Straw: Das Ende des Netflix-Thrillers erklärt 

Das Ende von „Straw” erklärt: Taraji P. Henson glänzt als Frau, die einen Tag erlebt, wie er schlimmer nicht sein könnte. Der Netflix-Thriller sorgt weltweit für Furore – und wirft etliche Fragen auf. Wir versuchen, einige davon zu klären.

Straw: Darum geht es in dem Psychothriller 

Taraji P. Henson (Empire”) spielt die schwarze alleinerziehende Mutter Janiyah Wiltkinson, die den schlimmsten Tag ihres Lebens erlebt. Es ist ein Tag, an dem alles schiefläuft, was nur schieflaufen kann. Regisseur und Drehbuchautor Tyler Perry lässt nichts aus, ein Tiefschlag folgt auf den nächsten.

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Janiyah verliert nacheinander ihre Wohnung, ihre kranke Tochter Aria, ihren Job und schließlich völlig die Kontrolle. Sie erschießt den Räuber, der den Laden ihres Chefs Richard überfallen will – und auch noch Richard, als der sie beschuldigt, den Überfall geplant zu haben.

Der Tag eskaliert in einem Banküberfall, den Janiyah begeht, um endlich ihren Gehaltsscheck einzulösen, und zwar mit gezückter Waffe. Diese Kettenreaktion ist eine todernste Abrechnung mit sozialer Ungerechtigkeit, Rassismus, Polizeigewalt, Kapitalismus, Staatsversagen.

Die Handlung nimmt allerdings ganz am Schluss eine Wendung, die diesem Überschwang der Themen und Gefühle vollends die Bodenhaftung entzieht. Der Film porträtiert eine Frau in einer Ausnahmesituation, stets nur einen Schritt vom Wahnsinn entfernt.

Das Ende von Straw” erklärt Janiyahs Verhalten mit einem Drehbuch-Trick, der so ziemlich jede Gewissheit darüber, wie der Film wirklich endet und was wir von der Heldin halten sollen, über den Haufen wirft.

Warum nimmt das Jugendamt Janiyah die Tochter weg? 

Von Anfang an ist klar, dass Aria das Einzige ist, was Janiyah am Leben hält. Die Sorge um ihre kranke Tochter beschäftigt sie 24 Stunden am Tag. Aria braucht sie – und Janiyah braucht ihre Tochter, um zu zeigen, dass sie wenigstens etwas in ihrem Leben hinbekommt, nämlich das Großziehen eines Kindes.

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Daher ist es ein Schock für sie, als die Schulleiterin anruft und ihr mitteilt, das Jugendamt drohe, ihr Aria wegzunehmen. Die Begründung der Behörde: die blauen Flecken auf dem Rücken des Kindes – ein Hinweis auf eine mögliche Misshandlung.

Die Flecken stammen aber von einem Ausrutscher in der Badewanne. Als Janiyah die Schule erreicht, um das Missverständnis aufzuklären, ist es bereits zu spät. Das Amt hat gegen sie entschieden. Janiyah kollidiert mit der staatlichen Autorität in Form einer Behörde, die eigentlich im Dienste der Bürger:innen handeln sollte, sie aber stattdessen drangsaliert.

Damit erreicht der Konflikt zwischen schutzloser Frau und ignoranter Umgebung das nächste Level. Kurz darauf rasselt Janiyah mit dem nächsten Vertreter der Staatsmacht zusammen, dem Polizisten Oliver, der sie von der Straße abdrängt.

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Warum überfällt Janiyah eine Bank? 

Janiyah erschießt nach dem gescheiterten Ladenüberfall ihren Chef, offensichtlich in Panik. Dann greift sie sich den Gehaltsscheck, um ihn in ihrer Bankfiliale einzulösen. Warum sie ausgerechnet jetzt Geld braucht, wo ihr Leben bereits in Trümmern liegt, bleibt unklar.

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Tochter, Job, Auto und Wohnung sind weg, und sie ist zur Mörderin geworden. Was bleibt ihr also noch? Möglicherweise will Janiyah fliehen.

Aber würde sie ihre Tochter im Stich lassen? Das erscheint sehr zweifelhaft. Klar ist allerdings, dass sie ohne Ausweispapiere nicht an das Geld kommt. Daher zückt sie die Waffe des Ladenräubers, hält sie der Kassiererin vor die Nase und wird nun auch noch zur Bankräuberin und Geiselnehmerin.

Was ist mit Janiyahs Tochter passiert? 

Dabei will Janiyah eigentlich nur eins: wieder mit ihrer Tochter vereint sein. Obwohl sie schwerste Straftaten begangen hat, zeigen Bankmanagerin Nicole (Sherri Shepherd) und Detective Kay Raymond (Teyana Taylor) Mitgefühl für Janiyah, ein Akt weiblicher Solidarität unter schwarzen Frauen.

