Sascha Pallenberg
Green Future

Das „grüne“ Wirtschaftswunder

Technologien steigern unseren Energiehunger. Doch die Digitalisierung bietet auch enorme Chancen für Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Unternehmer, Autor und Tech-Blogger Sascha Pallenberg über die Chancen von Green IT.

Technologie und Nachhaltigkeit werden in der öffentlichen Wahrnehmung vermehrt als zusammengehörig empfunden. In EU-Kreisen spricht man von „Twin Transition“ – zwei Themen, die gemeinsam transformiert werden müssen und sich gegenseitig bedingen. Siehst Du das genauso?

Da gibt es Schnittmengen. Das Grundprinzip digitaler Prozessoptimierung zielt auch auf mehr Nachhaltigkeit: durch Effizienzsteigerung, durch optimierten Einsatz von Energiequellen, Zeit, Man- und Womanpower. Die digitale Transformation der vergangenen fünf, sechs Jahre, vor allem im Unternehmensumfeld, rückte sehr stark in den Fokus der Öffentlichkeit. Der Nachhaltigkeitsgedanke ist im Grunde Jahrhunderte alt und stammt aus der Forstwirtschaft. Heute sehen wir einen neuen, stark technologisch getriebenen Kontext. In Deutschland begann das vor rund 20 Jahren mit dem sogenannten 100.000-Dächer-Programm zur Subvention von Solaranlagen. Wir erleben das jetzt bei der Transformation der Automobilindustrie zur Elektromobilität und werden das auch in der Lebensmittelindustrie erleben. Wir wenden uns wieder regionalen Lebensmitteln zu. Kreislaufsysteme, Aquaponic-Kulturen, Vertical Farming sind weitere Trends. Entwicklungen, die ohne Technologien wie z. B. LED-Licht oder ohne regenerative Energiequellen nicht nachhaltig umzusetzen gewesen wären. Technologie bietet die Chance, nachhaltige und digitale Transformation voranzutreiben.

 

Sascha Pallenberg

Als Autor und Chief Awareness Officer von aware The Platform GmbH sieht Sascha Pallenberg eine „grüne“ Zukunft, in der wir Energie sparen, Ressourcen schonen und Wohlstand für alle ermöglichen.

Aber dass mehr Technologie oder Digitalisierung zu mehr Nachhaltigkeit führt, ist kein Automatismus, betrachten wir etwa den Energieverbrauch digitaler Infrastrukturen wie Serverfarmen oder Crypto-Currency-Mining.

Das stimmt. Grundprinzip der Digitalisierung jedoch ist, analoge Prozesse energieeffizient und ressourcenschonend zu optimieren. Dem steht hoher Energieaufwand gegenüber, etwa bei der Chipherstellung, die auch sehr viel Wasser verbraucht. So schaffe ich andere Ressourcenabhängigkeiten. Aber bezogen auf den Energieaufwand, kann dieser durch regenerative Energiequellen gedeckt werden. Auch hier ist der transformative Prozess in vollem Gange. An guten Sonnen- oder Windtagen kann Deutschland bereits jetzt 30 bis 40 Prozent seines Energiebedarfs mit Erneuerbaren decken. Wichtig ist, sich auf verschiedene Säulen der Energiegewinnung zu stützen und Technologien im Mix zu betrachten. Es ist weitaus einfacher, im digitalen Bereich eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft zu etablieren als mit klassischen analogen Prozessen.

 

Beispiel Automobilindustrie: Reicht das, was die Branche von sich aus unternimmt, um auf Elektromobilität umzuschwenken? Oder ist mehr Regulierung nötig?

