New Tech Nations | Teil 3: Silicon Valley India auf der Schwelle zur Hightech-Hochburg

Digitaler Ausblick

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Datum 22.11.2018
Lesezeit 4 Min.

New Tech Nations | Teil 3: Silicon Valley India auf der Schwelle zur Hightech-Hochburg

In Bangalore gibt es nur ein Thema: Start-ups. Die IT-Metropole im Süden Indiens hat sich von der Outsourcing-Zentrale der westlichen Welt zum Zentrum einer blühenden Start-up-Landschaft entwickelt. Wie konnte das zweitgrößte Schwellenland der Welt zur digitalen Tech-Nation aufsteigen? Wir stellen das Silicon Valley India vor.

Noch vor wenigen Jahren entwickelte eine Schar indischer IT-Spezialisten in kleinen Bürozellen kostengünstige Programme für westliche Unternehmen. Heute sind viele dieser fleißigen Talente selbst erfolgreiche Gründer und hoffnungsvolle Ideenträger der digitalisierten Welt. Mit mehr als 5.200 Start-ups hat sich Indien zur international gefragten Tech-Nation gewandelt. Allein im Jahr 2017 konnte das Land über 1.000 neue Technik-Firmen verzeichnen und liegt mit seinem Start-up-Ökosystem im internationalen Ranking bereits an dritter Stelle hinter den USA und Großbritannien.

Silicon Valley India: Start-up-Boom in Bangalore

Besonders fruchtbar ist der Boden für Jungunternehmer in der Millionen-Metropole Bangalore (Bengaluru), die als das Silicon Valley of India gilt. Schon Ende 1970er Jahre entwickelte der Visionär und Unternehmer Ram Krishna Baliga für die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Karnataka das Konzept einer Electronic City. Schnell schlugen die ersten einheimischen IT-Dienstleister wie Infosys und Wipro in Bangalore ihr Hauptquartier auf. Ihnen folgten tausende in- und ausländische Hightech-Firmen – darunter einige der größten multinationalen Konzerne wie Amazon, IBM, Motorola, Bosch, Microsoft undSiemens. In den riesigen Technikparks hat sich eine breite Mittelschicht hoch qualifizierter Informatiker und Software-Spezialisten angesammelt – und davon gibt es im zweitgrößten Schwellenland der Welt generell jede Menge.

Indien wächst – und damit das riesige Marktpotenzial

Indien hat die wichtigste Ressource, die es für den Aufstieg zur Tech-Nation braucht: viele kluge Köpfe. Das macht das Land für Geldgeber, Gründer und Global Player äußerst attraktiv. Mit mehr als 1,34 Milliarden Einwohnern verfügt Indien aber nicht nur über viele Fachkräfte, sondern vor allem über einen riesigen Markt an potentiellen Konsumenten. Schätzungen zufolge wird Indien in wenigen Jahren China als das bevölkerungsreichste Land ablösen. Um erfolgreich zu sein und Gewinne zu machen, müssen indische Gründer also nicht gleich die ganze Welt erobern. Es reicht, wenn sie sich auf die einheimische Zielgruppe konzentrieren.

Jugaad-Revolution: Vom Schwellenland zur digitalen Mobile-First-Nation

Mit voraussichtlich 459 Millionen Internetnutzern im Jahr 2019 ist Indien ein Schlaraffenland für Daten- und Digital-Unternehmen. Schon jetzt sind mehr als 80 Prozent der indischen User über mobile Endgeräte online und haben auf den Weg ins digitale Zeitalter die Desktop-Phase einfach übersprungen. Sowohl in der Entwicklung als auch Nutzung von Mobile Apps sind die Inder echte Vorreiter. Vom mobilen Bezahlen mit einheimischen PayPal-Varianten wie Paytm bis hin zu E-Health-Apps wie Practo und NetMeds – die indischen Konsumenten sind offen für digitale Services in nahezu allen Lebensbereichen. Viele Gründer haben außerdem erkannt: Die größten Chancen liegen dort, wo Technologien die Probleme des eigenen Landes lösen können – beispielsweise im Gesundheitsbereich. Hier trägt das indische „Jugaad“-Konzept Früchte. Der Hindi-Begriff kann als „Einfallsreichtum“ übersetzt werden oder auch als das Talent, Herausforderungen unter schwierigsten Bedingungen zu bewältigen.

