John David Washington in Tenent
© Warner Bros.
Florence Pugh als Yelena Belova in Black Window
Last Chance U: Basketball
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Tenet-Kritik: Der inszenatorische Wahnsinn des Christopher Nolan

Christo­pher Nolans „Tenet“ entlädt sich in einem wilden Mix aus Spi­onage-Thriller, Sci-Fi und cineast­is­chem Bom­bast. Doch ist die heiß ersehnte Kino­hoff­nung deshalb ein Meis­ter­w­erk oder doch nur verkopfte Augen­wis­cherei? Unsere Kri­tik liefert Dir die Antwort.

Ob in Form von flüchti­gen Erin­nerun­gen in „Memen­to“, unter­schiedlich schnell ablaufend­en Traumebe­nen in „Incep­tion“ oder gar durch Wurm­löch­er verur­sachte Zeit­dehnun­gen in „Inter­stel­lar“: Die Zeit war schon immer ein Spiel­ball im Werk von Christo­pher Nolan.

Fast schon iro­nisch, dass sein neuester Film ger­ade in einem Jahr her­auskommt, in dem der Zeit­fluss dank ein­er weltweit­en Pan­demie so langsam wirkt wie sel­ten zuvor. Auch „Tenet“ bildet in Sachen Zeit­spiel­ereien keine Aus­nahme und hebt sie allein auf inszena­torisch­er Ebene auf ein ganz neues Lev­el.

John David Washington und Robert Pattinson in Tenet

Erfüllt „Tenet” die Hoff­nun­gen? — Bild: Warn­er Bros.

Viel wurde im Vor­feld gerät­selt, welch­es abge­fahrene Gim­mick sich Nolan dies­mal für seinen Film ein­fall­en lassen hat – und man wird nicht ent­täuscht. In „Tenet“ kön­nen sich Dinge und Men­schen durch soge­nan­nte Inver­sion rück­wärts durch die Zeit bewe­gen, während sich um sie herum die ganze Welt aber noch in die richtige Rich­tung bewegt.

Was inhaltlich kom­pliziert klingt, ist es auch in der Umset­zung…

Die Handlung von Tenet

Ein CIA-Agent (John David Wash­ing­ton) fliegt während einem sein­er Ein­sätze auf und gerät in Gefan­gen­schaft. Doch auch unter Folter will er seine Kam­er­aden nicht ver­rat­en und ist sog­ar bere­it, dafür zu ster­ben.

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Unbes­timmte Zeit später erwacht er in einem Kranken­bett. Mit sein­er Opfer­bere­itschaft habe er sich bewiesen und auch gle­ich für einen neuen Auf­trag qual­i­fiziert, wird ihm mit­geteilt. Für eine mys­ter­iöse Organ­i­sa­tion soll er nicht weniger als den Drit­ten Weltkrieg ver­hin­dern.

Damit zusam­men­zuhän­gen scheinen mys­ter­iöse Patro­nen, die laut der Wis­senschaft­lerin Bar­bara (Clé­mence Poésy) aus der Zukun­ft stam­men. Ihr zufolge wur­den die Kugeln invertiert, weshalb sie sich nun in der Zeit rück­wärts bewe­gen. Eine Kriegserk­lärung?

John David Washington in Tenent

Die Welt ist in Gefahr - und aus­gerech­net die Zukun­ft die Bedro­hung. — Bild: Warn­er Bros.

Zusam­men mit seinem neuen Kol­le­gen Neil (Robert Pat­tin­son) macht sich der Pro­tag­o­nist auf Spuren­suche und stößt bald auf den berüchtigten Waf­fen­händler Andrei Sator (Ken­neth Branagh). Über dessen Frau Kat (Eliz­a­beth Debic­ki), die längst zur Gefan­genen ihres eige­nen Mannes gewor­den ist, will er an den gefährlichen Mil­liardär her­ankom­men.

James Bond im verschachtelten Zeit-Heist

Wie die Zusam­men­fas­sung des Inhalts schon anklin­gen lässt, erscheint „Tenet“ im ersten Moment wie ein klas­sis­ch­er Spi­onage­film in der Tra­di­tion von James Bond. Der Held reist über den Globus, führt mehrere riskante Raubüber­fälle durch, liefert sich abge­brühte Wort­du­elle mit dem Bösewicht und flirtet mit dessen ent­fremde­ter Frau.

John David Washington und Robert Pattinson in Tenet

In einem Agen­ten­film darf natür­lich ein Ein­bruch nicht fehlen. — Bild: Warn­er Bros.

