Solaranlagen
Green Tech

Eine „nachhaltige Digitalisierung“ ist kein Selbstläufer

In seiner Arbeit untersucht der Wissenschaftler Tilmann Santarius Potenziale und Risiken der Digitalisierung für eine ökologisch sinnvolle Transformation der Wirtschaft. Wie diese gelingen kann, erläutert er in diesem Gastbeitrag.

Tilman Santarius

Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind die beiden Themen, zu denen Prof. Dr. Tilman Santarius bereits seit 2001 forscht. 2017 wurde er Professor an der TU Berlin und am Einstein Center for Digital Future.

Trägt die Digitalisierung zur notwendigen sozial-ökologischen Transformation der Gesellschaft bei – oder reformiert sie eher den nichtnachhaltigen Status quo? Dies ist sicher eine der derzeit spannendsten Fragen. Aber sie kann nicht pauschal beantwortet werden. Hoffnungen, dass eine digitale Zukunft zugleich eine dematerialisiertere sein wird, sind durchaus begründet. Laut einer Studie der Global e-Sustainability-Initiative können mithilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien bis zum Jahr 2030 sagenhafte 16,5 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen eingespart werden. Und die Bundesregierung proklamiert, das Konzept der Industrie 4.0 würde nicht nur das Wirtschaftswachstum ankurbeln, sondern auch die Material- und Energieeffizienz massiv erhöhen. 

Doch die radikale Steigerung von Effizienz und Optionen durch „smart everything“ kann zugleich neue ökologische Probleme hervorrufen. Durch Rückkopplungs-Effekte („re-bound“) werden Einsparpotenziale durch Mehrverbrauch an anderer Stelle wieder aufgefressen. Neue digitale Märkte und Produkte erhöhen ebenfalls den Ressourcenverbrauch. Die (bewusste) Verringerung der Lebensdauer von Produkten und die weitere Beschleunigung von Produktionsprozessen und -zyklen ist nirgends so stark ausgeprägt wie bei digitalen Geräten. Und diese Beschleunigung macht unser Leben immer rastloser und erschwert es, unsere Wirtschaftskreisläufe in Einklang mit den Stoffkreisläufen der Natur zu bringen.

Digitalisierung ist eine Effizienzmaschine. Das heißt: Wir können digitale Prozesse mit weniger Input gestalten als die vergleichbaren analogen Prozesse.

Tilmann Santarius, Einstein Center for Digital Future

Digitalisierung als Effizienzmaschine

Der bloße Austausch analoger durch digitale Dienstleistungen und Produkte wird ein Nullsummenspiel bleiben. Bestehende nichtnachhaltige Produktions- und Konsummuster durch Digitalisierung etwas umweltfreundlicher zu machen, reicht nicht aus. Allerdings begünstigt die Digitalisierung auch soziale Innovationen, die dazu beitragen können, nichtnachhaltige Produktions- und Konsummuster abzulösen. Insbesondere eignet sie sich, die Zusammenarbeit von Menschen zu erleichtern (Kollaboration), uns zu informieren und nachhaltige Alternativen aufzuzeigen (Information & Bildung), diese spielerisch attraktiv zu machen und so Routinen aufzubrechen (Verhaltensinnovation). 

Digitalisierung ist eine Effizienzmaschine. Das heißt: Wir können digitale Prozesse mit weniger Input gestalten als die vergleichbaren analogen Prozesse. Wir können zum Beispiel mit weniger Energieaufwand kommunizieren, weil wir nicht mehr zur Konferenz fahren oder fliegen müssen, sondern das per Videotelefonie erledigen. Wenn technologische Innovationen nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial „disruptiv“ wirken, kann die digitale Transformation zu einer sozial-ökologischen Transformation beitragen.

Videokonferenz

Ob beim Shoppen oder bei der Arbeit: Die Digitalisierung kann potenziell dazu beitragen, unseren CO2-Fußabdruck zu reduzieren.

Videokonferenz

Ob beim Shoppen oder bei der Arbeit: Die Digitalisierung kann potenziell dazu beitragen, unseren CO2-Fußabdruck zu reduzieren.

