Skandalserie Euphoria: Unsere Serie des Monats

Euphoria, Zendaya
Bild aus Cagaster of an Insect Cage
Adam Sandler Der schwarze Diamant

Skandalserie Euphoria: Unsere Serie des Monats

In den USA sorgte das Gen­remix-Dro­gen­dra­ma Eupho­ria (dt.: Rausch) mit Dis­ney-Dar­ling Zen­daya und pro­vokan­ten Szenen für Auf­se­hen und wurde zur Skan­dalserie deklar­i­ert. Wir hinge­gen erk­lären den neusten HBO-Stre­ich zur Serie des Monats und zitieren das Werk selb­st: „Dieser Shit ist fuck­ing lit!” Warum? Lest selb­st!

Für die einen ist es „grob unver­ant­wortliche Pro­gram­mgestal­tung” (Par­ents Tele­vi­sion Coun­cil), für andere eine „Teens-in-Nöten-Hor­ror­show” (Indiewire) und für wieder andere lediglich „kein Heilmit­tel und keine Lösung” (Eupho­ria-Regis­seur Sam Levin­son). Die Rede ist vom neuesten Serien-Release aus dem Hause HBO, das ein bis dato von ihm ver­schmäht­es Genre nun umso kom­pro­miss­los­er auf heimis­che Bild­schirme malt.

Die Com­ing-of-Age-Serie Eupho­ria lässt für ihre Expliz­ität umstrit­tene For­mate wie Tote Mäd­chen lügen nicht oder Skins so blass ausse­hen wie eine Serien­le­iche aus den Achtziger­jahren.

Sie basiert auf den Erleb­nis­sen des Serien­schöpfers und -Regis­seurs Sam Levin­son. Der heute 34-jährige Ex-Junkie erzählt in Eupho­ria von Scham und Trau­ma durch eine Sucht und hofft, Mit­ge­fühl für Betrof­fene zu erweck­en, wie er der New York Times mit­teilte.

Euphoria, Zendaya

Pfef­fert ihr Dis­ney-Image gekon­nt ad acta: Great­est Show­man-Star Zen­daya | © 2019 Home Box Office, Inc. All rights reserved.

Er schuf einen kun­stvollen Gen­remix aus düsterem Dro­gen­dra­ma, Vorstadthor­ror und clev­er­er Gesellschaftssatire und einen pack­enden Seri­en­trip.

Wir erk­lären, warum wir Eupho­ria zu unser­er Serie des Monats küren und warum du dank der neuen HBO-Serie get­rost alles vergessen kannst, was du bish­er über Tee­niese­rien wusstest.

Euphoria bei Sky - die Handlung: Webcams, Grindr, Körper und Koks

Schü­lerin Rue Ben­nett (Zen­daya) hat ger­ade die deprim­ierend­sten Som­mer­fe­rien ihres Lebens hin­ter sich: Nach ein­er Über­do­sis Dro­gen ging es für die 17-Jährige in den wochen­lan­gen Entzug.

Am ersten Schul­t­ag nach den Ferien macht sie auf der Par­ty des gefeierten Col­lege-Foot­ball­spiel­ers Chris (Algee Smith) Bekan­ntschaft mit der neuen Schü­lerin Jules Vaughn (Hunter Schafer), die heim­lich in düsteren Motelz­im­mern mit Män­nern zweifel­hafter Moral nach Liebe und Anerken­nung sucht.

Nach­dem die trans­sex­uelle Schü­lerin von dem aggres­siv­en Schulschön­ling Nate Jacobs (Jacob Elor­di) aus höchst zwiespälti­gen Grün­den ange­fein­det wird, sie sich aber ein­drucksvoll zu wehren weiß, schließen Rue und Jules sofort Fre­und­schaft.

Zendaya und Hunter Schafer in Euphoria

Die Com­ing-Age-Serie Eupho­ria stammt von Game of Thrones-Sender HBO | 2019 Home Box Office, Inc. All rights reserved.

Doch auch das hält Rue vor­erst nicht davon ab, sich auch nach dem Entzug erneut mit hartem Stoff aus den Hän­den ihres Deal­er-Fre­un­des Fez­co (Angus Cloud) ver­sor­gen zu lassen.

Während­dessen find­et sich die übergewichtige Kat Her­nan­dez (Bar­bie Fer­reira) von ihren Mitschülern belei­digt, bloß gestellt und aus­genutzt. Doch schon bald lernt die Min­der­jährige, auf zweifel­hafte Art und Weise aus ihrer ver­meintlich unat­trak­tiv­en Fig­ur im Netz Kap­i­tal zu schla­gen …

Zwis­chen Würge-Sex, Über­dosen und ein­er Wagen­ladung Dick­pics ver­suchen die min­der­jähri­gen Vertreter der Gen­er­a­tion Z, ihren Platz in der Welt zu find­en. In ein­er Welt, in der Adoleszenz einem bru­tal­en und ent­tabuisierten Spießruten­lauf gle­icht – und in der nichts und nie­mand ist, wie es scheint.

