Auf in die Zukunft

Die vertikale Stadt

Wolkenkratzer mit einem Kilometer Höhe? Entstehen gerade in Dubai. In Deutschland arbeiten Ingenieure an Aufzügen, die diese Distanz und noch mehr schaffen: Sie fahren vertikal und horizontal – und ohne Seil.

Stadt der Zukunft
© Getty Images

Die Revolution kam bis zum fünften Stock. Und dauerte viel zu lang: Als 1857 der erste kommerzielle Personenaufzug der Welt Besucher im New Yorker Haughwout Building nach oben beförderte, vergingen mehrere Minuten. Angetrieben von einer Dampfmaschine, legte der Lift pro Sekunde 20 Zentimeter zurück. Immerhin stand ein Sofa zur Verfügung. 

Rund 160 Jahre später bringt im chinesischen Shanghai der schnellste Aufzug der Welt Tower-Touristen in 53 Sekunden vom Erdgeschoss auf die Aussichtsplattform in 552 Metern Höhe. Und im Burj Khalifa, dem mit 828 Metern derzeit höchsten Gebäude der Welt, sehen Gäste dank Aufzug die Sonne über Dubai zweimal untergehen: Zuerst im Erdgeschoss und dann noch einmal auf der Terrasse im 124. Stock – von Null auf 454 Meter in 60 Sekunden.

„Der Aufzug, unterschätzt und übersehen, ist für die Stadt, was Papier zum Lesen und Schießpulver zum Krieg ist“.

Nick Paumgarten, Autor des New Yorker

Arterien der modernen Stadt

Höher, schneller, weiter ist aber kein Selbstzweck, sondern Notwendigkeit: Aufzüge sind die Arterien der modernen Stadt. Sie halten die Menschenströme in Bewegung und prägen den städtischen Raum. „Der Aufzug, unterschätzt und übersehen, ist für die Stadt, was Papier zum Lesen und Schießpulver zum Krieg ist“, sagt Nick Paumgarten, Autor des New Yorker.

Ohne den Aufzug gäbe es keine Vertikalität, keine Dichte und ohne diese keine der städtischen Vorteile von Energieeffizienz, wirtschaftlicher Produktivität und urbaner Kultur. „Die Bevölkerung der Erde würde wie ein Ölteppich über ihre Oberfläche sickern, und wir würden noch mehr Zeit im Verkehr oder in Zügen verbringen und einen riesigen Panzer aus Beton durchqueren“, sagt Paumgarten.  

Eine These, die Patrick Carr, Direktor der New Yorker Elevator Historical Society, stützt: „London würde sich ohne Hochhäuser fast bis nach Manchester erstrecken. New Yorks Stadtgrenze könnte die von Ohio berühren“, sagte er in einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian.

Straßenzug schwarz/weiß
© Alamy
Straßenzug schwarz/weiß
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Skyline am Wasser
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Vom ersten kommerziellen Personenaufzug der Welt im New Yorker Haughwout Building bis zum rekordträchtigen Burj Khalifa in Dubai – Aufzüge haben moderne Städte maßgeblich geprägt.

Skyline am Wasser
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Vom ersten kommerziellen Personenaufzug der Welt im New Yorker Haughwout Building bis zum rekordträchtigen Burj Khalifa in Dubai – Aufzüge haben moderne Städte maßgeblich geprägt.

Das lange Warten

Ende des Jahrhunderts werden 70 % der Weltbevölkerung in Städten leben. Platzbeschränkungen in ohnehin überfüllten Metropolen bedeuten, dass es nirgendwo weiter geht als nach oben. So hat sich die Zahl der Häuser, die über 200 Meter hoch sind, seit 2000 verdreifacht. Architekten treiben die Rekorde immer weiter in die Höhe. In Saudi-Arabien entsteht gerade mit dem Kingdom Tower das erste Hochhaus der Welt, das die Ein-Kilometer-Grenze knacken wird. 

Während Städte und Gebäude wachsen, stehen Planer und Architekten vor der Herausforderung, immer mehr Menschen bequem und schnell an ihr Ziel zu bringen. Eine Herkulesaufgabe, denn Aufzüge sind Zeitfresser. Allein in New York warten pro Jahr alle Büroangestellten zusammengerechnet insgesamt 16,6 Jahre auf Aufzüge und verbringen 5,9 Jahre im Aufzug.

