Künstliche Intelligenz in der Kunst: Wenn Computer Bilder malen

Digitaler Ausblick

Digitaler Ausblick

Datum 19.02.2019
Lesezeit 7 Min.

Künstliche Intelligenz in der Kunst: Wenn Computer Bilder malen

Im Oktober 2018 erzielte ein computergeneriertes Gemälde bei einer Versteigerung im Auktionshaus Christie’s den beachtenswerten Erlös von nahezu einer halben Million US-Dollar. Damit wurde der ursprünglich geschätzte Preis um etwa das 45-Fache übertroffen. Was steckt dahinter und welches Potenzial bietet die künstliche Intelligenz im Bereich Kunst, Musik und Co.?

Künstliche Intelligenz als Basis für Kunstwerke: Was wie ein Widerspruch in sich klingt, scheint immer realistischer zu werden. Wir zeigen Ihnen, welches kreative Potenzial in Algorithmen und Big-Data-Verfahren steckt und wo die Grenzen liegen.

Können Computer wirklich kreativ sein? Und wie entsteht überhaupt Kunst auf Basis von künstlicher Intelligenz?

 

Künstliche Intelligenz in der Kunst: Wie funktioniert das?

Noch bis vor einiger Zeit ging man von der Grundannahme aus, dass Computer und Maschinen nur das ausführen können, was ihnen vorher beigebracht wurde. Doch dank Ansätzen wie neuronalem Lernen, Big-Data-Auswertungen und immer höheren Rechenleistungen ist inzwischen klar: Auch Computer können selbstständig und ähnlich wie ein Mensch durch Versuch und Irrtum lernen. So entsteht eine gewisse Art von Intelligenz – diese künstliche Intelligenz ist dann in der Lage, neue Situationen einzuschätzen, zu bewerten und mehr oder weniger kluge Handlungsempfehlungen zu geben.

Wirklich kreativ waren die KI-Algorithmen jedoch bislang nicht. Immerhin setzt Kreativität die Fähigkeit voraus, schöpferisch oder gestalterisch tätig zu sein. Darüber hinaus gibt es bestimmte, teils subjektive und teils objektive Kriterien, an denen Ästhetik und Einzigartigkeit eines Werks und dessen Wirkung auf den Menschen gemessen werden. Ein Computer, der künstlerische Werke schaffen soll, muss neben objektiven Kriterien also auch subjektive berücksichtigen.

Um zu zeigen, dass künstliche Intelligenz hierzu in der Lage ist, hat das französische Künstler-Kollektiv „Obvious” zwei zusammengehörige Algorithmen eingesetzt. Der erste Algorithmus namens „Generator” hat hierbei die Aufgabe, ein Bild zu erschaffen, welches der zweite Algorithmus, der sogenannte „Discriminator” anschließend bewertet. Im Ergebnis teilt der zweite Algorithmus dann mit, ob es sich um ein „echtes”, also menschengemachtes Bild handelt oder nicht. Betrachtet der Algorithmus eines der computergenerierten Bilder als „echt”, gilt es laut dem Kollektiv als Kunst.

In das System wurden zuvor 15.000 Portraits aus der Zeit des 14. bis zum 20. Jahrhundert eingespeist, die aus Menschenhand stammen. Danach versuchte der „Generator”, den „Discriminator” von seinen Werken zu überzeugen. Keine leichte Aufgabe – schließlich wusste der „Discriminator” inzwischen relativ genau, welche Merkmale ein echtes Kunstwerk auszeichnen. Dennoch haben es einige Werke seines „Gegenspielers” durch die „Prüfung” geschafft und wurden zu teils erheblichen Summen versteigert.

Video: YouTube / Bitkom

 

Menschliche versus künstliche Intelligenz: Können Computer wirklich kreativ sein?

Man mag die computergenerierten Werke des „Obvious”-Kollektivs nun ansprechend finden oder nicht – Fakt ist, dass es sich tatsächlich um bisher nicht dagewesene Werke handelt, die letztlich allein von Computeralgorithmen für „gut genug” befunden wurden, um einem Publikum vorgestellt zu werden. Dass diese Algorithmen wiederum von Menschenhand programmiert wurden, tut der kreativen Leistung keinen Abbruch. Immerhin rufen diese Werke tatsächlich eine gewisse Begeisterung hervor und können am Kunstmarkt bestehen.

