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Westworld, Staffel 2: Warum sich Charaktere und Zuschauer entfremden

West­world gilt als die wichtig­ste Serie, die aktuell zu sehen ist. In die erste Staffel waren Zuschauer und Kri­tik­er ger­adezu ver­liebt. Doch in der zweit­en Staffel ist diese Liebe etwas abgekühlt. Haben sich die Mach­er mit der zweit­en Runde über­nom­men? Oder liegt es an der Geschichte, die erzählt wird - und wie sie erzählt wird?

Die zweite Staffel West­world ist auf Sky und Max­dome ver­füg­bar (Links zu Anzeigen).

Spoiler-Warnung für Staffel 1

Die erste Staffel von West­world zeigt noch einen funk­tion­ieren­den The­men­park: Men­schen, die Robot­er (zuerst erfol­gre­ich) kon­trol­lieren und Robot­er, die gegen ihre Unter­drück­ung (zunächst erfol­g­los) auf­begehren. Mit der Hil­fe von West­world-Grün­der Robert Ford endet die erste Staffel in Chaos und Blutvergießen.

In der zweit­en Staffel haben sich die Vorze­ichen umgekehrt: Robot­er proben erfol­gre­ich den Auf­s­tand, Men­schen kämpfen erfol­g­los ums Über­leben. An der Ober­fläche bleibt sich West­world dabei treu: Die Geschichte wird wie in Staffel 1 abwech­sel­nd aus der Per­spek­tive der ver­schiede­nen Fig­uren erzählt. Und genau­so wird die chro­nol­o­gis­che Erzählweise mit Szenen aufge­brochen, die sich auf den ersten Blick kein­er exak­ten Zeitlin­ie zuord­nen lassen. Soweit so gut. Und doch ist etwas anders.

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Ed Har­ris in West­world | ©HBO

Westworld gegen die Fans

Viele Fans hat­ten einige Sto­ry-Twists der ersten Staffel kor­rekt vorherge­sagt: William ist der Mann in Schwarz, Bernard ist Arnold, Dolores ist Wyatt. Die West­world-Mach­er Jonathan Nolan und Lisa Joy woll­ten darauf reagieren. Eine Her­aus­forderung vor allem für den Drehbuchau­tor Nolan, der mit Fil­men wie Memen­to, Pres­tige oder Inter­stel­lar gezeigt hat, dass er gerne Geschicht­en mit über­raschen­den Wen­dun­gen erzählt, ähn­lich wie die Sci­Fi-Serie Black Mir­ror es eben­falls gerne tut.

Während in abgeschlosse­nen Fil­men die Zuschauer kaum Zeit haben, zwis­chen­durch The­o­rien aufzustellen und den Aus­gang eines Films zu errat­en, bietet eine mehrteilige Serie genug Möglichkeit­en dazu. Jonathan Nolan und Lisa Joy haben deswe­gen eine andere Tak­tik eingeschla­gen: Ablenkung. So kündigten sie noch vor dem offiziellen Staffel-Start auf Red­dit ein eigenes Spoil­er-Video an. Und posteten stattdessen ein Rick­roll-Video, einen Inter­net-Scherz. Denn natür­lich lassen sich die West­world-Mach­er nicht in die Karten schauen, damit die zweite Staffel wieder genau­so über­rascht wie Staffel 1.

Spoiler-Warnung für Staffel 2

Was Nolan und Joy außer­dem gemacht haben, das lässt sich nicht ohne Spoil­er erk­lären. Deswe­gen: Wer die zweite Staffel von West­world noch nicht kom­plett gese­hen hat, sollte lieber nicht weit­er­lesen!

Auch in der zweit­en West­world Staffel gibt es wieder Twists. Sie sind jedoch bei weit­em nicht so umfassend wie einige der Enthül­lun­gen aus Staffel 1. Und: Ein­er der Twists, der die Iden­tität ein­er der Fig­uren bet­rifft, ist dieses Mal nicht vorherse­hbar, weil keine Hin­weise gestreut wer­den. Die Zuschauer wer­den absichtlich im Unklaren gelassen. Beson­ders deut­lich wird das bei Bernard. Er ist eine der Haupt­fig­uren und scheint oft ori­en­tierungs­los.

Wo er ist, ob er schon ein­mal dort war, was er tun soll: All das ist Bernard meist unklar. Er ist ein pas­siv­er Charak­ter, der sich sog­ar sein­er weni­gen aktiv­en Hand­lun­gen nicht bewusst ist. Damit taugt er kaum als Iden­ti­fika­tions­fig­ur, mit der die Zuschauer mit­fiebern kön­nen.

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Evan Rachel Wood und Ed Har­ris in West­world | ©HBO

Westworld gegen seine Charaktere 

Das ist eine der großen Änderun­gen der zweit­en Staffel: Die Hauptcharak­tere sind wenig sym­pa­thisch. Maeve hat zwar einen nachvol­lziehbaren Antrieb (die Suche nach ihrer Tochter), ist aber bere­it, dafür über Leichen zu gehen. In der zweit­en Staffel bekommt sie außer­dem die Fähigkeit, andere Robot­er nicht nur durch Sprachkom­man­dos, son­dern allein durch Wil­len­skraft zu kon­trol­lieren. Ein fast schon über­mächtiger Charak­ter, aber kein Sym­pa­thi­eträger.

