Dracula bei Netflix: Die Kritik zur Serie

Dracula Claes Bang
Bild aus Cagaster of an Insect Cage
Adam Sandler Der schwarze Diamant

Dracula bei Netflix: Die Kritik zur Serie

Was hat eine vom Glauben abge­fal­l­ene Nonne mit dem Vam­pir­fürsten Drac­u­la aus Trans­syl­vanien zu schaf­fen? Diese Frage beant­wortet die neue dre­it­eilige Minis­erie Drac­u­la, die ab sofort auf Net­flix ver­füg­bar ist. Wir ver­rat­en in unser­er Kri­tik zu den ersten bei­den Episo­den, ob ihr euch die neue Adap­tion des Grusel­ro­mans anschauen soll­tet.

Dracula bei Netflix: Die Handlung der Mini-Serie

Nach­dem der sichtlich geal­terte und lichtempfind­liche Lon­don­er Anwalt Jonathan Hark­er (John Hef­fer­nan) aus dem Meer gefis­cht wurde, wird er in ein Non­nen­kloster nach Budapest gebracht.

Hier berichtet er in der ersten Folge über die mit ihrem Glauben hadernde und an okkul­ten Phänome­nen stark inter­essierte Nonne Schwest­er Agatha (Dol­ly Wells) und von den son­der­lichen Geschehnis­sen auf dem Schloss des Grafen Drac­u­la in Trans­syl­vanien.

Doch während Hark­er von seinen end­losen Aus­flü­gen in dem labyrinthisch kon­stru­ierten Schloss, von mys­ter­iösen Hil­fs­bit­ten und merk­würdi­gen Sex-Träu­men erzählt, kommt der wieder­erstark­te und blut­dürstige Drac­u­la auf seine Spur.

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Bei sein­er Ankun­ft auf dem Schloss des Grafen Drac­u­la in Trans­syl­vanien ahnt Anwalt Jonathan Hark­er (John Hef­fer­nan) noch nicht, welch­es Schick­sal ihm blüht | © Net­flix

In der zweit­en Folge, „Blut­zoll“ bucht Graf Drac­u­la eine vier­wöchige Reise übers Mit­telmeer und den Atlantik, um nach Eng­land zu gelan­gen, wo er einige Immo­bilien kauft. Neben der Besatzung sind auch zehn Pas­sagiere um Drac­u­la und 50 mit Erde gefüllte Holzk­isten mit an Bord des Schiffes namens Deme­ter, auf dem ein Serien­mörder sein Unwe­sen zu treiben scheint.

Die Besatzung find­et immer mehr blutige Über­reste weit­er­er Opfer, die zuvor spur­los ver­schwan­den. Als die stark dez­imierte Crew um Cap­tain Sokolov (Jonathan Aris) den Grafen hin­ter dem Mas­sak­er ver­mutet, schmiedet sie einen Plan, wie sie Drac­u­la daran hin­dern kön­nen, das Fes­t­land zu erre­ichen…

Starker Cast, pointierte Dialoge und überraschende Wendungen

Die Geschichte des blut­dürsti­gen Fürsten aus Trans­syl­vanien wurde bere­its dutzende Male in Fil­men adap­tiert. Eine vom US-amerikanis­chen Fernsehsender NBC in Auf­trag gegebene Serien­adap­tion des Roman­klas­sik­ers von Bram Stok­er aus dem Jahr 2013 wurde bere­its nach zehn Fol­gen eingestellt.

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Die erste Folge hält sich weit­ge­hend an die Vor­lage, wenn Jonathan Hark­er (John Hef­fer­nan) dem Grafen Drac­u­la (Claes Bang) einige Verträge zur Unterze­ich­nung vor­legt | © Net­flix

Der Ansatz von den bei­den Serien­schöpfern Mark Gatiss und Steven Mof­fat ist ein ähn­lich­er wie bei den zahlre­ichen von ihnen geschriebe­nen Fol­gen der BBC-Erfol­gsserie Sher­lock. Das Duo schüt­telte eben­so wie bei Arthur Conan Doyles Meis­ter­de­tek­tiv den ange­set­zten Staub aus der his­torischen Roman­vor­lage von Bram Stok­er, ohne den Klas­sik­er allzu stark zu ver­frem­den.

