Unbelievable bei Netflix: Die wahre Geschichte hinter der Serie

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Unbelievable bei Netflix: Die wahre Geschichte hinter der Serie

Die neue Serie Unbe­liev­able erzählt die wahre Geschichte des Opfers ein­er bru­tal­en Verge­wal­ti­gungsserie, das der Falschaus­sage bezichtigt und dafür sog­ar vor Gericht gestellt wird.

Bei uns erfährst du alle Infos über die wahren Begeben­heit­en hin­ter der schock­ieren­den Net­flix-Serie. Sie erzählt eine Geschichte über unsag­bares Trau­ma und him­melschreien­des Unrecht.

„Selb­st Men­schen, denen du ver­traust … wenn die Wahrheit zu unbe­quem ist, glauben sie dir nicht”, erk­lärt das 18-jährige Verge­wal­ti­gung­sopfer sein­er Ther­a­peutin in ein­er Sitzung. Das Opfer, das ist Marie (Kait­lyn Dev­er): Etwa 1,60 zusam­mengekauerte Meter, run­des Gesicht mit Som­mer­sprossen und den derzeit trau­rig­sten Tee­nie-Augen auf Net­flix.

Im neuen Krim­idra­ma Unbe­liev­able, das auf wahren Begeben­heit­en beruht, verkör­pert sie eines der bedauern­swertesten Opfer der US-amerikanis­chen Krim­i­nalgeschichte. Die junge Frau wurde nicht nur zum Opfer eines eiskalten und bru­tal­en Serien­verge­waltigers, son­dern auch noch zum Kol­lat­er­alschaden undenkbar schlampiger Ermit­tlungsar­beit­en.

Kaitlyn Dever als Marie Adler in Unbelievable bei Netflix

Die tal­en­tierte New­com­erin Kait­lyn Dev­er verkör­pert das dop­pelte Opfer Marie Adler mit beachtlich­er Ein­fühlsamkeit | © Beth Dubber/Netflix

Schlampig genug sog­ar, um daraus einen schock­ieren­den True Crime-Artikel zu strick­en, der 2015 prompt mit einem Pulitzer-Preis aus­geze­ich­net wird. Seine ursprüngliche Artikel-Vor­lage namens An Unbe­liev­able Sto­ry of Rape (2015) ver­dankt Net­flix dem Autorenteam T. Chris­t­ian Miller und Ken Arm­strong.

Sie arbeit­eten den Fall außer­dem auch noch im True Crime-Buch Falschaus­sage: Eine wahre Geschichte (2019) auf. Buch, Artikel und Net­flix-Serie erzählen gle­icher­maßen die Geschichte eines Opfers, das „von vorn­here­in behan­delt wird wie eine Verdächtige”, wie Marie-Darstel­lerin Kait­lyn Dev­er es im Net­flix-Fea­ture Unbe­liev­able: An Inside Look tre­f­fend auf den Punkt bringt.

Triggerwarnung: Missbrauch & Mobbing

Wir haben uns in diesem Fall entsch­ieden, über die The­men Verge­wal­ti­gung und Mob­bing zu bericht­en.

Bei Men­schen, die mit ähn­lichen Ereignis­sen und Prob­le­men zu kämpfen haben, kön­nen durch Berichte dieser Art starke Angst- und Panikge­füh­le oder selb­stver­let­zen­des Ver­hal­ten her­vorgerufen wer­den. Möglicher­weise ist dieser Artikel darum nicht der richtige für dich.

Hil­fe find­est du rund um die Uhr anonym beim Hil­fetele­fon unter der Num­mer 08000 116 016 oder bei der Tele­fon­seel­sorge unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222.

Netflix’ Unbelievable - die Handlung: Eine Vergewaltigungsserie, vier Opfer, zwei Cops

Das Pflegekind Marie Adler (Kait­lyn Dev­er) wurde sein Leben lang von Pflege­fam­i­lie zu Pflege­fam­i­lie gere­icht. Mit­tler­weile lebt die 18-Jährige in ein­er Unterkun­ft für Betreutes Wohnen für Risiko­ju­gendliche im US-Bun­desstaat Col­orado. Eines mor­gens ruft Marie die Polizei.

Sie gibt zu Pro­tokoll, in der let­zten Nacht in ihrem Zim­mer mit vorge­hal­tener Waffe von einem Unbekan­nten gefes­selt, geknebelt und verge­waltigt wor­den zu sein. Die zuständi­gen Ermit­tler reagieren schnell skep­tisch.

