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Chip und Chap: Die Ritter des Rechts
Ein Mann und eine Frau, beide mit Cowboyhut

Skys Der Grenzgänger: Scandi Noir mit Stilbruch

Die Scan­di Noir-Serie der Gren­zgänger gilt als eines der größeren TV-High­lights des Jahres. Im Zuge unseres The­men­spe­cials zum Scan­di Noir-Genre, erk­lären wir dir, was die Sky Orig­i­nal Pro­duc­tion zu einem gekon­nten Stil­bruch macht, der über­rascht.

Ein sehr see­lenges­paltenes Völkchen müssen sie sein, die Skan­di­navier. Ein­er­seits ste­hen sie für kuschli­gen Hygge-Lifestyle, Moder­nität, geschmack­volles Design und das Eins­sein mit der Natur – soweit das skan­di­navis­che Jekyll-Image. Doch da gibt es auch eine dun­kle Seite: die bauweißgestreifte Hyde-Vari­ante, den Scan­di Noir. In aller Öffentlichkeit gibt man sich dort gerne als mord­lustig­stes, eigen­bröt­lerischstes und scheinidyl­lis­chstes Völkchen Europas - zumin­d­est bis der Fernse­her wieder aus ist.

Der Grenzgänger: Weg vom Klischee-Ermittler

Auch die brand­neue Scan­di Noir-Serie Der Gren­zgänger macht hier keine Aus­nahme: Ein übergewichtiger Mann, erhängt an einem Baum, treibt bis zum Bauch im Wass­er eines nor­wegis­chen Sees - mause­tot und aufge­dun­sen im Nebel. Eine Wunde im Gesicht bringt Ermit­tler Nico­lai Andreassen auf den Plan: Was nach Selb­st­mord aussieht, war kein­er.

Ein sicher­er Ein­stieg in der Tra­di­tion von Stieg Lars­son, Hen­ning Mankell und Arne Dahl. Auch die ermit­tel­nde Haupt­fig­ur - nordisch by nature - ste­ht seinen Vorgängern in nichts nach. Andreassen gibt sich auf den ersten Blick als ein­samer Wolf. Doch ger­ade als seine Ver­schlossen­heit und sein Man­gel an expres­siv­er Mimik ihn schon fast im mit­tler­weile abge­grif­f­e­nen Stereo­typ versinken lassen wollen - halt: Andreassen ist schwul und liebt es, mit den Kindern seines Brud­ers Lars zu Fan­gen spie­len.

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Kol­le­gin Anniken (Ellen Dorit Petersen) ahnt, dass Ermit­tler Andreassen seinen Brud­er deckt | © Sky/ Eirik Evjen

Ele­gant am skan­di­navis­chen Klis­chee-Ermit­tler vor­beigeschrammt, macht es vor­erst umso mehr Spaß, dem nor­wegis­chen Schaus­piel­er Tobias San­tel­mann bei den Ermit­tlun­gen zuzuse­hen. Der 37-Jährige dürfte seit seinen Auftrit­ten in inter­na­tionalen Seriener­fol­gen wie Home­land (2015), Her­cules (2014) oder Mar­cel­la (2016) auch in Der Gren­zgänger das inter­na­tionale Pub­likum anziehen.

Im Kinofilm Kon-Tiki (2012) mimte er bere­its einen nor­wegis­chen Extremaben­teur­er, in The Last King­dom (2015) einen ungestü­men Wikinger. Dass er mit sein­er Rolle des Nico­lai Andreassen nun fes­ter Bestandteil des Scan­di Noir-Gen­res wird, gefällt San­tel­mann: „Es ist toll, Teil dieser Bewe­gung zu sein. (…) Und es fühlt sich gut an, dass Leute auf der ganzen Welt auf Skan­di­navien schauen”, betont er in einem Inter­view.

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Zwischen Blutsverwandschaft und Berufsehre

Zwar wird San­tel­manns Ermit­tler Andreassen nicht von der ganzen Welt beobachtet, dafür aber umso wach­samer von sein­er Polizeikol­le­gin Anniken (Ellen Dor­rit Petersen). Als Andreassen her­aus­find­et, dass seine eigene Fam­i­lie, allen vor­weg sein Brud­er Lars (Ben­jamin Hel­stad), in den Mord des Trunk­en­bolds Tom­my ver­wick­elt ist, geht es mit den Moralvorstel­lun­gen des prinzip­i­en­treuen Polizis­ten rapi­de bergab. Da wer­den plöt­zlich Beweise gefälscht, Falschaus­sagen gemacht und her­auf­beschworen. Was tut man nicht alles für die buck­lige Ver­wandtschaft, selb­st, wenn sie mit einem Bein im Gefäng­nis ste­ht.

Der charis­ma­tis­che San­tel­mann, Kol­le­gin Anniken, gespielt von Ellen Dor­rit Petersen, sowie Brud­er Lars (Ben­jamin Hel­stadt) tra­gen und treiben die Hand­lung auf per­sön­licher­er Ebene voran, als beim Scan­di Noir üblich. Eins wird schnell klar: Im Zen­trum des Drehbuchs ste­ht das Fam­i­lien­dra­ma, nicht der Mord. Gele­gentlich fühlt sich der Zuschauer über­ge­ord­net an die The­men von Fer­di­nand von Schirachs Ter­ror, das bere­its als TV-Exper­i­ment für das Erste ver­filmt wurde, erin­nert.