Damit jedoch wirklich von Kunst die Rede sein kann, sind mehrere Faktoren für kreative Schöpfungen durch Computer bedeutsam:

  • Die Arbeit darf in genau dieser Form bislang nicht existieren.
  • Das endgültige Werk darf kein reines Zufallsprodukt sein, sondern muss gewissen Grundprinzipien folgen, die als allgemein anerkannt gelten.
  • Die Frage, ob ein Werk „fertig” ist, darf nicht der Mensch, sondern muss letztlich die künstliche Intelligenz beantworten.
  • Das Werk sollte einem gewissen Personenkreis „gefallen”, was sich letztlich auch im zu erzielenden Auktions- oder Verkaufspreis niederschlägt.

Demgegenüber allerdings stellt sich durchaus die Frage, ob Algorithmen wirklich selbst Künstler sein und Kunst erschaffen können oder ob diese Eigenschaft letztlich nicht doch den Programmierern der Algorithmen zugeschrieben werden muss. Eine andere, sich daraus ergebende Problematik ist das Urheberrecht an den geschaffenen Werken: Liegt dieses bei der künstlichen Intelligenz oder bei den Programmierern? Und was geschieht im Falle einer Veräußerung des Algorithmus? Doch diese Frage im Detail abzuwägen, würde an dieser Stelle zu weit führen.

Einige der wesentlichen Fähigkeiten und Merkmale von Künstlern wie Wissen, Übung, Wahrnehmungs- und Projektionsfähigkeit scheint künstliche Intelligenz bereits jetzt zu besitzen. Mit echter Intuition tut sie sich allerdings nach wie vor schwer, da diese per Definition ja gerade ein Abweichen vom bekannten und logischen Weg ohne bewusste Schlussfolgerungen aus dem Erlernten beinhaltet.

 

Weitere Anwendungsgebiete für neuronales Lernen und künstliche Intelligenz

Nicht nur in der Kunst bietet künstliche Intelligenz spannende Einsatzfelder. Immerhin werden Computer immer leistungsfähiger und können mit immer größeren Datenmengen umgehen. Dadurch nähern sie sich dem menschlichen Gehirn und dessen Fähigkeiten in ihrer Speicher- und Verarbeitungsfähigkeit immer mehr an. Außerdem kommt hinzu, dass immer mehr Daten in maschinenlesbarer Form vorliegen und zum Training von künstlichen Intelligenzen genutzt werden können – angefangen von digitalisierten Büchern bis hin zu detaillierten Messwerten aus der Umwelt, die dank Narrowband-IoT über weite Strecken hinweg in die Cloud übertragen und dort verarbeitet werden können.

Computer lernen also immer mehr darüber, wie ihre Umwelt aufgebaut ist und funktioniert. Das schafft Spielraum für schöpferische Aufgaben, nicht nur im Bereich der Kunst. Neben der bildenden Kunst mit den Gattungen Malerei, Grafik, Bildhauerei und Architektur gibt es weitere interessante mögliche Anwendungsbereiche für neuronales Lernen:

  • Musik: Es gibt inzwischen auch computergenerierte Musik, die ebenfalls so manchem Hörer zu gefallen scheint. Beispielhaft sei hier das AIVA-Projekt genannt (Artificial Intelligence Virtual Artist), das computerbasiert emotionale Soundtracks für Filme und Videospiele erschafft. Vielleicht haben Sie sogar schon mal in einem Kinofilm gesessen, dessen Soundtrack teilweise von Computern erzeugt wurde. Als Basis dienen wiederum Werke klassischer Meister, hier jedoch im Musikbereich. Diese wurden digitalisiert und danach auf mathematische Zusammenhänge und weitere Aspekte hin untersucht.
  • Text und Literatur: Auch die Literatur mit ihren Untergattungen ist inzwischen Objekt neuronalen Lernens. Reduziert man den Literaturbegriff zunächst auf die reine Erstellung von Informationstexten, hat die künstliche Intelligenz samt Spracherzeugung in Form von Sprachassistenten längst Einzug in unseren Alltag gehalten. Informationen werden in Form von Datenfragmenten wie Wetter, Finanzdaten oder Sportergebnissen letztlich einfach mit Füllwörtern versehen, um verständlich zu sein, und anschließend sinnvoll zusammengefügt (und gegebenenfalls in Sprachform ausgegeben). Bei „echter” Literatur und dem Erzählen spannender Geschichten tun sich Computer hingegen bisher noch schwer. Hintergrund ist, dass eine KI (bislang) eben nicht dieselben Emotionen und Empathie für den Leser transportieren kann wie ein menschlicher Autor.
  • Film: Auch das Skript zu einem Film namens Sunspring stammt weitgehend aus Computerhand. Prinzipiell geht es um eine Dreiecksbeziehung an Bord eines Raumschiffs. Hört man jedoch den weitgehend sinnfreien Dialogen zu, scheint es noch eine Menge Lernbedarf seitens der zugrunde liegenden KI-Algorithmen zu geben.