Sog­ar ihre ehe­ma­li­gen Pflegemüt­ter (Eliz­a­beth Mar­vel, Brid­get Everett) glauben nicht an Maries Bericht, ver­muten, das ver­nach­läs­sigte Teenag­er-Mäd­chen wolle mit sein­er Geschichte Aufmerk­samkeit und Zuwen­dung gener­ieren. Vor­eilig stufen die Behör­den Maries Geschichte als unglaub­würdig ein.

Merritt Wever und Toni Colette als Karen DuVall und Grace Rasmussen in Netflix Serie Unbelievable

Mer­ritt Wev­er und Toni Colette mimen in Net­flix’ Unbe­liev­able die Detec­tives Karen DuVall und Grace Ras­mussen | © Beth Dubber/Netflix

Völ­lig verun­sichert wider­ruft Marie daraufhin ihre Aus­sage und räumt ein, den Über­fall und die Verge­wal­ti­gung erfun­den zu haben. Schon bald gilt das Mäd­chen inner­halb sein­er Gemeinde als Per­sona non gra­ta und wird dann auch noch wegen Falschaus­sage vor Gericht gestellt …

Hun­derte Kilo­me­ter ent­fer­nt begin­nen während­dessen die bei­den Ermit­t­lerin­nen Karen DuVall (Mer­ritt Weaver) und Grace Ras­mussen (Toni Colette) präg­nante Gemein­samkeit­en und Verbindun­gen zwis­chen ein­er Serie von sehr ähn­lichen Verge­wal­ti­gungs­fällen zu iden­ti­fizieren.

Bald schon sind sie sich sich­er: Es han­delt sich um ein und densel­ben Täter, der eine per­fide Tak­tik ver­fol­gt und so den Behör­den immer einen Schritt voraus zu sein scheint .…

Unbelievable: Die wahre Geschichte hinter der Serie

Net­flix’ neues Verge­wal­ti­gungs­dra­ma fasst harte The­men an, ver­gisst darüber aber nie, Maries Geschichte nach wahren Begeben­heit­en mit äußer­ster Sen­si­bil­ität aus der Per­spek­tive eines dop­pel­ten Opfers zu erzählen.

Dabei ori­en­tiert sich die True Crime-Serie stark an den Hin­ter­grün­den, Fak­ten und Bericht­en aus dem preis­gekrön­ten Artikel An Unbe­liev­able Sto­ry of Rape der gemein­nützi­gen Nachrichtenor­gan­i­sa­tio­nen The Mar­shall Project und ProP­ub­li­ca, die sich mit ihren Veröf­fentlichun­gen für inves­tiga­tiv­en Jour­nal­is­mus ein­set­zen.

An unbelievable Story of Rape

Der preis­gekrönte Artikel erzählt eine ernüchternde Geschichte über die Ermit­tlungsar­beit zweier Polizis­ten | © propublica.org

Dabei han­delt es sich um einen erschreck­enden Enthül­lungs­bericht auf höch­stem Niveau, eine wahre Fleißar­beit mit Feinge­fühl und viel Liebe zum Detail.

Let­zteres wirkt beina­he wie eine ver­suchte Wiedergut­machung für all die Details, die den dama­li­gen Ermit­tlern im Fall ein­er bru­tal­en Verge­wal­ti­gungsserie zwis­chen 2008 und 2011 ent­gin­gen. Auch die Net­flix-Serie ori­en­tiert sich stark an den Fak­ten aus Artikel und Buch und verzichtet auf kün­st­lerische Frei­heit­en.

Das Opfer: Die echte Marie Adler- verstoßen, vergewaltigt, angeklagt

Wer sich Unbe­liev­able zu Gemüte führt, dem mag es bei all dem Unglück schw­er fall­en zu glauben, dass es zuvor auch glück­liche Tage im Leben des ver­stoße­nen Teenagers Marie Adler gab.

In An Unbe­liev­able Sto­ry of Rape ist Marie, deren voller Name nicht bekan­nt ist, sich sich­er: Ihre bis dato glück­lich­sten Tage erlebte sie während ihrer 16. und 17. Leben­s­jahre.

Katliyn Dever in Unbelievable

Im Kranken­haus: Marie (Kait­lyn Dev­er) wird unter­sucht | © Beth Dubber/Netflix

Einige davon hat sie mit ihrer besten Fre­undin ver­bracht. Bei­de gehen gern zur Schule, begeis­tern sich für Wan­dern, die Natur und die Fotografie. Marie wörtlich:

Wir ver­bracht­en Stun­den am Strand und sahen uns den Son­nenun­ter­gang an. Das war eine mein­er lieb­sten Beschäf­ti­gun­gen. Es gab ein bes­timmtes Foto davon, was mir gefiel. Wir gin­gen zum Meer, es war unge­fähr 18:00 Uhr abends. Ich weiß nicht, was wir uns dabei dacht­en, aber wir gin­gen ein­fach spon­tan ins Wass­er (…)

Auch in der Net­flixserie find­et das Foto in Maries Gedanken immer wieder Platz - die Erin­nerun­gen an glück­lichere Zeit­en. Ihre Kind­heit hat­te nicht dazu gehört.

