Interviewpartnerin Inger Paus
© Vodafone Stiftung
Aufgepasst

Der Corona-Crashkurs

Millionen Schüler, Eltern und Lehrkräfte wurden durch die Pandemie zu unfreiwilligen Teilnehmern des größten Digitalisierungsexperiments der Geschichte. Ist das die Blaupause für die Zukunft des Bildungssystems – oder der endgültige Offenbarungseid?

„Bildung kommt von Bildschirm und nicht von Buch, sonst hieße es ja Buchung“, soll der Kabarettist Dieter Hildebrandt einst gewitzelt haben. Das sarkastische Zitat hat in den vergangenen Wochen eine völlig neue Bedeutung bekommen: Durch die Maßnahmen zur Einschränkung der COVID-19-Pandemie wurde das gesamte deutsche Bildungssystem gezwungen, sämtliche Tätigkeiten online zu verlagern. Bildung kam in diesen Wochen tatsächlich vom Bildschirm. Aber wie erging es den Betroffenen dabei? Wie haben Schülern, Eltern, Lehrkräfte und Institutionen diese Zeit erlebt, welche positiven und negativen Erfahrungen haben sie gemacht?

Neuveröffentlichte Studien der Vodafone Stiftung Deutschland geben jetzt erste Antworten. Dabei zeigt sich: Besonders die Eltern wurden durch die ungewohnte Situation an die Grenzen ihrer Kapazitäten gebracht, fast drei Viertel (73 Prozent) sehen die langfristige Aufrechterhaltung des Homeschooling-Experiments durchaus kritisch. 

Wieso das kaum verwunderlich ist, erklärt die Vorsitzende der Geschäftsführung der Vodafone Stiftung, Inger Paus: „Plötzlich wird von Eltern erwartet, dass sie einen Großteil der Leistungen, die eigentlich zur Daseinsvorsorge des Staates gehören, selbst schultern. Das geht bei berufstätigen Eltern kaum. Letztendlich ziehen die Mütter meistens den Kürzeren, da sie sich entweder beruflich einschränken müssen oder gar nicht mehr arbeiten können.“ 

„Der soziale Graben wird durch die Corona-Krise deutlich geweitet.“

Inger Paus, Geschäftsleiterin des Vodafone Instituts und Vorsitzende der Geschäftsführung der Vodafone Stiftung Deutschland

Beziehungen sind unersetzlich

Dem kommt hinzu, dass die Pandemie soziale Unterschiede und strukturelle Defizite verstärkt hat: „Der soziale Graben wird durch die Corona-Krise deutlich geweitet“, erklärt Inger Paus. „Das ist auch den Lehrkräften durchaus bewusst, wie die Ergebnisse unserer neuesten Studie belegen: Mehr als die Hälfte befürchtet, dass die Krise sich massiv auf schwächere Schüler auswirken wird und diese den Anschluss verlieren könnten.“ Diese Einschätzung teilt auch der Träger des Deutschen Lehrerpreises Sebastian Schmidt: „Die Technik ist wichtig, aber das Wichtigste ist die Beziehungsebene“, so Schmidt. Es reicht nicht, Laptop und Internetanschluss zu Hause zu haben: Größe der Wohnung, Bildungsgrad und zeitliche Verfügbarkeit der Eltern, Kommunikation mit dem Lehrpersonal, Ausstattung und Vorbereitung der Schule – jeder dieser Aspekte kann ausschlaggebend sein. Das habe sich besonders in den ersten Wochen der Krise gezeigt, so Inger Paus: „Homeschooling verlangt von den Lehrkräften Proaktivität – das fängt schon bei der Auswahl des richtigen Kanals an. Da reicht es nicht, eine Mail mit Wochenaufgaben abzuwerfen. Das funktioniert nämlich nur dort, wo Kinder schon gut alleine arbeiten können, von den Eltern massiv unterstützt werden und wo solche Kommunikationskanäle auch regelmäßig genutzt werden. Die Haushalte, die dies nicht können, erreiche ich so nicht – da kam in vielen Fällen über Wochen keine Rückmeldung. Das lief dann unter dem negativen Label ‚Corona-Ferien‘ und wird sich im nächsten Schuljahr wohl bitter auszahlen.“

Mädchen lernt vor dem Laptop
© Getty Images

Technik ist aus dem modernen Bildungssystem nicht mehr wegzudenken.

Mädchen lernt vor dem Laptop
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Technik ist aus dem modernen Bildungssystem nicht mehr wegzudenken.

© Vodafone Stiftung
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Ein „DigitalPakt“ für die Schule

Dabei sollte dieses Jahr doch alles anders werden. Im März 2019 hatte der Bundesrat einer hart erkämpften Änderung des Grundgesetzes zugestimmt, die es dem Bund ermöglichte, den Ländern massive finanzielle Mittel in Höhe von 5 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Damit sollten die rund 40.000 deutschen Schulen konsequent digitalisiert werden – immerhin 120.000 Euro pro Einrichtung stellte der sogenannte „DigitalPakt Schule“ dafür in Aussicht. Eine beachtliche Summe – die bisher aber kaum genutzt wurde. „Es gibt aufgrund des Subsidiaritätsprinzips eine Aufgabenteilung zwischen Ländern, Kommunen und den Schulen, die jegliches Reformprojekt im Bildungsbereich enorm verkompliziert und die schnelle Umsetzung von Maßnahmen verzögert“, erklärt Inger Paus: „Deswegen ist zum Beispiel ein Großteil der Mittel aus dem Digitalpakt überhaupt noch nicht abgerufen worden, weil die Schulen erst mal ein Medienkonzept entwickeln müssen, der Schulträger dann einen Antrag stellen muss und der ganze Weg extrem bürokratisch ist.“

„Wenn wir die Chancen der Digitalisierung nutzen wollen, brauchen wir vor allem zwei Dinge: Akzeptanz neuer Technologien – und Kompetenzen, diese souverän nutzen zu können.“

Hannes Ametsreiter, Geschäftsführer von Vodafone Deutschland

Lernen als Spiel?