Der Moment, der TV-Geschichte schreibt: Mikropenis-Masturbation per Webcam

„Einige Leute sagen, dass Augen das Fen­ster zur Seele sind. Ich sehe das anders. Ich denke, es ist dein Schwanz und wie du ihn fotografierst”, erläutert Teen-Junkie Rue in abgek­lärter Manier. In ein­er imag­inären Refer­atsszene, so satirisch wie tem­por­e­ich, doziert sie über den Unter­schied zwis­chen „erwün­scht­en und unaufge­forderten Dick­pics”.

Und der Vor­trag wird noch deut­lich detail­re­ich­er: Der ehe­ma­lige Dis­ney-Dar­ling ver­rät den lauschen­den Mitschülern fachkundig, was anhand von Hin­ter­grund und Bildqual­ität eines Dick­pics über den Träger des guten Stücks abgeleit­et wer­den kann.

Im buch­stäblichen Ram­p­en­licht der Analyse: Ein Penis in der Größe ein­er Evian-Flasche, an dem ange­blich der heim­liche Verehrer ihrer besten Fre­undin dran­hängt. „Wir kom­men mit ein­er Menge davon, wenn wir es mit Com­e­dy machen”, kom­men­tierte Eupho­ria-Star Zen­daya die gewagte Mon­tage gegenüber dem Hol­ly­wood Reporter.

Euphoria, Zendaya

Früher gab sie das süße Tanz­girl in ein­er Dis­ney-Serie, heute doziert Zen­daya über Dick­pics und Dro­gen­rausch | © 2019 Home Box Office, Inc. All rights reserved.

Eine Szene, die ohne weit­eres als pro­vokantes Aushängeschild für das HBO-For­mat gel­tend gemacht wer­den kön­nte. Denn in Eupho­ria ste­ht aus­nahm­sweise mal nicht die weib­liche Nack­theit im Mit­telpunkt, son­dern ein­deutig die männliche.

Glatt kön­nte man meinen, Regis­seur Sam Levin­son habe es sich zur Auf­gabe gemacht, alle ent­blößten Brüste und Venushügel aus acht Jahren Game of Thrones mit männlichen Gen­i­tal­ien auszu­gle­ichen.

Am effek­tivsten gelingt ihm das am Anfang der zweit­en Folge. Darin lässt er eine sein­er männlichen Haupt­fig­uren mit sex­uell unter­drück­ten Nei­gun­gen in ein­er Umk­lei­deszene von nicht weniger als 20 ent­blößten Penis­sen umschlack­ern.

Darüber­hin­aus zeigt Eupho­ria Sex der unter­schiedlich­sten Arten und Legal­itäts­grade. Ein­er davon ist unum­strit­ten der Moment, der auf bedrück­end­ste Art und Weise TV-Geschichte schreibt: Ein mas­siger Mann mit Mikrope­nis mas­tur­biert per Web­cam vor einem Teenag­er-Mäd­chen mit Katzen­maske. Dabei bit­tet er die Zuschauerin, ihn mit Belei­di­gun­gen anzu­tur­nen.

Euphoria, Kat

Diese Szene erhitzte die Gemüter | © 2019 Home Box Office, Inc. All rights reserved.

Kein Wun­der also, dass sich die Anstandswauwau-Gruppe des ultra­kon­ser­v­a­tiv­en Par­ents Tele­vi­sion Coun­cil an Eupho­ria gehörig stieß. Doch eins ist sich­er: Nicht nur laut dem Tatort Das verkaufte Lächeln ist Web­cam-Pornografie aus dem Kinderz­im­mer keineswegs nur in Alp­träu­men von Helikopter-Eltern zuhause.

Das bewies bere­its der Fall des damals 13-Jähri­gen Justin Berry, der Anfang der 2000er damit begann, sich für Män­ner vor der Web­cam für Geld und Geschenke zu pros­ti­tu­ieren. Über fünf Jahre ver­di­ente der Teenag­er Hun­dert­tausende US-Dol­lar mit dem Pornogeschäft aus seinem Kinderz­im­mer in Kali­fornien her­aus.

Seine Geschichte bildet nur eine Facette der neuesten Vari­ante von Kindesmiss­brauch. Die ist mit­tler­weile inter­na­tionalen Behör­den unter dem Namen Web­cam Child Sex Tourism (WCST) bekan­nt.