Maries Kindheit: Pflegefamilien, Antidepressiva und Hundefutter

Im dis­tanzierten Bericht eines Psy­cholo­gen, mit dem Marie inner­halb der fol­gen­den Ermit­tlungsar­beit­en spricht, heißt es:

Sie weiß nicht, ob sie einen Kinder­garten besucht hat. Sie erin­nert sich, hun­grig gewe­sen zu sein und Hun­de­fut­ter gegessen zu haben. Sie gibt an, im Alter von sechs oder sieben Jahren in die erste Pflege­fam­i­lie gegeben wor­den zu sein.

Aus dieser Sit­u­a­tion ergibt sich für Marie ein ins­ge­samt rast­los­es Leben. Woran sie sich statt Kinder­garten und elter­lich­er Zuwen­dung erin­nert?

Kaitlyn Dever in Unbelievable bei Netflix

Marie (Kait­lyn Dev­er) in Unbe­liev­able bei Net­flix | © Beth Dubber/Netflix

Zahlre­iche Umzüge, 10 bis 11 Pflege­fam­i­lien, eine erste Abhängigkeit vom Medika­ment Zoloft, einem starken Anti­de­pres­sivum. Im zarten Alter von acht Jahren hat­te Marie erst­mals eine Sucht entwick­elt. Kein Wun­der, wenn man die spär­lichen Infor­ma­tio­nen aus dem Bericht über ihre leib­lichen Eltern überblickt:

Sie traf ihren leib­lichen Vater nur ein­mal. Sie berichtet, dass sie nicht viel über ihre leib­liche Mut­ter weiß, von der Marie sagte, dass sie sie oft in der Obhut von Fre­un­den gelassen habe. Sie wurde sex­uell und kör­per­lich miss­braucht.

Erwach­sene Betreuer und Fachkräfte gin­gen in ihrem Leben ein und aus. Es gab einige belas­tende oder miss­bräuch­liche Erfahrun­gen und es herrschte ein all­ge­mein­er Man­gel an Beständigkeit.

Maries 18. Geburtstag: Der Flug vor dem Fall

Trotz allem, was Marie bis ins Teenag­er-Alter hat­te durch­machen müssen, geht aus An Unbe­liev­able Sto­ry of Rape deut­lich her­vor, dass sich die 18-Jährige abso­lut nicht zu einem unberechen­baren Prob­lemkind entwick­elt hat­te. Eine ein­stige Pflege­mut­ter namens Shan­non erin­nert sich, dass Marie trotz ihres harten Schick­sals „niemals ver­bit­tert” gewe­sen sei.

Man habe viel zusam­men ges­paßt und gelacht. Marie pflegte ihre Kon­tak­te zu früheren Pflege­fam­i­lien. Sie war bestens in der Lage, vernün­ftige Gespräche mit Erwach­se­nen führen. Sie musste nie dazu gedrängt wer­den, zur Schule zu gehen.

Im Früh­jahr rund um ihren 18. Geburt­stag hat Marie die per­ma­nent wech­sel­nden Pflege­fam­i­lien allerd­ings endgültig satt. In einem sozialen Pro­jekt namens Project Lad­der nimmt man sie im Örtchen Lyn­nwood unter seine Fit­tiche. Das Pro­gramm soll jun­gen Erwach­se­nen, die in Heimen und Pflege­fam­i­lien aufwuch­sen, helfen, ein selb­st­ständi­ges Leben zu führen.

Das Beste daran: Project Lad­der stellt sub­ven­tion­ierten Wohn­raum zur Ver­fü­gung. Jedes Mit­glied bekommt eine Woh­nung mit Schlafz­im­mer in den soge­nan­nten Alder­brooke Apart­ments. Ein Segen für die strauchel­nde Marie.

Sie verzichtet darauf, ihren High School-Abschluss zu machen, begin­nt stattdessen im Super­markt zu jobben und lernt inner­halb des Pro­jek­ts die „Regeln des Lebens”, wie sie im Artikel berichtet:

Es war ein­fach schön, auf eige­nen Beinen zu ste­hen und nicht tausende Regeln vorge­set­zt zu bekom­men wie in den Pflege­fam­i­lien. Es war Frei­heit. Es war super.