Die Grundgeschichte ist in den ersten bei­den der ins­ge­samt drei 90-minüti­gen Episo­den gle­ichge­blieben, wird aber um einige orig­inelle Ideen und Wen­dun­gen bere­ichert. Fast schon der polit­i­cal cor­rect­ness um Gle­ich­berech­ti­gung zwis­chen den Geschlechtern verpflichtet, wurde der klas­sis­che Stoff (nicht nur durch einen völ­lig über­raschen­den Cliffhang­er am Ende der zweit­en Folge) an unsere mod­erne Zeit angepasst.

Moderne Dracula-Interpretation mit Überraschungen

Immer wieder schim­mert in den Dialogzeilen von Schwest­er Agatha eine unver­hoh­lene, regel­recht abrech­nende Kri­tik an Reli­gion durch, wobei sich bei der Enthül­lung ihres voll­ständi­gen Namens in der ersten Folge bei vie­len Zuschauern ein regel­rechter „Aha“-Effekt ein­stellen dürfte.

Wie selb­stver­ständlich sind in der zweit­en Episode auch zwei Homo­sex­uelle mit an Bord der Deme­ter. Der sen­si­ble Lord Ruthven (Patrick Wal­she McBride) geht zwar mit sein­er Ehe­frau an Bord, hegt aber offen Gefüh­le für seinen stark eifer­süchti­gen Diener Adisa (Nathan Stew­art-Jar­rett).

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Die Non­nen im Marien­kloster sind für den Kampf gegen den Vam­pir gerüstet | © Net­flix

Bei all diesen Zugeständ­nis­sen an eine plu­ral­is­tis­che Gesellschaft fall­en einige eben­so freche wie trashige Szenen jedoch auch mal neg­a­tiv auf. So schlüpft Drac­u­la am Ende der ersten Folge nackt aus einem schwarzen Hund und stellt ein­er Gruppe mit Pflöck­en bewaffneter Non­nen gegenüber seinen definierten Kör­p­er zur Schau, dass zumin­d­est eine schwach wird und ihn ins Kloster bit­tet.

Diese allzu lächer­lich ger­atene Szene wirkt wie aus einem B-Movie entsprun­gen – und hätte bess­er in einen Taran­ti­no-Film gepasst, bei dem solche Albern­heit­en häu­figer mal auf dem Dreh­plan ste­hen. Auch die Gren­ze zwis­chen pointiertem Wortwitz und plump-gewoll­tem Schenkelk­lopfer ist im Dialog­buch der Sher­lock-Autoren Mark Gatiss und Steven Mof­fat zuweilen fließend.

Irgend­wann sind bemüht dop­peldeutige Dialoge um delikates Blut und „gute Jahrgänge“ schlicht abgenutzt.

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Verführerischer Dandy und toughe Kriegerin: Die Charaktere in der Netflix-Serie Dracula

Der dänis­che Schaus­piel­er Claes Band (The Square) verkör­pert den Vam­pir­fürsten fast schon teu­flisch charis­ma­tisch. Als per­fekt gescheit­el­ter Charmeur ver­lei­ht er dem per­son­ifizierten Bösen ein ver­führerisches, äußerst gepflegtes Antlitz.

Die Wort­ge­wandtheit in seinen Aus­führun­gen zur Maßlosigkeit seines Blut­dursts und die stets bewahrte englis­che Etikette und vornehme Zurück­hal­tung erin­nern zuweilen an die Titelfig­ur von Das Bild­nis des Dori­an Gray.

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Ein Gourmet, der gern gute Blut-Jahrgänge genießt: Graf Drac­u­la (Claes Bang) | © Net­flix

Eben­so wie Oscar Wilde in seinem Roman kom­men­tiert auch dieser Drac­u­la den Sit­ten­ver­fall des aus­ge­hen­den 19. Jahrhun­derts mit einem umtriebi­gen, maßlosen Lebensstil jen­seits allen Anstands.