Noch mehr spannende Einsatzgebiete künstlicher Intelligenz haben wir für Sie an separater Stelle zusammengefasst.

Video: YouTube / W&V/LEAD Redaktion

 

Computer-Kunst zum Rekordpreis

Eines der ersten von Algorithmen erzeugte Kunstwerk namens „Portrait of Edmond de Belamy” zeigt ein leicht verschwommenes Abbild einer Person. Sie wurde vom Auktionshaus Sotheby’s im Vorfeld der Versteigerung grob als „[...] Franzose, vielleicht aber auch ein Kleriker” umschrieben. Außerdem soll das Werk an die Arbeit des französischen Malers, Zeichners und Dekorateurs François Boucher (1703-1770) erinnern.

Am Ende der Auktion ging der Zuschlag für 432.500 US-Dollar an einen telefonischen Bieter, der offenbar das Potenzial von Kunst, die von künstlicher Intelligenz erzeugt wurde, sehr hoch einschätzt. Vielleicht gefiel ihm aber auch einfach nur das Bild besonders gut.

Wann taugen Werke künstlicher Intelligenz für den Alltag? Der Turing-Test

Die Erzeugnisse von künstlicher Intelligenz in Kunst, Musik und Kultur werden häufig nicht als ästhetisch, brauchbar oder irgendwie inspirierend wahrgenommen. Computergenerierte Kunstwerke oder Musikstücke lassen sich so bislang allzu leicht von menschengemachten Produktionen unterscheiden.

Der sogenannte Turing-Test kann die Brauchbarkeit eines Werkes überprüfen und einstufen: Dieser Test wurde bereits im Jahr 1950 formuliert und existierte zunächst nur als theoretische Skizze. Er zielt darauf ab, durch Befragung herauszufinden, ob ein anonymisiertes Gegenüber ein Mensch oder eine Maschine ist. Eine Maschine, die Versuchspersonen davon überzeugt, dass sie ein Mensch sei (und somit keine klare Unterscheidung zwischen den Versuchskandidaten möglich ist), hat den Turing-Test bestanden.

Dasselbe Prinzip wird heute zur Ergebniskontrolle von Algorithmen der künstlichen Intelligenz angewandt: Wenn ein Werk künstlicher Intelligenz nicht mehr von menschengemachten Werken unterscheidbar ist, gilt der Test als bestanden.

Ob das Werk deswegen wirklich gut, eindrucksvoll oder kreativ ist, obliegt ebenso wie bei Kunstwerken, Musikstücken und Literatur aus Menschenhand sicherlich auch weiterhin dem Urteil des Rezipienten. Fest steht nur: Auch über Kunst aus künstlicher Intelligenz lässt sich vortrefflich streiten.

 

Zusammenfassung

  • Computergenerierte Kunst findet immer mehr Anhänger und erzielt bei Auktionen durchaus hohe Preise.
  • Hintergrund sind das neuronale Lernen und große Datenmengen, mit denen Algorithmen via Versuch und Irrtum ihre eigenen Fähigkeiten verbessern.
  • Damit künstliche Intelligenz wirklich kreativ werden kann, muss sie auch Emotionen und Erfahrungen berücksichtigen, was bislang schwerfällt.
  • Auch im Bereich von Musik, Literatur und Filmen sowie weiteren Gebieten wird mit künstlicher Intelligenz experimentiert.
  • Der sogenannte Turing-Test hilft bei der Entscheidung, ob ein Algorithmus tatsächlich Werke produziert, die von menschengemachten Ergebnissen nicht mehr zu unterscheiden sind.

 

Was halten Sie von der Idee, dass Computer Kunst erschaffen? Ist Kreativität eine typisch menschliche Eigenschaft oder nur eine Frage der richtigen Programmierung? Wir freuen uns auf eine anregende Diskussion.

 

Titelbild: Eigenkreation

 

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Facebook Twitter WhatsApp LinkedIn Xing E-Mail