Lei­der soll­ten die erfreulichen Wen­dun­gen, die sich für Marie ergeben hat­ten, nicht lange andauern.

Marie Adler: Booksmart-Star Kaitlyn Dever als doppeltes Opfer bei Netflix

Zum Dreh- und Angelpunkt der erschüt­tern­den True Crime-Sto­ry wird in Net­flix’ Unbe­liev­able die Pro­tag­o­nistin, ein­fühlsam verkör­pert von Books­mart-Star Kait­lyn Dev­er.

Die Marie-Darstel­lerin sprach für die Rolle nicht nur per­sön­lich mit der jun­gen Frau, son­dern zog noch andere Quellen außer dem Artikel hinzu, um das Innen­leben des Sex­u­al- und Jus­ti­zopfers so glaub­würdig wie möglich verkör­pern zu kön­nen.

„Also, ihre Stimme darin zu hören, war schon genug für mich”, erin­nert sich Dev­er im Inter­view mit The Hol­ly­wood Reporter an die Episode der pop­ulären US-Pod­cas­trei­he This Amer­i­can Life mit dem Titel Anato­my of Doubt (dt.: Anatomie des Zweifels).

Auch dort nahm man sich der tragis­chen Geschichte des Teenag­er-Mäd­chens an und lieferte O-Töne der echt­en Marie.

Kaitlyn Dever im hervorragenden Coming-og-Age-Film Booksmart (2019)

Kon­trast­pro­gramm: Im Kino-Block­buster Books­mart mimt Kait­lyn eine ver­wöh­nte Stre­berin | © ANNAPURNA PICTURES

Dev­er berichtet, man habe sich bei den Vor­bere­itun­gen zur Serie mit der echt­en Marie (im wahren Leben ist Marie nur ihr zweit­er Vor­name) getrof­fen. Dabei sei man sehr darauf bedacht gewe­sen, ihre Pri­vat­sphäre zu respek­tieren, entsin­nt sich der junge Hol­ly­wood­star:

Wir haben nicht ver­sucht, eine Kopie von Marie her­aufzubeschwören. Und ich habe nicht ver­sucht, ihre Eigen­heit­en oder ihren Akzent zu kopieren. Für mich ging es wirk­lich nur darum, ihre Emo­tio­nen und ihren Geis­teszu­s­tand während dieser Zeit her­auszuar­beit­en und die ganze Sache und mit so viel Respekt wie möglich darzustellen.

Und das gelingt der 22-jähri­gen New­com­erin auf ganz­er Lin­ie mit ein­er her­aus­ra­gen­den wie nuancierten Per­for­mance. Den­noch kommt der Zuschauer kaum umhin, sich die reale Biografie der Jugendlichen auszu­malen, um ihre Reak­tio­nen und ihren Gefühlszu­s­tand in ein­er solchen Extrem­si­t­u­a­tion nach­fühlen zu kön­nen.

Der Fall: Im Zweifel gegen das Opfer

Es ist der 11. August 2008: Kurz vor neun an einem Mon­tag­mor­gen reagieren zwei Polizis­ten, die Ermit­tler Sear­gant Jef­frey Mason and Jer­ry Rittgarn,  aus Lyn­nwood auf die Mel­dung ein­er Verge­wal­ti­gung in den Alder­brooke Apart­ments. Ein paar andere Beamte sind bere­its mit einem Spürhund am Tatort.

Marie gibt zu Pro­tokoll, sie sei mit­ten in der Nacht von einem Mann mit vorge­hal­tenem Mess­er geweckt, und dann mit ver­bun­de­nen Augen gefes­selt, geknebelt und verge­waltigt wor­den. Der Mann habe eine Stur­m­maske getra­gen und ein Kon­dom benutzt. Marie kann nur wenige Details über den Täter angeben: Ein weißer Mann, grauer Pullover, helle Augen.

Maries Angaben zufolge verge­ht der Fremde sich mehrfach an ihr, dro­ht, sie umzubrin­gen, sollte sie Laut geben. Der Täter fotografiert die Tat und sein Opfer in demüti­gen­den Posen, platziert zum Schluss Maries Per­son­alausweis auf ihrem Kör­p­er und knipst auch dieses Motiv - eine Art Trophäe für den gestörten Triebtäter. 

Nach­dem der Verge­waltiger ver­schwun­den ist, kann Marie mit ihren Füßen eine Schere aus ein­er Schublade holen und sich befreien. Umge­hend ver­sucht sie, ihren Fre­und Jor­dan anzu­rufen. Doch der geht nichts ans Tele­fon. Marie erre­icht ihre let­zte Pflege­mut­ter Peg­gy Cun­ning­ham, danach ihre Nach­barin, die endlich den Notruf ver­ständigt.