Die Automobilindustrie ist zum Teil progressiver als diverse Regulatoren. Betrachte ich z. B. die Roadmap von einem Hersteller wie Porsche, so will die Marke bis 2030 über die gesamte Wertschöpfungskette bilanziell CO2-neutral sein. Bilanziell, weil es schwierig wird, globale Lieferketten bis ins letzte Detail klimaneutral aufzustellen. Daimler will bis 2039 klimaneutral über die gesamte Wertschöpfungskette sein. Aber wir reden über rund 2.000 Zulieferer, die weltweit verteilt sind – eine riesige Herausforderung. Die Automobilindustrie übt deshalb zu Recht starken Druck auf diese Lieferketten aus. Nachhaltigkeit und Klimaneutralität binnen 10 bis 15 Jahren zu erreichen, sichert das Business der Zukunft. Die Kernzielgruppe besteht dann nämlich aus der Generation, die nun jeden Freitag auf die Straßen geht und für das Klima protestiert. 

 

Diese Zielgruppe wird sich wohl nur schwerlich für Verbrenner begeistern?

Eben. Ohne nachhaltige, klimaneutrale Produkte finde ich am Markt künftig nicht mehr statt. Die Konzernstrategen registrieren auch, dass in manchen Ländern Fahrverbote für Verbrenner diskutiert, zum Teil auch ausgesprochen werden – etwa für den innerstädtischen Bereich. London hat damit seine Emissionen und die Luftbelastung sensationell verbessert. Irgendwann werden klassische Verbrenner nicht mehr verkauft. Die größere Herausforderung sind die 1,4 Milliarden Bestandsfahrzeuge weltweit. Mit klimaneutral erzeugten E-Fuels ließen sich diese weiter nutzen. Im Rahmen von COP26 hat leider nur Mercedes-Benz eine Absichtserklärung zum Auslaufen des Verbrenners unterschrieben. Als bislang einziger Hersteller aus Deutschland. Weitere müssen einfach nachziehen. Weltweit ist die deutsche Automobilindustrie bei der Transformation zur E-Mobilität mit Abstand führend – bei Investitionen und Modellen. Es gibt viel zu tun, aber wir sind auf einem sehr guten Weg.
 

Geschäftsmann fährt mit Elektroroller

„Technologie bietet die Chance, nachhaltige und digitale Transformation voranzutreiben“, sagt Sascha Pallenberg.

Geschäftsmann fährt mit Elektroroller

„Technologie bietet die Chance, nachhaltige und digitale Transformation voranzutreiben“, sagt Sascha Pallenberg.

Gebäudefassade mit Pflanzen
Gebäudefassade mit Pflanzen

Die nachhaltige Transformation kann für den Standort Deutschland ein neues Wirtschaftswunder schaffen. Wir haben die Ingenieurinnen und Ingenieure. Wir haben den Unternehmergeist.

Sascha Pallenberg, Autor, Blogger und Consultant

Welche Signale müsste die Politik denn in puncto Regulierung senden? Stichwort C02-Preis.

Automobilindustrie und Verbände haben sich über Jahre und über alle Klimapakete hinweg auf weitaus striktere Maßnahmen und eine höhere CO2-Bepreisung eingestellt. Die neue Bundesregierung tut gut daran, Anreize zu schaffen. Jährlich fließen zig Milliarden Euro an Subventionen in klimaschädliche Industrien. Fair wäre, künftig so umzuverteilen, dass diese Unternehmen in den Subventionstopf einzahlen und klimafreundliche Unternehmen daraus gefördert werden. Wir brauchen Anreize für jene, die den Weg der Transformation früh beschreiten und erkennen, dass Nachhaltigkeit profitabel ist. 

 

Bei all den mitunter skizzierten apokalyptischen Zukunftsszenarien, was wäre Deine positive Vision, wenn Technologie und Digitalisierung nachhaltig ineinanderwirken?