„Gebäude werden mehr zu einer Art vertikal gebauter Stadt, die flexible Transportsysteme benötigt“

Michael Cesarz, CEO MULTI bei thyssenkrupp Elevator

Parallel dazu steigt die Zahl von Gebäuden, die unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen: wohnen, arbeiten, Freizeit, Dienstleistung, Shopping – alles unter einem Dach. „Gebäude werden mehr zu einer Art vertikal gebauter Stadt, die flexible Transportsysteme benötigt, Geschwindigkeit reicht nicht aus, um die Herausforderungen hoher Gebäude zu bewältigen“, sagt Michael Cesarz, CEO MULTI bei thyssenkrupp Elevator. 

Klassische Aufzugssysteme und ihr statischer Rhythmus aus einer Kabine pro Schacht, einsteigen, rauf/runter, aussteigen – sie wirken in dieser fordernden Stadtlandschaft wie Relikte aus der Vorzeit. Die schweren Stahlseile, die herkömmliche Liftkabinen halten und bewegen, reißen bei Längen über 600 Metern unter ihrem Eigengewicht. Wer im Burj Khalifa ganz nach oben will, muss umsteigen.

Zirkulierende Kabinen

Die Aufzugsbranche hat deshalb lange nach ihrem heiligen Gral gesucht: einem seillosen Aufzug, der nicht nur vertikal, sondern auch horizontal fährt. thyssenkrupp Elevator hat ihn mit dem Aufzugssystem MULTI gefunden. Beschränkungen in der Höhe sind dadurch passé. 

Wie ein vertikales U-Bahn-System zirkulieren die Kabinen unabhängig voneinander im Gebäude. So können sie bis zu 50 Prozent mehr Menschen transportieren – und die Wartezeit sinkt. Die Schächte sind 25 Prozent kleiner als die normaler Aufzüge, dadurch entsteht mehr Raum für Wohnungen und Büros. 

Angetrieben werden die Kabinen, grob vereinfacht, wie der Transrapid in Shanghai und die U-Bahnen in Osaka und Tokio: mit Magnettechnik. Beim MULTI sitzen die Magnetspulen in zwei Schienen an der Wand des Aufzugschachtes. An der Rückseite der Liftkabine befindet sich das Gegenstück. 

Kabine eines Aufzuges
© thyssenkrupp Elevator

Wird urbane Mobilität neu definieren: Dank Magnettechnik kann sich das Aufzugssystem MULTI nicht nur vertikal, sondern auch horizontal bewegen.

Kabine eines Aufzuges
© thyssenkrupp Elevator

Wird urbane Mobilität neu definieren: Dank Magnettechnik kann sich das Aufzugssystem MULTI nicht nur vertikal, sondern auch horizontal bewegen.

Kabine eines Aufzuges
© thyssenkrupp Elevator
Kabine eines Aufzuges
© thyssenkrupp Elevator

Berechenbarkeit der Fahrt

Aufzüge wie der MULTI können verschiedene Gebäudeteile und benachbarte Hochhäuser verbinden. Sie können Menschenmassen durch urbane Knotenpunkte wie große Bahnhöfe, Metrostationen, Einkaufszentren und Flughäfen leiten. Langfristig wird dieses System Teil des Internet of Things werden, Daten über Komponenten und Benutzer sammeln, dadurch Stopps vorberechnen können – und komplett ohne Knöpfe auskommen.

„Der MULTI verändert die Art, wie sich Menschen in Städten bewegen, arbeiten und leben, nachhaltig. Sie werden bei der Planung von Gebäuden keine Limits mehr haben“, so Cesarz. 

Michael Cesarz ist mit seiner Einschätzung nicht allein. MULTI gehört zu den 25 besten Innovationen 2017 des TIME Magazine, gewann den German Design Award 2018 und ist Finalist beim Tall Innovation Award 2018. 
Die erste Testfahrt des MULTI fand im Juni 2017 im neuen 246 Meter hohen Testturm von thyssenkrupp in Rottweil statt. Spätestens 2022 dann soll der erste kommerzielle MULTI seine Türen für Fahrgäste öffnen.  
Ob er Sitzgelegenheiten bieten wird wie 1857 im New Yorker Haughwout Building?

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