Ja, Eupho­rias Web­cam-Szene schock­iert und provoziert gle­icher­maßen. Den­noch ist sie ein beschä­mender Teil unser­er glob­alen und dig­i­tal­en Gesellschaft, dessen Rel­e­vanz schlicht zu groß ist, um ihn unter TV-Tep­piche zu kehren. Noch dazu nicht inner­halb eines For­mats, was sich expliz­it an junge Erwach­sene und Eltern und nicht an 17-Jährige Schüler selb­st richtet.

Zen­daya hat­te auf Insta­gram gewarnt, die Serie sei „für ein reiferes Pub­likum” pro­duziert wor­den. Ihre jün­geren Fans soll­ten sie nur dann anse­hen, wenn sie sich abso­lut sich­er seien, sie auch ver­ar­beit­en zu kön­nen.

Größte Newcomer-Überraschung: Hunter Schafer als Trans-Teen Jules

Doch wer denkt, dass Eupho­ria nur mit Skan­dal­szenen auf sich aufmerk­sam machen kann, der irrt. Denn auch die her­vor­ra­gend gecasteten Darsteller machen HBO alle Ehre und über­raschen mit ein­dringlichen Per­for­mances. Allen voran: Dis­ney-Star Zen­daya, die ihre Rue geschickt zwis­chen selb­stzer­störerischem Junkie, suchen­der Seele und ich­be­zo­gen­er Tee­niegöre hin und her wanken lässt.

Zum beson­deren Star von Eupho­ria avanciert allerd­ings das trans­sex­uelle US-Mod­el Hunter Schafer in der Rolle der Jules. Mit Net­zstrumpfho­sen, rosa Mähne, Minirock und Plüschruck­sack rauscht sie auf ihrem Bike durch die amerikanis­che Sub­ur­bia-Einöde. Eine Sailor Moon der Vorstadt.

Sowohl bei der Rolle als auch bei der Darstel­lerin han­delt es sich um eine Per­son in der sen­si­blen Über­gangsphase vom Mann zur Frau, Hor­mon­spritzen in den Ober­schenkel inklu­sive.

Euphoria, Hunter Schafer,, Zendaya

Jules und Rue | © 2019 Home Box Office, Inc. All rights reserved.

Eine weit­ere Pre­miere im Fernse­hen: Jules Trans­sex­u­al­ität wird wed­er zum Haupt­prob­lem der Pro­tag­o­nistin, noch zur entschei­den­den Daseins­berech­ti­gung inner­halb der Geschichte gemacht.

Ihre unge­sunde Vor­liebe für zweifel­hafte Gesellschaft und riskante Gin­dr-Dates wird nicht an ihrer sex­uellen Iden­tität aufge­hangen, son­dern an ihrer Fam­i­liengeschichte.

Noch nie wurde ein Tran­scharak­ter so non­cha­lant und selb­stver­ständlich in ein­er Serie unterge­bracht, ohne dass sich alles für die Fig­ur um ihr eigenes Trans­sein drehen musste – schon gar nicht in ein­er Com­ing-of-Age-Serie. Cha­peau, HBO!

Zeitgeistigster Serienmoment: Nacktfotos, die Währung der Liebe

Der Zeit­geist spukt in Eupho­ria als Schreck­ge­spenst der Gen­er­a­tion Z durch Klassen- und Kinderz­im­mer. Mal auf satirisch amüsante, mal auf bier­ern­ste Art. Erste Kat­e­gorie, die Eupho­ria gewis­senhaft abdeckt: Zweifel­hafte Lifestyle-Trends. Ehren­sache, dass hier ver­sexte One Direc­tion-Fan Fic­tion und die neusten Trinkge­wohn­heit­en nicht vergessen wer­den dür­fen.

Wer immer noch dachte, Wod­ka-Tam­pons, Eye­ball Shots oder anales Beer Pong seien bei den Tee­nies der let­zte Schrei, den wird Eupho­ria eines besseren belehren. Das nimmt sich mit Augen­zwinkern die degener­iertesten Trink­trends zum Vor­bild und lässt seine Pro­tag­o­nis­ten Schnäpse mit leben­den Gold­fis­chen darin hin­un­terex­en.

Euphoria, Barbie Ferreira

Geht mit der Zeit: Kat schreibt Sex Fic­tion im Netz | © 2019 Home Box Office, Inc. All rights reserved.

Einen ordentlichen Seit­en­hieb verteilt Eupho­ria auch an Ärzte und die Phar­malob­by, die während der let­zten bei­den Dekaden für die steigende Über­medika­men­tierung von Kindern und Jugendlichen mit Psy­chophar­ma­ka sowie den zunehmenden Off-Label-Use von Prä­parat­en wie Prozac oder Rital­in ver­ant­wortlich waren.