Raymond sorgt dafür, dass Officer Oliver für sein Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen wird. Und Nicole verspricht, sich um Aria zu kümmern und Besuche im Gefängnis zu ermöglichen.

Damit scheinen Banküberfall und Geiselnahme ein noch glimpfliches Ende zu nehmen. Aber das Drehbuch hat etwas anderes vor – und jagt Hauptfigur und Publikum durch eine scharfe Kurve. Denn Janiyahs Mutter Delores (Cheryl Frazier) ruft in der Bank an und enthüllt eine furchtbare Nachricht: Aria ist in der Nacht zuvor an einem epileptischen Anfall gestorben.

Wie sich herausstellt, hat Janiyah den ganzen Tag die Anwesenheit ihrer Tochter halluziniert. Das wirft ein vollkommen neues Licht auf die Ereignisse. Eine Rückblende zeigt zudem, dass Janiyah sich die Gegenwart ihre Tochter nur einbildete. Anstatt Aria in der Schule abzusetzen, öffnet Janiyah die Autotür und spricht mit einer Person, die nicht da ist.

Die Szene zeigt, dass Janiyah schon in den Wahnsinn abglitt, bevor der Tag richtig schlimm zu werden drohte. Verlust und Trauer sind so überwältigend, dass die physische Wirklichkeit nur noch eine Kulisse für sie zu sein scheint.

Das Ende von Straw erklärt: Halluzination oder Realität? 

Nach dem Anruf der Mutter stürmt das FBI die Bank. Tränengas liegt in der Luft, es fallen Schüsse, Janiyah wird getroffen und sinkt tot zu Boden. Aber dieses Ende ist gar nicht das Ende: Es ist, wie die Anwesenheit von Aria früher am Tag, nur eine Halluzination.

Diese Szene existiert nur in Janiyahs Kopf. Was danach passiert, ist das alternative Ende, aber nicht unbedingt das wirkliche. Janiyah kapituliert, Nicole begleitet sie aus dem Gebäude, und Detective Raymond sorgt dafür, dass niemandem etwas passiert. Janiyah kommt unverletzt in Polizeigewahrsam.

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Vor der Bank hat sich eine Menschenmenge versammelt, die Solidarität mit ihr zeigt – Solidarität mit der alleinerziehenden schwarzen Mutter, die gegen Rassismus, Ignoranz und Willkür keine Chance hatte und wider Willen zur Täterin wurde. Aber welches Schicksal steht Janiyah nun bevor?

Immerhin hat sie zwei Menschen erschossen und weitere Gewalt angedroht. Aber sie befand sich in einem psychischen Ausnahmezustand, war also vermutlich für ihre Taten nur bedingt zurechnungsfähig. Janiyah darf wohl auf ein mildes Urteil hoffen.

Aber kommt sie überhaupt vor Gericht? War nicht doch alles ganz anders? Und ist das Ende von Straw” nicht ganz anders genauso schlüssig erklärt?

Denn genauso gut könnte Janiyah den gesamten Tagesverlauf nur halluziniert haben. Ihr Tag war dann nichts weiter als eine Abfolge wilder Fantasien, eine verrückter als die andere und nur zu dem Zweck in ihrem Kopf, den Verlust ihrer Tochter zu verdrängen.

Zugleich wirkt die Ereigniskette dieses schlimmsten Tages, ob wahr oder eingebildet, auch als persönliche Entschuldigungsstrategie. Wenn alle Welt sich gegen sie verschworen hat, wie hatte sie eine Chance, sich und ihre Tochter heil durchs Leben zu bekommen?

Fazit: Anklage oder Psychogramm?

Die Menschen vor der Bank, die sie am Ende beinahe schon als Heldin feiern, sind doch der Beweis, dass eine persönliche Notlage, wie Janiyah sie erlebt hat, eigentlich eine öffentliche Angelegenheit ist. Mit anderen Worten: Es ist ein Skandal, wie mit dieser Frau umgegangen wurde!

Aber es gibt berechtigte Zweifel an dieser Version von Straw”. Der Film ließe sich auch als Psychogramm einer zutiefst gestörten Frau erklären. Ihre kranke Tochter, ihr mieser Chef, die Schüsse – alles nur Einbildung. Am Ende hat sie gar keine Tochter und auch niemanden erschossen, sondern nur verzweifelt nach Beachtung und Selbstachtung gesucht.

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Und selbst wenn wir annehmen, dass Janiyah tatsächlich ihre Tochter verlor und auch sonst nicht viel hatte: Welche ihrer Erlebnisse dieses schrecklichen Tages waren, wie ihr angeblicher Tod durch Polizeikugeln in der Bank, noch Produkte ihrer Fantasie?

Straw” erscheint daher eher wie eine Was wäre, wenn”-Story. So gewiss der Film eine Anklage gegen herrschende (US-)Verhältnisse sein soll, so viel Ungewissheit produziert seine erzählerische Struktur.

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