Online Shopping
Online Shopping

Beispiel Handel

Rein theoretisch birgt Online-Shopping zwar etliche Potenziale für Nachhaltigkeit: Öko-faire Waren können spielend und überall bezogen werden, die Lieferung per Post spart gegenüber dem individuellen Einkauf per Auto Energie usw. Aber in der Summe kurbelt „smartes Shoppen“ eher den Verkauf an. Digitalisierung eröffnet jedoch auch fantastische Möglichkeiten, um Sharing statt Shopping zu fördern! Anstelle von „Geiz-ist-geil“-Plattformen zeigen zahlreiche Webseiten wie Kleiderkreisel, FoodSharing, Couchsurfing und viele andere, dass Bedürfnisse auf weniger kommerzielle Weise befriedigt werden können. 

Die Politik muss beginnen, zusammen mit Verbraucherverbänden und nachhaltigen Unternehmen gezielt Anreize und Regulierungen zu entwickeln, damit kooperative Plattformen zur Entkommerzialisierung der Wirtschaft beitragen.
Darüber hinaus muss das Internet eine Allmende bleiben. Social Media und Suchmaschinen sind monopolistisch vermachtet – aber eigentlich genauso öffentliche Räume wie Schulen oder der Kölner Domplatz. Darum sollten sie werbefrei sein – womit gleichzeitig die Verführung zu immer mehr Konsum eingedämmt wird.

 

Die Politik muss beginnen, gezielt Anreize und Regulierungen zu entwickeln, damit kooperative Plattformen zur Entkommerzialisierung der Wirtschaft beitragen.

Tilmann Santarius, Einstein Center for Digital Future

Beispiel Mobilität

ShareNow oder Uber wie auch datengetriebene Fahrzeugsteuerung und intelligente Verkehrsleitsysteme erhöhen zwar die Effizienz des Automobilverkehrs, machen ihn aber zugleich attraktiver und kostengünstiger und werden dadurch seinen Umfang noch erhöhen. Echtes Potenzial für Nachhaltigkeit haben indessen Anwendungen, die Verhaltensänderungen und eine Verlagerung auf öffentliche und nutzungsgeteilte Verkehre erwirken. Es gilt, multimodale Plattformen für „mobility-as-a-service“ so weiterzuentwickeln, dass verschiedene öffentliche Verkehrsträger tatsächlich kombiniert und „on the go“ gebucht werden können. Denn dann wird die individuelle Flexibilität beim ÖPNV sogar die des Autos übertreffen. Aber auch dies geht nicht ohne politische Unterstützung. Zugleich muss der Automobilverkehr verteuert und entschleunigt werden, anstatt ihn durch andere Formen der Digitalisierung noch zu beschleunigen. Eine übergreifende Mobilitäts-App, wie sie jetzt in München oder Berlin entsteht, könnte alle „grünen“ Verkehrsmittel im Sharing fahren lassen und das Auto gerade in der Stadt weitgehend überflüssig machen.

Smart Parking App

Die Sharing Economy könnte zur nachhaltigen Ausrichtung unserer Gesellschaft beitragen – soweit wir den Datenhunger der digitalen Wirtschaft im Zaum halten.

Smart Parking App

Die Sharing Economy könnte zur nachhaltigen Ausrichtung unserer Gesellschaft beitragen – soweit wir den Datenhunger der digitalen Wirtschaft im Zaum halten.

Rechenzentrum
Rechenzentrum

Software muss sparsamer werden

An den datengetriebenen Geschäftsmodellen der großen Tech-Konzerne werden meistens Datenschutz und Machtasymmetrien kritisiert. Dabei gibt es ein weiteres großes Problem: Diese Geschäftsmodelle, die auf Basis von Datensammeln Werbung effektiver machen, animieren zu mehr Konsum mit den entsprechenden ökologischen Folgen. Wir brauchen nicht nur strikteren Datenschutz für die großen Tech-Plattformen, sondern auch Standards und Labels für schlankes Programmieren, bei dem daten- und energiesparsame Software entsteht.

Künstliche Intelligenz und Big-Data-Analysen verarbeiten riesige Datenberge und verbrauchen gigantische Strommengen. Wenn sich extrem rechenintensive Kryptowährungen wie BitCoins massiv verbreiten sollten, wäre das der sichere Weg in den ökologischen Abgrund. Hier braucht es Grenzen und Vorgaben für effiziente Software.
Eine sozial-ökologische Digitalpolitik muss die Effizienzpotenziale der Digitalisierung daher durch kluge Maßnahmen flankieren und sicherstellen, dass die Einsparpotenziale bei Energie und Ressourcen nicht durch Nachfragewachstum wieder aufgefressen werden. 

 

Business-Erfolg neu gedacht