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Andreassens Brud­er Lars (Ben­jamin Hel­stad) hat Dreck am Steck­en | © Sky/ Eirik Evjen

Im Mit­telpunkt bei­der For­mate ste­ht die Frage: Bis wohin gel­ten Geset­ze, der Staat, die Ver­nun­ft, wenn es erst mal um die eigene Fam­i­lie geht? Was der Film so pack­end wie drama­tisch in Szene set­zte, gelingt dem Gren­zgänger lei­der nicht immer. Andreassen kämpft hin und wieder entwed­er zu wenig oder zu still mit sich und sein­er Zwick­müh­le.  Die Entschei­dung, seinen Brud­er nach seinem Geständ­nis zu deck­en, kommt schein­bar aus dem Nichts. Und schon im näch­sten Augen­blick ste­ht der ach so prinzip­i­en­treue Polizist bere­its in der Patholo­gie, um Blut für einen falschen Beweis abzuzapfen. Beim Hadern, Abwä­gen und Entschei­den wird das Pub­likum zu oft außen vor gelassen. Der kri­tis­chste Knack­punkt der Serie, bei dem bisweilen viel Poten­zial ver­schenkt wird.

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Düstere Seelen in Hochglanzbildern

Der Gren­zgänger kann nicht mit raschen Span­nungs­bö­gen auf­fahren, ist im Kern mehr Fam­i­lien­dra­ma als Psy­chokri­mi und weniger unterkühlt als ein klas­sis­ch­er Scan­di Noir - ein Twist, der möglicher­weise nicht jedem gefall­en wird. Mehr Men­sch und Moral statt Thrill und Action. Ger­ade das ste­ht der Serie allerd­ings gut zu Gesicht.

Abge­se­hen von den leicht ver­lagerten the­ma­tis­chen Schw­er­punk­ten ging Pro­duzentin Sigrid Strohmann (Mil­le­ni­um-Trilo­gie nach Stieg Lars­son, Die Brücke - Tran­sit in den Tod) bei der näch­sten Sky Orig­i­nal Pro­duc­tion nach Baby­lon Berlin allerd­ings auf Num­mer sich­er. Die Erzählstruk­tur bleibt ger­adlin­ig und direkt, eben­so wie die Kam­era. Auch die übri­gen The­men lesen sich wie aus dem Scan­di Noir-Lehrbuch: Vere­in­samung, Dro­gen­han­del, gesellschaftliche Zip­per­lein und Ver­fehlun­gen, allerd­ings schön gebrochen vom Com­ing-Out des coolen Ermit­tlers. Alle Fig­uren fungieren meist auf den zweit­en Blick als Repräsen­ta­tion ein­er weit­eren men­schlichen Untu­gend.

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Wer zu viel trinkt, seg­net im Scan­di Noir häu­fig schnell das Zeitliche | © Sky/ Eirik Evjen

Der Gren­zgänger ver­ste­ht es außer­dem, mit ansprechen­der Scan­di Noir-Ästhetik zu punk­ten, nicht zulet­zt dank Fil­ter: Dem­nach ist die Seele der Serie genau­so dunkel und anthraz­it­blau wie Andreassens stylis­ch­er Park­er. Auch Wälder und die mod­erne Architek­tur Oslos wer­den ganz nach Genre-Tra­di­tion und darüber hin­aus visuell anspruchsvoll und hochw­er­tig in Szene geset­zt. Bei der Musik bewies man Feinge­fühl und Mut zugle­ich - mal braucht es klas­sis­che, mal syn­thetis­che Sounds, zum Glück aber nie zu viel davon.

Skys Der Gren­zgänger gibt solide Genre-Kost für Scan­di Noir-Fans mit einem ungewöhn­licheren Fam­i­lien­schw­er­punkt ab. Hin und wieder bleiben die inneren Prozesse der Haupt­fig­ur dabei ein wenig auf der Strecke. Dafür inter­essieren die famil­iären Ver­strick­un­gen, die charis­ma­tis­chen Haupt­darsteller und die hochw­er­tige düstere Ästhetik umso mehr - selb­st wenn die nur zur medi­alen Imag­i­na­tion gehört. Denn so düster geht es den Men­schen in Skan­di­naviern eben eigentlich nicht. San­tel­mann erk­lärt die ges­pal­tene Seele der Nord­men­schen und die Begrün­dung des Scan­di Noir in einem Inter­view so:

Unsere Städte führen regelmäßig auf den Zufrieden­heits-Rank­ings, wo die Men­schen beson­ders glück­lich sind. Serien über Leute zu drehen, die alles haben und die mit ihrem Leben zufrieden sind, wären sich­er nicht beson­ders aufre­gend. Wir müssen dem ein­fach etwas ent­ge­genset­zen. Und das ist ver­mut­lich das Dun­kle in unseren Serien und Fil­men.

Ermit­tler Andreassens Seele ist unum­strit­ten dunkel genug ger­at­en, um dem Genre alle Ehre zu machen - so viel ste­ht fest.

Den som sig i leken ger, får leken tåla - wer mit­spielt, muss das Spiel ver­tra­gen, das besagt ein altes skan­di­navis­ches Spricht­wort. Inter­es­sant wird es vor dem Fernse­her ehrlicher­weise erst dann, wenn es jemand so entsch­ieden nicht verträgt, wie der Gren­zgänger.

Der Gren­zgänger läuft ab dem 6. April 2018 immer fre­itags um 20.15 Uhr in Dop­pelfol­gen auf Sky Atlantic HD. Par­al­lel ist die Serie auch auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Tick­et ver­füg­bar. Die erste Folge stellt Sky außer­dem als Stream kosten­los zur Ver­fü­gung.

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