Doch Christo­pher Nolan wäre nicht Christo­pher Nolan, wenn er diese ein­fache Formel nicht auf­brechen würde. Mit „Tenet“ hat er wieder eine kom­plexe Rät­sel­box geschaf­fen, deren Hand­lungsstränge sich mit zunehmender Lauf­dauer verkom­plizieren, aber gle­ichzeit­ig auch über­raschend lin­ear bleiben.

„Ver­suchen Sie nicht, es zu ver­ste­hen. Fühlen Sie es” – des Öfteren fühlt man sich dazu hin­geris­sen, diesem Rat der Wis­senschaft­lerin Bar­bara zu fol­gen. Die visuelle, gestochen küh­le Strahlkraft der Bilder von Kam­era­mann Hoyte Van Hoytema („Inter­stel­lar“) und die sog­a­r­tige Film­musik von Lud­wig Görans­son („The Man­dalo­ri­an“) bieten dazu mehr als genug Anreiz.

Robert Pattinson in Tenet

Robert Pat­tin­son als neuer Part­ner Neil. — Bild: Warn­er Bros.

Doch Hand­lung und Action gehen in „Tenet“ in gewis­sem Maße Hand in Hand. Wer von der aufre­gen­den Prämisse der rück­wärt­slaufend­en Zeit gepackt wurde, kommt kaum umhin, auch in den umw­er­fend kreativ­en, so noch nie gese­henen Ver­fol­gungs­jag­den, Prügeleien und Schießereien die Zah­n­räd­chen im Kopf auf Hochbe­trieb laufen zu lassen.

Revolutionäre Action von Tenet

Die Frage „Wie haben sie das gemacht?“ bekommt bei „Tenet“ näm­lich eine ganze neue Qual­ität, wenn sich in großan­gelegten Action­se­quen­zen Fre­und und Feind, Kugeln und von Explo­sio­nen zer­ris­sene Mauern und ganze Gebäude im sel­ben Bil­dauss­chnitt in der Zeit vor- und zurück­be­we­gen. Hier sind nicht nur die Reizrezep­toren, son­dern auch die Hirnzellen kon­stant am Überkochen.

„Tenet“ dürfte tat­säch­lich der erste Film sein, dessen Action­szenen den Zuschauer vor die Her­aus­forderung stellen, das Gese­hene auf ein­er rein logis­chen Ebene einord­nen und ver­ste­hen zu kön­nen. Und das ist nicht als Kri­tik zu ver­ste­hen.

John David Washington und Robert Pattinson in Tenet

Nicht nur den Helden stockt in den Action­szenen von Tenet immer wieder der Atem. — Bild: Warn­er Bros.

Die kom­plex­en Chore­ografien und die grundle­gende Prämisse sind schlichtweg eine so unge­wohnte Seherfahrung, dass sich Hirn und Auge erst­mal daran gewöh­nen müssen. Genau wie der Held muss man sich erst mit den Regeln, Möglichkeit­en und Kon­se­quen­zen dieser neuen physikalis­chen Geset­ze ver­traut machen.

Eine zweite oder dritte Sich­tung des Films dürfte also keineswegs eine Übertrei­bung sein, um mit der vor- und rück­wärts krachen­den Action und der Hand­lung Schritt hal­ten zu kön­nen. Oder sich über­haupt erst der Frage anzunäh­ern, wie viel Sinn das alles ergibt.

Vom Nolan-Fieber angesteckt? Hier find­est Du die besten Filme von Christo­pher Nolan.

Washington und Pattinson: Hervorragendes Star-Duo

Haupt­darsteller John David Wash­ing­ton kann dem 007-Ver­gle­ich lock­er stand­hal­ten, wenn er mit knall­hart-cool­er Präsenz jede Szene zu beherrschen weiß. Dass sein namen­los bleiben­der Pro­tag­o­nist dabei nicht zu unnah­bar und fern bleibt, ist aber nicht nur Wash­ing­tons Charme zu ver­danken, den er schon in „BlacK­kKlans­man“ ein­drucksvoll zur Schau stellte.

John David Wash­ing­ton und Robert Pat­tin­son ergänzen sich per­fekt. — Bild: Warn­er Bros.

Vor allem Co-Star Robert Pat­tin­son („The Bat­man“) weiß als sym­pa­thisch-undurch­sichtiger Neil die men­schliche Seite seines Part­ners her­auszuk­itzeln, wodurch der son­st so kühlen Atmo­sphäre auch eine angenehme Prise Bud­dy-Humor hinzuge­fügt wird. Zumin­d­est für Nolan-Ver­hält­nisse.