Dass es Alternativen zur Digitalisierungsödnis im Bildungsbereich gibt, will die Stiftung auch mit ihrem eigenen Engagement beweisen. Zum Beispiel mit dem Projekt „Coding For Tomorrow“, das deutschlandweit Kinder und Jugendliche dabei unterstützt, sich digitale Kompetenzen anzueignen. Herzstück der Initiative ist der 2017 in Düsseldorf gegründete Coding Hub, der wie eine Mischung aus Maker-Space, Hacker-Lab und Forschungslabor anmutet. In 90-­mi­nütigen Unterrichtseinheiten, ganztägigen Ferien­camp­-Angeboten oder Lehrerschulungen dürfen kleine und große Besucher hier Roboter bauen, sich mit 3D-Druckern austoben oder Musik programmieren. „Unser Hub ist auf eine spielerische und praxisorien­tierte Vermittlung von digitaler Bildung ausgerich­tet“, sagt Andrea Zinnenlauf, Projektkoordinatorin von Coding For Tomorrow. „Wer einmal erlebt hat, wie Schulkinder Wetterstationen programmieren, um damit die Stickstoffbelastung zu messen, oder voller Begeisterung an den Laptops unterschiedlichste Gegenstände entwerfen, der kann sofort nachvollzie­hen, dass wir hier niemanden groß motivieren müssen. Das Lernen ist dabei ein selbstverständlicher Ne­beneffekt, den die Kinder so gar nicht wahrnehmen.“

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Ob zuhause oder im Klassenraum: Digitale Endgeräte begleiten uns nicht nur bei der Arbeit, sondern auch beim Lernen.

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Ob zuhause oder im Klassenraum: Digitale Endgeräte begleiten uns nicht nur bei der Arbeit, sondern auch beim Lernen.

© Vodafone Stiftung
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Gemeinsam gegen Fake News

Eine weitere Initiative der Stiftung, die sich in ihrem Ansatz durch die Entwicklungen der vergangenen Wochen bestätigt fühlen dürfte, nennt sich „Klickwinkel“. Durch gezielte Projekte und Lernmaterialien sollen junge Menschen in ihrer Medienkompetenz und demokratischen Meinungsbildung gestärkt werden. Wie unterscheidet man zwischen „Fake News“ und Fakten? Was zeichnet eine vertrauenswürdige Quelle aus? Wie führt man politische Diskussionen in sozialen Netzwerken? Solche und ähnliche Fragen dürfen die jungen Projektteilnehmer in einem Videowettbewerb behandeln, in dem es 2019 beispielsweise um Rassismus, Bildungsgerechtigkeit und Erinnerungskultur ging. Bedenkt man die explosionsartige Zunahme von Corona-Verschwörungstheorien und Falschmeldungen, die in diesen Wochen in sozialen Netzwerken, WhatsApp-Gruppen und Telegram-Chats zu beobachten war, versteht man, wieso die Initiative als so bedeutend für die Belebung demokratischer Institutionen erachtet wurde, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Schirmherrschaft darüber übernommen hat. 

„Technik ist Mittel zum Zweck. Die entscheidende Frage ist: Was machen wir damit?“

Inger Paus, Geschäftsleiterin des Vodafone Instituts und Vorsitzende der Geschäftsführung der Vodafone Stiftung Deutschland

Technologie als Mittel

Der zunehmend raue und teilweise irrationale Ton in der Corona-Debatte zeigt auch, dass die Aneignung neuer Kompetenzen im digitalen Zeitalter ein Thema ist, das inzwischen die gesamte Gesellschaft betrifft, unabhängig vom Alter: „Wenn wir vom Bildungssystem sprechen, meinen wir nicht nur die Schulen, sondern auch Weiterbildung und lebenslanges Lernen“, ergänzt Inger Paus. 

Dem Corona-Bildungsexperiment der vergangenen Wochen kann sie durchaus auch Positives abgewinnen: „Grundsätzlich kann man sagen, dass die Krise geholfen hat, die Nutzung von digitalen Lernplattformen zu etablieren – wobei diese sich von Bundesland zu Bundesland sehr stark unterscheiden.“

Die Arbeit der Stiftung werde man auf jeden Fall vorantreiben, ohne dabei das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren, beteuert Paus: „Beim ganzen Thema Digitalisierung und Bildung muss man darauf achten, eine zu starke Fokussierung auf die Technologie zu vermeiden. Letztendlich ist Technik nur ein Mittel zum Zweck. Die entscheidende Frage ist: Was machen wir damit?“

Lesen Sie die vollständigen Studien der Vodafone Stiftung zur Schulschließung durch Corona: