Besser altern mit Apps

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Anna Figoluschka
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Besser altern mit Apps

Die Digitalisierung birgt enormes Potenzial, die Pflege alter Menschen zu verbessern und neu zu organisieren. Zwei Gründerinnen, deren Ideen schon dazu beitragen

Ein Video hat wahrscheinlich fast jeder Besitzer eines Smartphones schon einmal aufgenommen. Die Filmchen dienen als Erinnerungen, sie landen in sozialen Netzwerken oder der Familien-WhatsApp-Gruppe. Diana Heinrichs aber hat ein noch viel größeres Potenzial der Kamera entdeckt: Sie will sie nutzen, um die Altenpflege einfacher und besser zu machen.

Stürzen im Alter vorbeugen

Ihre App heißt Lindera, und sie analysiert, wie sich jemand bewegt, um vorherzusagen, wie hoch das Risiko eines Sturzes für die gefilmte Person ist. Denn im Alter nimmt die Trittsicherheit ab, jedes Jahr stürzen in Deutschland zwischen drei und vier Millionen Über-65-Jährige. Jeder Zweite über 80 Jahre ist schon einmal gefallen. So ein Malheur an der Teppichkante kann für alte Menschen schlimme Folgen haben. Nicht selten folgt auf den Sturz der Umzug ins Pflegeheim. Alte Knochen wachsen nicht mehr so schnell zusammen, nach einer Verletzung wieder auf die Beine zu kommen dauert länger. Die Patienten, ihre Angehörigen, ihre Ärzte, die Altenpflegerinnen und Altenpfleger und auch die Krankenkassen haben darum alle ein Interesse daran, Stürze zu vermeiden. Zu ermitteln, wie wahrscheinlich jemand hinfällt, ist in der Altenpflege ein aufwendiger Prozess. Eine Fachkraft beobachtet den Senior beim Gehen, macht sich Notizen und schätzt individuell das Risiko ein. Hinterher muss die Bewertung noch in den Computer eingetippt werden. Mehr als eine Stunde kann so eine Mobilitätsanalyse dauern. Viel Zeit in einem Sektor wie der Altenpflege, wo jeder Handgriff abgerechnet wird und es seit Jahren an Fachkräften mangelt.

Die App, die Heinrichs 2017 gegründetes Unternehmen entwickelt hat, beschleunigt das Prozedere. Anhand eines etwa 30 Sekunden langen Videos analysiert eine künstliche Intelligenz die Bewegungen der gefilmten Person. Zusätzlich füllen Nutzer einen Fragebogen zu ihrem allgemeinen Gesundheitszustand aus. So kann Lindera die Wahrscheinlichkeit eines Sturzes in einer Prozentzahl angeben und Tipps zur Vermeidung geben.

Eine überzeugende Technik

Als Heinrichs anfing, die Idee für Lindera vorzustellen, hörte sie oft: Das ist unmöglich. Man bräuchte 3-D-Aufnahmen, um eine so genaue Analyse anzufertigen. Um dreidimensional aufzunehmen, filmt man normalerweise mit mehreren Kameras. Lindera reichen die Aufzeichnungen des Smartphones, die künstliche Intelligenz rechnet sie digital um. „Die Genauigkeit unserer Analysen schlägt den Goldstandard“, sagt Heinrichs. Einfacher ausgedrückt: Sie sind extrem genau.

In der Altenpflege gibt es viel zu verbessern: das Ansehen, die Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter, die Qualität. Die Digitalisierung kann ein Werkzeug für Umbrüche in dem Sektor sein – das haben in Deutschland inzwischen einige Start-ups erkannt. Der Markt könnte riesig werden. „Wir müssen uns entscheiden, ob wir unsere europäische DNA im Gesundheitssektor bewahren wollen oder ob wir das Segment Google überlassen“, sagt Heinrichs. Sie hat darum große Pläne für Lindera: Das Unternehmen soll zu einem zweiten SAP werden, einem deutschen IT-Unternehmen von Weltrang. Momentan hat das Start-up rund 20 Mitarbeiter und arbeitet schon mit einigen Krankenkassen in Deutschland zusammen. Heinrichs und ihr Team beschränken sich aber nicht auf den heimischen Markt. In Brasilien wird Lindera gerade eingeführt, ab 2020 soll die App auch in Frankreich eingesetzt werden, und die Gründerin trifft häufig Kassenvertreter aus aller Welt.

Heinrichs ist 34 Jahre alt – kein typisches Alter, um sich mit der Altenpflege zu beschäftigen, wenn man nicht in der Branche arbeitet. „In den 20ern und 30ern denkt man darüber nicht viel nach“, sagt sie, „bis die Eltern oder die Großeltern Unterstützung brauchen.“

Alltagsunterstützung für Alte

So war es bei Antonia Albert. Ihre Großmutter brauchte 2014 zunehmend mehr Hilfe im Alltag. Doch niemand aus der Familie wohnte in ihrer Nähe, und es war sehr kompliziert, jemand Passenden für kleine Aufgaben zu finden, wie Einkäufe oder einen kurzen Check, ob alle Herdplatten ausgeschaltet sind. Ein weitverbreitetes Problem: Eltern und Kinder leben in verschiedenen Städten, Hunderte Kilometer trennen sie mitunter. „Alltagsunterstützung muss auch aus der Ferne organisierbar sein“, findet Albert. Die 30-Jährige hatte nie vom eigenen Unternehmen geträumt. „Ich konnte nie nachvollziehen, warum Leute unbedingt gründen wollen. Vor allem, wenn sie keine Idee haben“, sagt sie. Nun ist sie selbst Start-up-Unternehmerin.

Das Schicksal ihrer Oma hat ihr die Idee für Careship gebracht. Die Plattform, die sie gemeinsam mit ihrem Bruder gegründet hat, vermittelt Hilfsbereite an Senioren, die Unterstützung im Alltag brauchen: einkaufen gehen, kochen, aber auch mal ein gemeinsamer Spaziergang oder einfach nur zusammensitzen und quatschen. „Pflege ist Beziehungsarbeit“, sagt Albert, die ihr Unternehmen als Ergänzung zur Arbeit der Pflegedienste sieht. Ihre „Alltagshelfer“, wie sie die selbstständigen Helfer nennt, übernehmen keine medizinische Versorgung, dafür haben sie mehr Zeit, denn abgerechnet wird stundenweise. Careship bekommt eine Provision. Noch sei die Pflege in Deutschland sehr „offline“, sagt Albert. Das Digitale-Versorgung-Gesetz, das unter anderem vorsieht, dass Ärzte Gesundheits-Apps verschreiben, und den Datenaustausch zwischen Ärzten, Krankenhäusern und Kassen verbessern soll, sei ein erster Schritt. Mehr aber nicht. „Was zählt, ist die Umsetzung. Das ist wie bei einem Start-up: Die Idee macht auch nur ein Prozent des Erfolgs aus“, sagt Albert. Gründerinnen wie sie und Diana Heinrichs arbeiten daran, dass die Digitalisierung der Pflege in Deutschland nicht nur eine fixe Idee bleibt.

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