Wir sind mitten in einer Klimakrise, und diese darf nicht zur Klimakatastrophe werden. Wir sollten nicht dauernd mit Schreckensszenarien arbeiten, aber auch nichts unter den Teppich kehren. Wir haben in diesem Sommer in Deutschland erlebt, wie die Klimakrise zur temporären Katastrophe wird, welches Leid dies mit sich bringt und was für immense Schäden entstehen. Malen wir uns aber eine Zukunft aus, in der wir in grünen Städten mit sauberer Luft und ohne Lärm leben, unsere Kinder auf den Straßen spielen, weil öffentlicher Raum zurückgewonnen worden ist, in der E-Scooter, Elektrobikes und Busse an uns leise vorbeisurren, E-Lkws, autonome Drohnen und Roboter uns beliefern, dann verändert schon diese Vorstellung unser Gemüt. Wenn wir Brachland in Urwälder umwandeln und Biodiversität erhöhen, wenn wir Nahrungsmittelkreisläufe optimieren, statt 30, 35 Prozent der Lebensmittel wegzuschmeißen, wenn wir mehr regional anbauen können, werden wir uns besser ernähren, glücklicher, gesünder und länger leben. Wenn sich Familien in 10 Jahren 100 Kilometer außerhalb von Berlin in einem 5.000-Seelen-Dorf ein energieautarkes Eigenheim mit Garten leisten können, ohne sich abgehängt zu fühlen, weil sie eine direkte Anbindung zur Großstadt haben, dann sind das gesamtheitliche Ansätze.

 

Zwei Männer arbeiten im Wald am Laptop
Zwei Männer arbeiten im Wald am Laptop
Frau arbeitet auf dem Balkon am Laptop

Eine grüne Zukunft liegt im Bereich des Möglichen – soweit wir erfolgreich zusammenarbeiten.

Frau arbeitet auf dem Balkon am Laptop

Eine grüne Zukunft liegt im Bereich des Möglichen – soweit wir erfolgreich zusammenarbeiten.

Es ist weitaus einfacher, im digitalen Bereich eine klimaneutrale Kreislaufwirtschaft zu etablieren als mit klassischen analogen Prozessen.

Sascha Pallenberg, Autor, Blogger und Consultant

Was sind die nächsten notwendigen Schritte?

Wir müssen die Energiewende vorantreiben, die Solar- und Windindustrie unterstützen, klimaneutral Wasserstoff für unsere Schwerindustrie zu erzeugen. Wir müssen die Lebensmittelindustrie und unsere Mobilität klimaneutral aufstellen. Dafür müssen wir unser Zugverkehrsnetz modernisieren. Asiatische Länder sind uns da voraus. Die neue Ampel-Koalition hat die Chance, Nachhaltigkeit aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und Interessen zu vereinen. Die nachhaltige Transformation kann für den Standort Deutschland ein neues Wirtschaftswunder schaffen. Wir haben die Ingenieurinnen und Ingenieure. Wir haben den Unternehmergeist. Ich erlebe seit über 15 Jahren im Ausland, welches Standing „Made in Germany“ hat. Wenn die Exportnation Deutschland vorangeht und die Veränderung antreibt, inspiriert sie andere Länder, den gleichen Weg zu gehen.

 

Die weltweiten Lockdowns in der Pandemie hatten, bezogen auf das Klima, auch einen positiven Effekt. Die Treibhausgas-Emissionen sanken temporär, auch weil Menschen weniger mobil waren. Als digitaler Nomade bist Du global aktiv und viel unterwegs. Hat die Pandemie Dein Reiseverhalten verändert?

Ich bin seit Ende Februar 2020 nicht mehr in ein Flugzeug gestiegen. Ich konnte digital und remote alles erledigen. Dass das möglich ist, weiß ich im Grunde seit Langem. Aber ich habe physische Events überschätzt und kollaborative Remote-Formate unterschätzt. Ich glaube, dass viele Menschen die digitalen Möglichkeiten unterschätzen. Ich reduziere meine Reisen nun um 90 Prozent. Nachhaltig leben heißt für mich auch, Ressourcen und Energien gar nicht erst zu verbrauchen und mir vorweg Gedanken darüber zu machen, ob ich etwas tun muss oder ob ich es digital organisieren kann. Da hat sich mein Leben fundamental geändert.

Lieber Sascha, vielen Dank für dieses Gespräch! 

 

Digitalisierung als Schlüssel für Nachhaltigkeit