In der zweit­en Staffel wer­den außer­dem einige Fig­uren charak­ter­lich auf links gedreht: Die unschuldige Dolores wird zur kalt­blüti­gen Killerin, der aufrichtige Ted­dy zum bedin­gungslosen Helfer­shelfer. Dage­gen bekommt der soziopathis­che William eine tragis­che Hin­ter­grundgeschichte, er wird ver­men­schlicht. Seine Tat­en aus Staffel 1 wer­den dadurch aber nicht rel­a­tiviert.

Beze­ich­nend: Die berührend­ste Episode, näm­lich “Die Leben­den und die Ver­dammten”, zeigt aus­gerech­net die Neben­fig­ur Akecheta. Nach­dem er aus sein­er pro­gram­mierten Nar­ra­tive erwacht, wird er von sein­er Liebe getren­nt. Nach jahre­langer Suche find­et er sie schließlich, als still­gelegter Host, gelagert im Kühlhaus des Mesa Zen­trums - kon­ge­nial unter­malt von einem Cov­er des Nir­vana-Songs Heart-Shaped Box. Dort muss er erken­nen, dass seine Suche umson­st war, dass er nie wieder mit sein­er Liebe vere­int sein wird. Die emo­tion­al­ste Episode der gesamten zweit­en Staffel. Mit den Haupt­fig­uren gelingt so etwas nicht. Vielle­icht auch, weil die Geschichte kaum noch aus Sicht der Men­schen erzählt wird.

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Thandie New­ton und Angela Sarafyan in West­world ©HBO

Westworld gegen die Menschheit

In der zweit­en Staffel wer­den die Men­schen nicht nur im wörtlichen Sinne an den Rand gedrängt, ihre Geschicht­en und ihre Fig­uren spie­len auch im über­tra­ge­nen Sinne eine immer klein­er wer­dende Rolle. Das entspricht dem pes­simistis­chen Bild der Men­schheit, das West­world zeich­net.

Wie Robert Ford glaubt, sind die Men­schen am Ende ihrer Evo­lu­tion ange­langt, in ein­er Sack­gasse. Sie müssen Platz machen für etwas Neues: den erwacht­en Robot­er. Dieser Pes­simis­mus wird in der zweit­en Staffel auf die Spitze getrieben. Denn die meis­ten Men­schen sind nur Hand­langer der Robot­er, nur auf ihr Über­leben bedacht. Die weni­gen men­schlichen Fig­uren, die tat­säch­lich den Robot­ern Wider­stand leis­ten kön­nten, ver­schwen­den ihre geisti­gen Fähigkeit­en darauf, ihre eigene Gier zu befriedi­gen.

Westworld gegen sich selber?

Durch die Über­höhung der Robot­er ergeben sich aber Prob­leme: Wenn alle rel­e­van­ten Hand­lungsträger Killer-Robot­er sind, mit wem sollen die Zuschauer noch mit­fiebern? Wenn die einzi­gen fähi­gen Men­schen gewis­sen­los und machtbe­sessen sind, wem sollen die Zuschauer die Dau­men drück­en? Die erste Staffel hat gezeigt, dass auch Robot­er ein eigenes Bewusst­sein entwick­eln kön­nen, dass auch sie fühlen kön­nen, genau­so wie Men­schen. Deswe­gen ist ein Park wie West­world unmoralisch, da die Robot­er ein Recht auf Frei­heit und Unversehrtheit haben.

Doch was bedeutet das, wenn die Robot­er in Form von Dolores die Men­schheit ver­nicht­en wollen? Maeve hat ihre eigene Agen­da, das Schick­sal der Men­schen ist für sie zweitrangig. Und auch Bernard stellt sich nur Dolores ent­ge­gen, weil er ihre Mit­tel zu extrem find­et. Auch er ver­traut den Men­schen nicht. Das tra­di­tionelle Konzept ein­er Geschichte mit Pro­tag­o­nis­ten und Antag­o­nis­ten wird in der zweit­en Staffel absichtlich ver­wor­fen. An dessen Stelle treten Fig­uren, die sich durch ihre Tat­en eher als Bösewichte denn als Helden iden­ti­fizieren lassen.

Fazit

Die zweite Staffel von West­world führt die philosophis­chen Fra­gen aus Staffel eins weit­er. Die The­men freier Wille und Fluch der Tech­nik wer­den kon­se­quent weit­er­erzählt. Doch die große Ver­liebtheit ist erst ein­mal vor­bei, die Beziehung zwis­chen Zuschauer und Serie ist im All­t­ag angekom­men. Wo die Liebe hinge­ht, wird sich früh­estens 2020 zeigen. Erst dann soll die dritte Staffel von West­world zu sehen sein.

Wer jet­zt nach dem Staffel­fi­nale neues West­world-Fut­ter braucht, der kann mal einen Blick auf unseren Serien­guide wer­fen. Dort stellen wir andere Serien vor, die vielle­icht eine Alter­na­tive sein kön­nten.

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