Die Befragungen: Ein Teufelskreis des Misstrauens

Nach den ersten Aus­sagen unterzieht sich Marie ein­er Unter­suchung im Kranken­haus. Sie erhält Not­fal­lver­hü­tung und Medika­mente gegen sex­uell über­trag­bare Krankheit­en. Bei der medi­zinis­chen Unter­suchung wer­den einige Abschür­fun­gen an Maries Handge­lenken und an ihrer Vagi­na fest­gestellt.

Im medi­zinis­chen Bericht heißt es, Marie habe während der Unter­suchung „wach und geis­tes­ge­gen­wär­tig” gewirkt und nicht den Ein­druck ein­er „akuten Not­lage” erweckt.

Kaitlyn Dever als Marie Adler in Unbelievable bei Netflix

Marie (Kait­lyn Dev­er) wird gründlich in die Man­gel genom­men … | © Beth Dubber/Netflix

Immer wieder stellen die Ermit­tler Maries Aus­sagen in Frage, vor allem auch weil das junge trau­ma­tisierte Opfer sich durch zunehmende Verun­sicherung bei Details in schein­bare Wider­sprüche ver­strickt. Das wiederum lässt die Polizis­ten noch mis­strauis­ch­er wer­den und den Teufel­skreis stetig ausarten. Den auss­chlaggeben­den Wen­depunkt bringt schließlich allerd­ings der Anruf von Maries Pflege­mut­ter Peg­gy.

Sie unter­bre­it­et den Geset­zeshütern ihre Zweifel darüber, ob Maries Geschichte wirk­lich so geschehen ist wie behauptet. Ihre Begrün­dung: Auch sie selb­st sei ein Miss­brauch­sopfer und könne Maries schein­bar abgek­lärten, ruhi­gen Umgang mit ein­er solchen Sit­u­a­tion abso­lut nicht nachvol­lziehen.

Sie erwarte Reak­tio­nen wie Schock und Hys­terie, die Marie bish­er nicht in Ansätzen gezeigt habe. Das mache die Geschichte für sie unglaub­würdig.

Ein Opfer wird zur Verdächtigen gemacht

Erneut gehen die Detec­tives mit Marie ins Gespräch, zweifeln ihre Aus­sagen an, unter­stellen ihr eine große Lüge. Das ver­meintliche Motiv: Das ver­nach­läs­sigte Pflegekind habe sich Aufmerk­samkeit und Mit­ge­fühl und die ein oder andere Extrawurst inner­halb des sozialen Pro­jek­ts ver­sprochen.

Rittgarn und Mason tre­f­fen sich ein weit­eres Mal mit Marie, kon­fron­tieren sie damit, dass ihre Geschichte und die Beweise ange­blich nicht übere­in­stim­men. Sie sind sich sich­er, dass Marie die Geschichte erfun­den hat.

Toni Colette und Karen DuVall in Unbelievable bei Nteflix

Die Detec­tives Karen DuVall und Ras­mussen (Tonie Colette) ahnen noch nichts von den zweifel­haften Ver­hörmeth­o­d­en ihrer Kol­le­gen … | © Beth Dubber/Netflix

Das Verge­wal­ti­gung­sopfer wird anschließend viele Stun­den unun­ter­brochen ver­hört. Dabei mis­sacht­en die Detec­tives Mason und Rittgarn, bei­de uner­fahren mit Verge­wal­ti­gungs­de­lik­ten, die all­ge­meinen Richtlin­ien, Hin­weise und Empfehlun­gen der Polizei zum Umgang bei der Befra­gung mit Verge­wal­ti­gung­sopfern.

Zutief­st verun­sichert kom­men zeitweilig sog­ar bei Marie selb­st Zweifel auf, ob sie ihre Geschichte möglicher­weise nur geträumt haben kön­nte. Als sich der Teenag­er schließlich äußert, sie sei „ziem­lich sich­er”, dass die Tat so geschehen sei wie berichtet, sind die Ermit­tler sich vol­lends sich­er: Marie ist eine Lügner­in!

Aus ein­er Mis­chung aus Selb­stzweifeln und Res­ig­na­tion her­aus, zieht Marie schließlich ihre Aus­sage zurück, räumt ein, die Geschichte erfun­den zu haben - mit schw­eren Kon­se­quen­zen für sich selb­st. Im Gespräch mit ihren Betreuern erk­lärt Marie später, dass sie ihre Aus­sage unter Zwang zurück­ge­zo­gen habe.