Zum Opfer wird Rue bere­its im Kinder­gartenal­ter, als ihr nach wieder­holtem Fen­ster-Zählen prompt eine „zwang­hafte Ver­hal­tensstörung, eine Aufmerk­samkeitsstörung und eine gen­er­al­isierte Angst­störung” diag­nos­tiziert wird. Die Diag­nose „bipo­lare Störung” ste­ht selb­stre­dend auch noch im Raum.

Doch bei weit­em das dom­i­nan­teste The­ma in der Com­ing-of-Age-Serie: der jugendliche Kör­p­er mit all seinen nur erden­klichen, ver­meintlichen Makeln („Sehen meine Vorhöfe komisch aus?”, „Ich hätte so gern dein Schlüs­sel­bein!”). Es geht um Kör­peride­ale, ille­gal ver­bre­it­ete Nack­t­bilder und Sexvideos im Netz, Kinder­pornografie.

Euphoria, Jacob Elordi

Foot­ball-Star Nate: die Karikatur seines Stereo­typs | © 2019 Home Box Office, Inc. All rights reserved.

Rue vertei­digt ihre Gen­er­a­tion: „Wenn mal wieder Promis wie Jen­nifer Lawrence gehackt wer­den, macht die ganze Welt einen auf: ‚Wenn ihr das nicht wollt, dann dürft ihr keine Nack­t­fo­tos mehr machen.’ Ja, eure Gen­er­a­tion hat sich auf Blu­men und Papas Erlaub­nis ver­lassen. Aber wir haben 2019 und wenn ihr keine Amish seid, sind Nack­t­fo­tos die Währung der Liebe.” 

Wieviel Liebe ein Nack­t­fo­to tat­säch­lich wert ist, das legt in Eupho­ria der beina­he schon karika­turesk angelegte, weiße und priv­i­legierte All-Amer­i­can Foot­ball-Star Nate fest.

Euphoria, Barbie Ferreira

Schön­heit ist hier nicht rel­a­tiv | © 2019 Home Box Office, Inc. All rights reserved.

In ein­er minuten­lan­gen Sequenz wird die Liste sein­er rein visuellen Vor­lieben (Thigh gaps, Bal­leri­nas und Heels, San­dalen nur, wenn die Pediküre stimmt …) und Abnei­gun­gen (dicke Knöchel, Kör­per­be­haarung, Mäd­chen, die sitzen wie Jungs) bis ins kle­in­ste Detail abgear­beit­et.

Es sind nur die Vor­lieben, die er in der Öffentlichkeit ver­tritt. Auch hier spielt Eupho­ria gekon­nt mit den gen­re­typ­is­chen Erwartun­gen der Zuschauer und kehrt sie ins Gegen­teil um. Fast jed­er Fig­ur bleibt Raum, um all die dop­pel­moralis­chen Ebe­nen ihrer Gesellschaft unterzubrin­gen.

Prägnantestes Serien-Markenzeichen: Stylisch, düster, über Kopf

Fans mit einem Faible für einzi­gar­tiges Pro­duk­tions­de­sign, Szenen­bild, Kostüm- und Sound­de­sign wer­den an Eupho­ria ihre wahre Freude haben. Im Zeichen des Titels gelingt der visuelle Rausch in sur­realen Bildern, die Fremd­heit und Fasz­i­na­tion zugle­ich her­vor­rufen.

In tem­por­e­ichen und enorm unter­halt­samen Mon­ta­gen unter­richtet uns die Pro­tag­o­nistin über die Ver­gan­gen­heit ihrer Mitschüler oder lässt sie in Gedanken ihre wildesten Fan­tasien durch­spie­len.

Euphoria, Zendaya

Eupho­ria leuchtet  | © 2019 Home Box Office, Inc. All rights reserved.

Die triste amerikanis­che Vorstadt wird vor allem des nachts zu ein­er wun­der­samen, in buntes Licht und coole Sounds getaucht­en Welt. Genau dann erzählt Rap­per und Pro­duzent Drake in mitreißen­den Mon­ta­gen, unter­malt mit Songzeilen wie „Mount Ever­est ain’t got shit on me” von jugendlichem Über­mut und ver­meintlich­er Unbe­sieg­barkeit.

Im Rausch laufen wir zusam­men mit Rue die Wände hin­auf und weinen glam­ouröse Glit­ter-Trä­nen. In anderen Momenten wälzt sie sich in ihrem eige­nen Erbroch­enen auf dem Boden oder bet­telt um Stoff und wir wollen nicht hin­se­hen.

Es gibt nur wenige Serien, die so stark von Kon­trasten leben. Viele sind schon daran gescheit­ert. Kaum ein­er ist es bish­er so gut gelun­gen, sie zu meis­tern wie Eupho­ria.

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