Dabei ist er stets um einen aus­ge­wo­ge­nen Speise­plan bemüht: Wis­senschaftler und ein­fache Diener, rus­sis­che Matrosen und Adelige hat sich der Graf auf seinen Speise­plan geset­zt, denn: „Blut sind Leben“ - und er nimmt die Lebens­geschicht­en sein­er Opfer in sich auf.

Ihm gegenüber ste­ht Schwest­er Agatha, gespielt von der Britin Dol­ly Wells (Can You Ever For­give Me?), die ihm tough, ratio­nal und immer mit dem notwendi­gen Sachver­stand um das The­ma Vam­pire die Stirn bietet. Sie fungiert als würdi­ge Gegen­spielerin, auch weil sie immer wieder den moralis­chen Zeigefin­ger erhebt und dem bluti­gen Treiben des Grafen Drac­u­la mit Ver­ach­tung begeg­net.

Nüchtern und sach­lich, spitz­züngig und kratzbürstig verkör­pert Dol­ly Wells ihre stets ver­bal und kör­per­lich angriff­s­lustige Fig­ur.

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Eine Gegen­spiel­er mit starkem Akzent und Stil: Schwest­er Agatha (Dol­ly Wells) | © Net­flix

Bei­de Charak­tere wirken etwas klis­chee­haft geze­ich­net, funk­tion­ieren als Kon­tra­hen­ten aber ganz her­vor­ra­gend. Doch die Sher­lock-erfahre­nen Autoren Mark Gatiss und Steven Mof­fat bemühen sich auch bei den Neben­fig­uren um ein klares Pro­fil.

Davon prof­i­tiert etwa John Hef­fer­nan (Offi­cial Secrets) als zunehmend verängstigter und kör­per­lich aus­ge­mergel­ter Hark­er unter schau­rig-schönem Make-up, der panisch einen Ausweg aus dem labyrinthar­ti­gen Gän­gen des Schloss­es sucht. Auch Samuel Blenkin, der unter falschem Namen als Matrose Piotr an Bord gelangt und über sich hin­auswächst, hin­ter­lässt durch seine Spiel­freude einen starken Ein­druck.

Vom anfänglichen, schwäch­lichen Side­kick, der vom harten Alko­hol bis zu den unge­nießbaren Gericht­en des Smut­je alles mit „Da fehlt Papri­ka!“ kom­men­tiert, wan­delt er sich zum clev­eren Über­leben­skün­stler.

Düstere Atmosphäre und detailreiche Sets

Bei allen Finessen in ihrem Drehbuch legten Mark Gatiss und Steven Mof­fat nach Sher­lock wieder großen Wert auf eine bedrohliche Atmo­sphäre, was in der Net­flix-Serie Drac­u­la ger­ade durch ein beein­druck­endes Set-Design gelingt. In der ersten Folge sorgt das schau­rig-schöne Interieur des Schloss­es von Graf Drac­u­la für wohliges Gruseln.

Zahlre­iche ver­winkelte Gänge, hohe und unwirtliche Räume und dun­kle Gemälde in dem nur durch schumm­riges Kerzen­licht aus­geleuchteten mit­te­lal­ter­lichen Gemäuer sor­gen wahrlich für fröstel­nde Grusel­stim­mung.

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Dem großen Vor­bild Nos­fer­atu (1922) wird auch optisch Rech­nung getra­gen | © Net­flix

Während die Innenauf­nah­men in den Bray Stu­dios in Berk­shire gedreht wur­den, fan­den die Auße­nauf­nah­men an mehreren Schau­plätzen in der Slowakei statt. Beim Anblick des sich steil auf ein­er Fel­sklippe hin­aufwinden­den Schloss­es fühlen sich Film­fans übri­gens zu Recht an Nos­fer­atu – Sym­phonie des Grauens (1922) erin­nert.