Katilyn Dever als Marie in Unbelievable auf Netflix

Der Alp­traum ein­er jeden Frau: Nie­mand glaubt Marie, dass sie verge­waltigt wurde |© Beth Dubber/Netflix

Zu dritt suchen sie erneut die Ermit­tler auf. Marie zieht ihren Wider­ruf zurück und beteuert, das erste Mal die Wahrheit gesagt zu haben. Die Betreuer warten draußen, während Marie erneut ohne Anwalt Rittgarn anbi­etet, einen Lügen­de­tek­tortest zu machen.

„Wenn du nicht gestehst, fliegst du aus deiner Wohnung”

Rittgarn bedi­ent sich dem jun­gen Mäd­chen gegenüber ein­er per­fi­den Ein­schüchterungsstrate­gie: Er beteuert, dass man Marie ins Gefäng­nis steck­en könne, würde sie den Test nicht beste­hen. Außer­dem sei er selb­st in einem solchen Fall bere­it, Project Lad­der zu empfehlen, Marie vol­lends aus dem Pro­gramm zu schmeißen. Marie knickt ein.

Zurück bei ihren Betreuern, wird sie von ihnen erneut gefragt, ob sie verge­waltigt wurde. „Nein”, sagt Marie.

Die Betreuer ver­lan­gen von ihr, vor der kom­plet­ten Wohn­heim-Gruppe zu geste­hen, dass sie die Verge­wal­ti­gung nur erfun­den hat, dass dort draußen kein Verge­waltiger herum­läuft, vor dem man sich fürcht­en müsse. Andern­falls kön­nen sie Marie nicht länger im Pro­jekt unter­stützen.

Marie geste­ht vor ver­sam­melter Mannschaft.

Die Gruppe hat kein Ver­ständ­nis. Ab sofort wird Marie für ihre Mit­men­schen zur Per­sona non gra­ta und muss sich Unmen­gen an Vor­wür­fen und abfäl­li­gen Bemerkun­gen gefall­en lassen. In einem News-Beitrag ist die Rede von ein­er „Frau aus dem West­en Wash­ing­tons, die zugegeben haben soll, sich eine Verge­wal­ti­gung aus den Fin­gern geso­gen” zu haben.

Marie über­quert eine Brücke und denkt an Suizid, wie sie sich in An Unbe­liev­able Sto­ry of Rape erin­nert:

Es war das einzige Mal in meinem Leben, wo ich wirk­lich gerne gestor­ben wäre.

Nur wenige Monate später die näch­ste böse Über­raschung: Marie erhält einen Brief mit der Mit­teilung, dass sie sich wegen Falschaus­sage vor Gericht ver­ant­worten muss, was mit bis zu einem Jahr Gefäng­nis­strafe geah­n­det wer­den kann. Das Doku­ment wurde von Ermit­tler Mason unterze­ich­net.

Marie vor Gericht: Bewährungsstrafe und Gerichtskosten

Wenig später erscheint Marie vor Gericht. Nie­mand außer ihr Pflichtvertei­di­ger begleit­et sie. Man bietet Marie eine gerichtliche Eini­gung an.

Unter der Bedin­gung, dass sie psy­chol­o­gis­che Beratung in Anspruch nehmen und auf Bewährung freige­lassen wird und keine weit­eren Geset­ze mehr bricht, ist das Gericht bere­it, von ein­er Frei­heitsstrafe abzuse­hen. Hinzu kom­men für Marie die Ver­fahren­skosten von 500 US-Dol­lar.

Marie will das alles hin­ter sich lassen. Sie nimmt das Ange­bot an.

Katliyn Dever in Unbelievable

Unglaublich: Das Verge­wal­ti­gung­sopfer muss sich wegen Falschaus­sage vor Gericht ver­ant­worten | © Beth Dubber/Netflix

Zweiein­halb Jahre später: Marie erhält einen Anruf von der Polizei. Zwei Detec­tives haben ihren Verge­waltiger gefasst. In seinem Haus wur­den Auf­nah­men von Marie gefun­den. Es sind Bilder, die ein­deutig ihre Iden­tität bele­gen - und das nicht nur wegen des abgelichteten Per­son­alausweis­es.

Marie ist endgültig reha­bil­i­tiert. Erle­ichterung, Schock und Wut gle­icher­maßen lassen sie zusam­men­brechen. Maries Vorstrafen­reg­is­ter wird gelöscht, sie erhält 500 US-Dol­lar Rück­er­stat­tung der Gericht­skosten. Marie verk­lagt die Stadt und erhält 150 000 US-Dol­lar als Wiedergut­machung. Kurz darauf ver­lässt sie den Bun­desstaat.