Von Big Data bis Blockchain: Mit Zukunftstechnologien zu neuer Reife

Trotz dieser Fähigkeit fällt auf, dass die erfolgreichsten indischen Start-ups der letzten Jahre vor allem Replikate internationaler Modelle waren. Der Taxidienst OlaCabs macht Uber Konkurrenz, Online-Shopping-Portale wie Flipkart und Snapdeal sind die indische Antwort auf den E-Commerce-Riesen Amazon. Um sich im globalen Wettrüsten als Tech-Nation behaupten zu können, muss das Land eigene Innovationen hervorbringen. Viele Jungunternehmer konzentrieren sich deshalb zunehmend auf Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, Blockchain– und FinTech-Systeme sowie das Internet of Things (IoT). Mit Analyse- und Big-Data-Services wie Razorthink oder The Math Company (TMC) wenden sie sich außerdem stärker den B2B-Märkten zu. So gewinnt das indische Start-up-Ökosystem allmählich an eigenem Profil.

Die indische Regierung ergreift die Start-up-Initiative

Der internationale Erfolg der Start-ups hat mittlerweile auch die indische Regierung auf den Plan gerufen. Nach der Make in India-Kampagne kündigte Premierminister Modi Anfang 2016 die Startup India-Mission an und stellte mit dem Start-up India Action Plan eine 19-Punkte-Liste vor, die indischen Gründern erhebliche Unterstützung verspricht. Gründerfonds und Steuernachlässe sollen dazu motivieren, Gewinne im eigenen Land zu reinvestieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Initiativen wie Skill India oder InvestIndias unterstreichen diese politischen Ambitionen.

Parallel hat sich in indischen Start-up-Hochburgen wie Bangalore, aber auch Delhi und Mumbai ein gut funktionierendes Netzwerk aus Inkubatoren und Accelerator-Programmen etabliert. Beispielsweise bietet der Startup India Hub eine Networking- und Informationsplattform für Investoren, Dienstleister, Gründer sowie politische Akteure. Institutionen wie T-Hub oder Zone Startups unterstützen lokale und internationale Unternehmen beim Start auf dem indischen Markt. Denn gerade ausländische Interessenten können an den bürokratischen Fallstricken und der komplizierten Steuerlandschaft Indiens schnell scheitern.

Win-Win-Kooperationen für den Wissenstransfer

Auch die mangelnde Infrastruktur hinderte Indien lange daran, sein enormes Marktpotenzial auszuschöpfen. Gegen die zunehmende Bevölkerungsdichte und urbane Verkehrsprobleme wappnet sich das Land jetzt mit Smart-City-Initiativen in insgesamt 98 Städten. Gerade für solche Großprojekte, die Langzeitplanung und „geordnete“ Strategien erfordern, vertrauen die Inder gerne auf die Erfahrung westlicher Partner. Initiativen wie das Startup Europe India Network (SEIS) oder auch das German Indian Startup Exchange Program (GINSEP) fördern Kooperationen, bei denen Gründer der unterschiedlichen Kulturen voneinander lernen können.

Denn fest steht: Für Unternehmen, die nach Partnern und Innovationen der digitalen Zukunft Ausschau halten, ist das kalifornische Silicon Valley längst nicht mehr die erste und einzige Adresse. Mit neuen Tech-Hochburgen in Israel, China oder eben Indien floriert die Start-up-Szene der nächsten Generation derzeit vor allem im Nahen Osten und auf dem asiatischen Kontinent.

In der nächsten Folge unserer Serie stellen wir Ihnen die aufsteigende Tech-Nation Brasilien vor.

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