Berlin Alexanderplatz in der featured-Filmkritik: Am Puls der Zeit

Regisseur Burhan Qurbani holt mit der Neuverfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ die Geschichte von Aufstieg und Fall eines jungen Mannes in unser Zeitalter. In der Film-Adaption hat sich nicht nur Protagonist Franz Biberkopf verändert. Was noch, liest Du in unserer Filmkritik.

Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz” und die 13-teilige Verfilmung von Rainer Werner Fassbinder gelten, wenn man der Deutschen Welle folgt, bis heute als zwei Monumente der deutschen Literatur- und Filmkultur. Die Neuverfilmung holt die Geschichte rund um Franz Biberkopf nun in unsere Zeit. In dieser Version heißt Franz allerdings Francis und ist kein frisch entlassener Häftling, sondern ein afrikanischer Flüchtling. Aber Franz und Francis  haben trotzdem etwas gemeinsam: Sie wollen ein guter Mensch sein, . stoßen dabei allerdings in Berlin auf große Hürden. Wir haben uns die Neuverfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ schon einmal angeschaut und verraten Dir, ob sich der Gang ins Kino für das dreistündige Epos lohnt.

Berlin Alexanderplatz: Aufstieg und Fall

Francis (Welket Bungué) flüchtet aus seiner afrikanischen Heimat nach Europa. Auf der Suche nach einem besseren Leben begibt er sich auf eine gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer und droht, zu ertrinken. Im Angesicht des Todes schwört Francis, fortan ein guter Mensch zu werden, was sich als Flüchtling ohne irgendwelche Papiere allerdings als nahezu unmöglich gestaltet. Das macht sich wiederum Reinhold (Albrecht Schuch), auf den Francis in Berlin trifft, zunutze. Reinhold ist die rechte Hand des Drogenbarons Pums (Joachim Król) und sorgt dafür, dass Flüchtlinge als Drogenkuriere angeworben werden. Aber nicht alles in Francis‘ Leben läuft schlecht. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände lernt er Mieze (Jella Haase) kennen und verliebt sich in die junge Escort-Dame. Aber das Glück währt nicht lange, denn Pums und Reinholds Machenschaften holen Francis ein.

Abgründe mitten in Berlin

In eindrucksvollen und bisweilen beklemmenden Bildern entführt Dich Regisseur Burhan Qurbani bereits direkt zu Anfang in die Welt von Francis. Du verfolgst seine Flucht über das Mittelmeer und seinen Kampf gegen das Ertrinken, bist ihm dabei ganz nah und verstehst schon zu Beginn, dass das kein einfacher Film werden wird. Aber „Berlin Alexanderplatz“ will nicht bequem sein.

Die Romanvorlage erzählt vom Leid, vom Verlust und den Verlierern in einer Welt, die schneller voranschreitet, als es Dir lieb ist. Das Grundthema hat sich nicht verändert, die Umstände allerdings schon. Qurbani schafft es, die Geschichte rund um Franz Biberkopf, der nun Francis heißt, ins Hier und Jetzt zu holen und eine Realität abzubilden, die oftmals nur schwer zu ertragen ist. Abhängigkeit, sowohl von Drogen als auch von Menschen, Prostitution und Ungerechtigkeit sind dabei genauso Themen wie kurze Glücksmomente und Hoffnung. Das ständige Schwanken zwischen diesen Themen ist harter Stoff, aber es lohnt sich, die bisweilen sehr bedrückende Stimmung auszuhalten.

Wirkungsstarke Filmbilder ohne erzählerische Hektik

Manche Szenen kratzen dabei zwar an der Geduld des Zuschauers, aber gerade sie sind wichtig für den Fortgang der Geschichte und die Wirkung. Der Film überstürzt nichts, erzählt aus und drückt Dich oftmals mit Wucht in den Kinosessel. Das ist vor allem dem grandiosen Cast, allen voran Welket Bungué und Jella Haase, geschuldet, die ihren Rollen sowohl Härte als auch Zerbrechlichkeit verleihen, ohne es damit zu übertreiben. Düster kommen Geschichte, Bilder und Erzählung daher. Gerade die Stimme aus dem Off, gesprochen von Mieze mit Originalpassagen aus dem Roman, verfehlen nicht die durchgehend bedrückende Wirkung von „Berlin Alexanderplatz“.

Im Hier und Jetzt angekommen

Dabei klingt Kritik an heutigen Gesellschaftsstrukturen, inklusive dem Umgang mit Geflüchteten, zwar immer mit, steht allerdings klar sichtbar nicht im Vordergrund. „Berlin Alexanderplatz“ ist eine moderne Adaption eines Klassikers, der es schafft, den Finger in die Wunde zu legen und eine Geschichte zu erzählen, die aktueller nicht sein könnte.

Berlin Alexanderplatz

Genre: Drama
Bundesstart: 16. Juli 2020
Laufzeit: 183 Minuten
FSK: ab 12 Jahren freigegeben
Regie: Burhan Qurbani
Drehbuch: Burhan Qurbani und Martin Behnke