seiten profitieren von dem Ansatz durch einen konsequenten Blick über den eigenen Horizont hinaus.
  • Nach Großunternehmen wie Henkel und Lufthansa nutzen zunehmend auch Mittelständler solche Verfahren, um sich der wachsenden Marktdynamik zu stellen.
  • Eine vorurteilsfreie Begegnung zwischen Mentor und Mentee ist Voraussetzung, um das volle Lernpotenzial des Ansatzes auszuschöpfen.

 

Wird in Ihrem Unternehmen das Reverse-Mentoring-Prinzip bereits gelebt? Was halten Sie von dem Ansatz, dass ältere Mitarbeiter von jüngeren lernen? Wir freuen uns auf Ihren Kommentar.

 

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