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Studie: Hausarrest und Schläge – weil sie ein Handy besitzen

  • Bittere Realität für viele Mädchen in Entwicklungsländern

Hausarrest, Schläge, runter von der Schule. Und wenn es ganz hart kommt, werden Mädchen auch schon mal verheiratet – im Alter von 15 Jahren. Was muss passiert sein, das Mädchen so heftige Strafen drohen? Eigentlich nicht viel – sie besitzen lediglich ein Handy. Eine erfundene Geschichte? Leider nein, sondern durchaus möglich in Indien. Dieses ist eines der Ergebnisse einer globalen Studie, die sich mit der Nutzung von Mobiltelefonen in Entwicklungsländern beschäftigt hat. Darüber hat nun die die Non-Profit-Organisation Girl Effect und die Vodafone Foundation die Ergebnisse der ersten umfassenden, weltweiten Studie über den Zugang und die Nutzung von mobiler Technologie unter jugendlichen Mädchen veröffentlicht. Die globale Studie zeigt klar, dass die gesellschaftliche Benachteiligung von Mädchen diese bei der Nutzung von Mobiltelefonen einschränkt. So besitzen Jungen 1,5 Mal eher ein Mobiltelefon und 1,3 Mal eher ein Smartphone als Mädchen. Der Grund ist, dass Mädchen aufgrund gesellschaftlicher Benachteiligung und anderer Barrieren unverhältnismäßig stark daran gehindert werden, Mobiltelefone zu besitzen und zu nutzen. Die Statistiken basieren auf Analysen in sechs Ländern (Ruanda, Malawi, Tansania, Nigeria, Indien und Bangladesch). Die USA wurden ausgeschlossen, da dort viele Jungen und Mädchen ein Mobiltelefon besitzen, was die Umfragedaten aus Afrika und Asien verzerrt hätte.

In Entwicklungsländern nutzen Mädchen Mobiltelefone häufiger als erwartet: Zwar besitzen nur 44 % der in der Studie befragten Mädchen ein eigenes Gerät, doch mehr als die Hälfte von ihnen (52 %) können auf geliehene Mobiltelefone zugreifen. Die Studie zeigt, dass sich Mädchen durch Mobiltelefone besser vernetzt fühlen (50 %), auf Bildungsmöglichkeiten zugreifen können (47 %), sich seltener langweilen (62 %), besser auf eingeschränkte Informationen zugreifen können (26 %) und ein besseres Selbstvertrauen haben (20 %).

Wir können uns global vernetzen, mehr über Schulthemen erfahren und viele Dinge über das Internet lernen. Wir können uns über Sachen informieren, die wir nicht kennen. (Mädchen, 19, Bangladesch)

Trotzdem ergab die in 25 Ländern durchgeführte qualitative und quantitative Studie, dass der Zugang und die Nutzung für Mädchen durch negative gesellschaftliche Normen, aufgrund derer Mädchen nicht dieselben Freiheiten wie Jungen genießen, dramatisch eingeschränkt ist. Mehr als zwei Drittel (67 %) der befragten Jungen besaßen ein eigenes Mobiltelefon, unter den Mädchen waren es nur 44 %. Und 28 % der Jungen liehen sich Geräte von Freunden, bei den Mädchen waren es mit 52 % über die Hälfte.

Außerdem nutzen Jungen in Ländern wie Nigeria, Malawi und Tansania Mobiltelefone für weitaus differenziertere Aktivitäten als Mädchen, zum Beispiel für WhatsApp und Facebook, um im Internet Nachrichten zu lesen oder einen Job zu finden. In diesen Ländern beschränkt sich die Nutzung für Mädchen eher auf grundlegende tagtägliche Aktivitäten, die ein geringeres Maß an technischen Kenntnissen erfordern, wie Telefonate mit den Eltern oder die Verwendung des Taschenrechners.

In Ländern wie Indien und Bangladesch werden Mädchen, die ein Mobiltelefon nutzen, häufig von der Gemeinde verurteilt, weshalb ihre Eltern den Zugang zu einem solchen Gerät oftmals verbieten. Mädchen, die gegen die Regeln verstoßen, werden zudem häufiger bestraft – das können Schelte oder Schläge sein. Zum Teil wird ihnen aber auch verboten, in die Schule zu gehen, oder sie werden früher verheiratet.