Bald wird Robert Pat­tin­son als der Dun­kle Rit­ter auf der Lein­wand zu sehen sein. Erfahre bei uns, warum „The Bat­man“ eine neue Ära des Räch­ers ein­läuten wird.

Die altbekannte Nolan-Schwäche

Schwächen offen­bart „Tenet“ dage­gen in der Fig­ur von Mil­liardärs­gat­tin Kat. „The Crown“-Star Eliz­a­beth Debic­ki verkör­pert diese zwar mit ein­nehmender Ele­ganz und unter der Ober­fläche brodel­n­dem Zorn und Ver­let­zlichkeit, neben ihrer Mut­ter­rolle wer­den ihr allerd­ings kaum eigene Moti­va­tio­nen oder Spiel­räume zuge­s­tanden.

Elizabeth Debicki in Tenet

Hätte gern auch mehr zu tun bekom­men kön­nen: Eliz­a­beth Debic­ki. — Bild: Warn­er Bros.

Ein alt­bekan­ntes Prob­lem bei Nolan, dessen weib­liche Fig­uren oft­mals Gefahr laufen, auf eine sim­ple Pro­jek­tions­fläche des männlichen Akteurs reduziert zu wer­den. Bestes Beispiel: die von Mar­i­on Cotil­lard verkör­perte Ehe­frau des Pro­tag­o­nis­ten Dominick Cobb (Leonar­do DiCaprio) in „Incep­tion“.

Angenehm dia­bolisch präsen­tiert sich dage­gen Ken­neth Branagh („Dunkirk“) als so ego­man­is­ch­er wie cho­lerisch­er Fies­ling, der sich mit seinen glühen­den Kohleau­gen und ein­er Mis­chung aus Genie und Gewalt­täter ins Gedächt­nis bren­nt.

Zurück zu Bond

Eine große Stärke offen­bart „Tenet“ aber allein dadurch, dass er auch abseits der Spiel­ereien mit der Zeit ein her­vor­ra­gen­der Agen­ten­thriller bleibt. Von der Pla­nung der Coups, dem schrit­tweisen Her­an­tas­ten an den Dun­stkreis des Bösewichts, knall­harten Küchen­prügeleien und span­nungs­ge­lade­nen Ver­balkon­fronta­tio­nen bei abendlich­er Gesellschaft bleibt kaum ein Wun­sch uner­füllt.

Die stille Infil­tra­tion eines Hochhaus­es durch einen Bungee­jump im umgekehrten Sinne lässt unwillkür­lich an Tom Cruis­es Ethan Hunt aus der „Mis­sion: Impossible“-Reihe denken. Nur eben einge­taucht in die kühl-präzise Bild­welt von Christo­pher Nolan.

John David Washington in Tenent

John David Wash­ing­ton macht im Anzug defin­tiv eine gute Fig­ur. — Bild: Warn­er Bros.

Wenn dann Stamm­schaus­piel­er Michael Caine als altehrwürdi­ger Geheim­di­en­st­mann mit dem Anzug-Fim­mel der Briten koket­tieren darf, glaubt man fast schon einen schmun­zel­nden Ver­weis auf seine Rolle in „Kings­man: The Secret Ser­vice“ zu erken­nen.

Das im Laufe der Hand­lung erst tröpfchen­weise und bald zum Strom wer­dende Auftreten von sich in der Zeit zurück bewe­gen­den Ele­menten gewin­nt dadurch nur an Schlagkraft. Fast möchte man sich die Augen reiben, wenn zum ersten Mal ein invertiertes Auto durch den vor­wärts laufend­en Verkehr auf den Pro­tag­o­nis­ten zugerast kommt.

Und das ist erst der Beginn des rauschhaften Wahnsinns, den Nolan bis hin zum ful­mi­nant-bahn­brechen­den Finalfeuer­w­erk auf die Zuschauer los­brechen lässt.

Tenet: Fazit

„Tenet“ besticht, beein­druckt, rev­o­lu­tion­iert. Der neue Film von Christo­pher Nolan bricht sich Bahn in einem tech­nis­chen, visuellen und konzep­tionellen Wahnsinn, der wohl vor­erst noch eine Weile seines­gle­ichen suchen wird. Wie viel Logik und Sinn wirk­lich dahin­ter steck­en, ist eine Frage für einen anderen Tag. Und eine span­nende noch dazu!

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Wie hat Dir Christo­pher Nolans „Tenet“ gefall­en? Ver­rate uns Deine Mei­n­ung in den Kom­mentaren!

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