Denn eben­so wie für den Stumm­film von Fritz Lang wur­den die Auße­nauf­nah­men vom Schloss des Grafen Drac­u­la rund um die Arwaburg nahe des Dorfs Oravský Podzámok im Nor­den der Slowakei gedreht. Auch einige Szenen, die mit starken Schlagschat­ten aufwarten, erin­nern an den Klas­sik­er des Vam­pir­films.

Das Set der Deme­ter ste­ht dem des Schloss­es von Graf Drac­u­la in nichts nach. Von alten Take­la­gen über die mit Gaslater­nen schumm­rig aus­geleuchteten und holzverklei­de­ten Innen­räume bis hin zu einem Deck, was durch Vin­tage-Bear­beitung tat­säch­lich so aussieht, als wäre der Kahn schon Jahrzehnte über die Welt­meere gefahren, wirkt das Schiff authen­tisch wie aus dem aus­ge­hen­den 19. Jahrhun­dert.

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Altmodische Effekte überzeugen beim Serien-Dracula

Die Grusel- und Gore-Effek­te ent­fal­ten ihre Wirkung ger­ade durch ihren wohldosierten Ein­satz. Wenn ver­rot­tete Untote aus ihren Gräbern steigen oder sich Drac­u­la buch­stäblich einen falschen Kör­p­er auf­set­zt und vom Leib reißt, sorgt das immer wieder für Ner­venkitzel.

Auch die zahlre­ichen Make-up-Effek­te, wenn sich etwa Drac­u­las Augen vom Blu­trausch rot fär­ben oder Schwest­er Agatha sich die abster­ben­den Fin­gernägel einzeln her­aus­reißt, sind eben­so schau­rig wie gelun­gen.

Dracula Claes Bang

Das Set-Design mit einem detail­re­ichen Gruselschloss von Graf Drac­u­la (Claes Bang) überzeugt mehr als die kün­stlich anmu­ten­den CGI-Effek­te | © Net­flix

Demge­genüber ste­hen jedoch einige miss­lun­gene CGI-Effek­te. Zum Ende der ersten Folge scheint die unterge­hende Sonne in allzu kün­stlich-orangem Farbton auf den Turm des Schloss­es, auf dem sich das Schick­sal des bere­its stark aus­gezehrten Hark­er entschei­det.

Auch der Nebel, in dem die Deme­ter vor wolken­ver­hangenem Mond einge­hüllt ist, wirkt sichtlich pro­gram­miert. Die zahlre­ichen com­put­era­n­imierten Fliegen, die durch die Luft schwirren oder an den Möbeln krabbeln, machen es lei­der auch nicht bess­er.

Hier wäre eine etwas sub­tilere Herange­hensweise wün­schenswert gewe­sen, die die Bear­beitung nicht schon auf den ersten Blick als solche erken­nen lässt.

Bewertung: Gewitzte und spannende Neuinterpretation des Roman-Klassikers

Die bei­den Sher­lock-Mach­er Mark Gatiss und Steven Mof­fat ori­en­tieren sich an der Roman­vor­lage von Bram Stok­er und fügen eigene, neue Ideen hinzu.

Die Co-Pro­duk­tion von BBC One und Net­flix wartet daher mit eini­gen großen Über­raschun­gen auf – unter anderem mit einem uner­wartet vielver­sprechen­den Cliffhang­er am Ende der zweit­en Folge, der einen span­nen­den Abschluss der dre­it­eili­gen Minis­erie ver­spricht.

Eine hochw­er­tige Ausstat­tung, eine dichte Gruse­lat­mo­sphäre und ein charis­ma­tis­ch­er Blut­sauger sor­gen für schau­rige Unter­hal­tung und lassen einige miss­lun­gene CGI-Effek­te ver­schmerzen. Net­flix zeigt nach dem erk­lärungswürdi­gen Stephen King-Hor­ror Im Hohen Gras ein­mal mehr, dass Hor­ror eine Spezial­ität des Stream­ings­di­en­stes ist.

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