Heute ist sie ver­heiratet, hat zwei Kinder und arbeit­et als LKW-Fahrerin. Wo genau, das soll nicht an die Öffentlichkeit ger­at­en, genau­so wenig wie ihr voller Name.

Die Ermittlerinnen: Einer brutalen Vergewaltigungsserie auf der Spur

Dass die Wahrheit doch noch ans Licht gelangt, ver­dankt Marie zwei Ermit­t­lerin­nen, die neue Maßstäbe in Sachen Ermit­tlun­gen set­zten.

Sta­cy Gal­braith, in der Net­flix-Serie Grace Ras­mussen (gespielt von Toni Colette) und Edna Hen­der­shot, in der Serie Karen DuVall (gespielt von Mer­ritt Weaver) ermit­teln als lei­t­ende Polizistin­nen in unter­schiedlichen Coun­ties. Sie nehmen Kon­takt zueinan­der auf, als sie auf­fäl­lige Par­al­le­len zwis­chen eini­gen Fällen von Verge­wal­ti­gung fest­stellen.

Toni Colette und Karen DuVall in Unbelievable bei Nteflix

Mer­ritt Wev­er und Toni Colette ermit­teln als cle­vere Detec­tives in Unbe­liev­able bei Net­flix | © Beth Dubber/Netflix

Bis Ende Jan­u­ar 2011 haben die Ermit­tler inner­halb von 15 Monat­en ins­ge­samt vier Verge­wal­ti­gun­gen in den Großräu­men Seat­tle und Den­ver verze­ich­net. Der erste Fall trägt sich am 4. Okto­ber 2009 in Auro­ra, östlich von Den­ver zu. Das Opfer: eine 65-jährige Kün­st­lerin.

Einen Monat später fällt eine 59-jährige Witwe aus West­min­ster einem Verge­waltiger zum Opfer. Im Jan­u­ar 2011 erfol­gt ein Angriff auf eine 26-jährige Stu­dentin der Inge­nieur­swis­senschaften in Gold­en, etwa 25 Kilo­me­ter süd­west­lich vom vorigen Tatort. Über einen weit­eren Fall sind keine aus­führlicheren Details bekan­nt.

Die Ermit­t­lerin­nen gehen deut­lich anders mit den Verge­wal­ti­gung­sopfern und den Ermit­tlun­gen um als ihre Kol­le­gen in Lyn­nwood: Gezielte aber ein­fühlsame Befra­gun­gen, Klärung von fein­sten Details, die gemein­same Unter­suchung und Bege­hung der Tatorte.

Karen DuVall (Mer­ritt Wev­er, rechts) befragt ein Opfer des Verge­waltigers | © Beth Dubber/Netflix

Sta­cy Gal­braith und Edna Hen­der­shot erken­nen ein Muster: Der Täter sucht gezielt nach Frauen, die allein leben, benachteiligt sind, eher als Außen­seit­er gel­ten, denen es auch an sozialen Kon­tak­ten man­gelt. Die Spuren­suchen dauert lange und führt vor­erst in zahlre­iche Sack­gassen.

Doch schließlich führt sie ein Hin­weis aus der Bevölkerung zu einem verdächti­gen Fahrzeug, was in der Nähe von einem der Tatorte gesichtet und von Kam­eras fest­ge­hal­ten wurde. Es gehört Marc O’Leary, einem 30-jähri­gen Vet­er­an der Armee, der seit Monat­en nicht mehr im Dienst tätig ist.

Der Täter: Vergewaltiger Marc O’Leary als Vorbild für Christopher McCarthy 

Anhand eines auf­fäl­li­gen Mut­ter­mals, was eines der Opfer an der Wade des Täters ent­deckt hat­te, wird der Eigen­brötler Marc O’Leary (in der Net­flix-Serie Christo­pher McCarthy) über­führt. Der Triebtäter gibt später zu Pro­tokoll, als Kind habe ihn die Star Wars-Szene, in der Jab­ba der Hutte Prinzessin Leia zu sein­er Sexsklavin gemacht habe, zu ersten Verge­wal­ti­gungs­fan­tasien inspiri­ert.

#OnThis­Day Army Sol­dier Marc O’Leary Raped an 18 Year Old Woman in Wash­ing­ton; Three Years Lat­er Arrest­ed in Col­orado for Rape & Sen­tenced to 300 Plus Years (August 11, 2008) #Unbe­liev­ableSto­ry­ofRape

Gepostet von ID Addict USA am Son­ntag, 11. August 2019

Im Bericht gibt O’Leary zu Pro­tokoll, er habe sich gefragt:

Wo lan­d­est du mal, wenn du mit fünf Jahren bere­its an Hand­schellen denkst?