Ein 15-jähriges Mädchen erhält Hausarrest, wird geschlagen und ihr wird die Möglichkeit genommen, zur Schule zu gehen. Es kann sogar passieren, dass man sie verheiratet. (Mädchen, 17, Indien)

Die Nutzungseinschränkungen bedeuten auch, dass Mädchen heimlich handeln und gefährliche Dinge tun, um an ein Mobiltelefon zu gelangen. In Regionen wie Nordnigeria, wo Mädchen die elterliche Erlaubnis benötigen, um Mobiltelefone nutzen zu dürfen, geben Jungen ihren Freundinnen oft heimlich ein Telefon, um sie kontaktieren zu können, wenn ihnen danach ist.

Folglich sehen Mädchen elterliche Sicherheitsbedenken als das größte Hindernis für den Zugang zu mobilen Geräten (47 %), während Jungen die Kosten als größtes Hindernis angeben (60 %).

Girl Effect und Vodafone: Zugang zu digitalen Medien für Mädchen in Indonesien. © Vodafone

Kecia Bertermann, Technical Director of Digital Research bei Girl Effect, sagt dazu: „Der ungleiche Zugang zu Technologie rückt zunehmend in den wissenschaftlichen Fokus. Diese Studie zeigt, wie die Realität für Mädchen wirklich aussieht, und dass sie ganz am Ende der Schlange stehen, wenn es um den Zugang zu Mobiltelefonen geht. Mädchen erleben mehr Risiken, haben aber gleichzeitig weniger Vorteile. Ohne die Zeit oder Erlaubnis, sich mit Mobiltelefonen vertraut zu machen und sie umfassend zu nutzen, wird die Medienkompetenz von Mädchen behindert. Und da manche Mädchen Mobiltelefone heimlich nutzen müssen, haben sie oft Angst, ihren Eltern oder Freunden von Sicherheitsproblemen zu erzählen. Dadurch sind sie größeren Gefahren ausgesetzt.“

In Malawi und Ruanda, wo der Zugang für Mädchen eingeschränkt und ihre Medienkompetenz gering ist, befürchten die Mädchen sogar, dass Mobiltelefone sie vom „richtigen Weg“ abbringen könnten, weil sie mit Jungen in Kontakt kommen, was schließlich zu einer ungewollten Schwangerschaft führen könnte.

Manche glauben, dass Jungen und Mädchen unterschiedlich sind. Sie sagen, Jungen dürften in jedem Alter ein Mobiltelefon haben, während Mädchen dadurch schwanger werden könnten. (Mädchen, 19, Malawi)

Und trotzdem: Durch die Bank weg glauben Mädchen, dass sie durch ein eigenes Mobiltelefon sicherer sind. Sie unterstreichen sehr viel mehr als Jungen, wie wertvoll ein Mobiltelefon sein kann, um bestimmte Gefahren in ihrem Leben zu verringern. In Ländern, in denen Mädchen weniger Zugang haben und Mobiltelefone weniger differenziert nutzen, wird dieses Argument oft als Hauptrechtfertigung für den Besitz eines eigenen Telefons genannt.

Girl Effect und Vodafone: Zugang zu digitalen Medien für Mädchen in Südafrika. © Vodafone

Andrew Dunnett, Director der Vodafone Foundation, erklärt: „Mädchen werden einfach zurückgelassen. In vielen Ländern ist der Zugang zu Mobiltelefonen ganz entscheidend für Gesundheit, Lernen und die Entwicklung von Mädchen. Wir müssen uns der Realität stellen: Mädchen und Jungen haben nicht die gleichen Rechte, wenn es um den Zugang zu Mobiltelefonen geht. Deshalb müssen wir Dienste entwickeln, die die Mädchen erreichen und ihre Bedürfnisse in diesem Kontext erfüllen. Diese Studie soll die Tech- und Entwicklungssektoren informieren und dabei unterstützen, die Bedürfnisse von Mädchen zu erfüllen. Nur so können wir einen wirklichen Fortschritt beim Erreichen der UN-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung machen.“

Die Vodafone Foundation und Girl Effect setzen sich dafür ein, Unterstützung für sieben Millionen benachteiligte Mädchen in acht Ländern zu schaffen und ihnen Zugang zu den mobilen Services zu bieten, die sie brauchen.

Was Vodafone sonst noch unternimmt um Mädchen auf der ganzen Welt Zugang zu digitalen Medien zu verschaffen, lest ihr auf featured.

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