Mit zarten acht Jahren sei er das erste Mal in ein Haus einge­brochen. Seit­dem sei in ihm ein Mon­ster heran­gereift, was er nicht mehr habe kon­trol­lieren kön­nen.

Seine Opfer ver­fol­gt der damals 30-Jährige über Wochen, spi­oniert sie aus, find­et Stärken und Schwächen her­aus, beobachtet sie aus Gebüschen. Akribisch bere­it­et er sich auf jede einzelne Tat vor, bringt kaum eigene Werkzeuge oder Uten­silien mit an die Tatorte, hin­ter­lässt keine Spuren und schickt die Frauen nach der Tat unter die Dusche.

Vorher spielt er mit ihnen über mehrere Stun­den sein „Verge­wal­ti­gungsthe­ater”, wie er es in An Unbe­liev­able Sto­ry of Rape selb­st nen­nt, durch. Die Bet­twäsche nimmt er mit nach Hause, eben­so wie die Höschen sein­er Opfer - seine Trophäen.

Er schießt unsag­bare Bilder von seinen Opfern in erniedri­gen­den Kostü­men, dro­ht mit Mord und damit, die Bilder ins Inter­net zu stellen.

Merrit Wever in Netflix' Unbelievable

Karen DuVall (Mer­rit Wev­er) ist fest entschlossen, den Verge­waltiger zu fassen | © Beth Dubber/Netflix

Im Ver­bor­ge­nen bastelt er mit den Auf­nah­men an ein­er Porno­seite. Später wer­den die Bilder zusam­men mit zahlre­ichen anderen belas­ten­den Beweis­stück­en von den Ermit­tlern in O’Learys Haus in einem Ord­ner mit dem Titel „Mäd­chen” auf seinem Com­put­er gefun­den. Laut Bericht­en der FAZ ist die Fest­plat­te O’Learys bis heute noch nicht gek­nackt, auf der die Polizei noch härteres Mate­r­i­al ver­mutet.

O’Leary hat­te bei der Auswahl sein­er Opfer nicht nur auf allein lebende Außen­sei­t­erin­nen geset­zt, son­dern darüber­hin­aus in unter­schiedlichen Coun­ties zugeschla­gen. So hoffte er, dass die jew­eils zuständi­gen Behör­den die Verge­wal­ti­gun­gen als Einzelfälle ver­buchen und nicht die Suche nach einem Seri­en­täter ein­leit­en wür­den.

Das Outcome: 327 Jahre Gefängnis für Marc O’Leary

Im Dezem­ber 2011 wird Marc O’Leary von einem Gericht in Col­orado zu 327 Jahren und sechs Monat­en Gefäng­nis verurteilt.

Seine Opfer wer­den ein Leben lang mit ihren Trau­ma­ta zu kämpfen haben. Trotz allem, was Marie durch­machen musste, bereut sie nicht, die Verge­wal­ti­gung gemeldet zu haben.

„Ich wollte nicht, dass es dieses Mal so läuft wie beim let­zten Mal”, sagt Marie, die bere­its mit sieben Jahren eine erste Verge­wal­ti­gung erlebte, über ihre Erfahrun­gen im Pod­cast This Amer­i­can Life: „Ich wollte es unbe­d­ingt raus­lassen und darüber sprechen.”

Kaitlyn Dever als Marie in Unbelievable

Marie (Kait­lyn Dev­er) zählt zu den weni­gen Verge­wal­ti­gung­sopfern, die die Tat über­haupt melde­ten | © Beth Dubber/Netflix

Laut Recherchen der An Unbe­liev­able Sto­ry of Rape-Autoren ist die Rate der Falschaus­sagen bei Verge­wal­ti­gungs­de­lik­ten übri­gens schwindend ger­ing. Erhe­bun­gen des FBIs zeigen, dass die Polizei jährlich nur rund fünf Prozent aller Verge­wal­ti­gungs­fälle für unbe­grün­det erk­lärt.

Die Organ­i­sa­tion RAINN (Rape, Abuse & Incest Nation­al Net­work), ihres Zeichens größte US-amerikanis­che Organ­i­sa­tion gegen sex­uelle Gewalt und ver­ant­wortlich für die US-amerikanis­che Nation­al Sex­u­al Assault Hot­line, macht auf noch alarmieren­dere Zahlen aufmerk­sam: Nur 230 von 1.000 sex­uellen Über­grif­f­en wer­den im Schnitt der Polizei gemeldet. Drei von vier Verge­wal­ti­gun­gen geschehen also nach wie vor noch im Ver­bor­ge­nen. 

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