Tüfteln für die gute Sache: Moderne Erfindungen für Menschen mit Behinderung

Tüfteln für die gute Sache: Moderne Erfindungen für Menschen mit Behinderung

Technische Erfindungen, die das Leben von Menschen mit Behinderungen verbessern wollen, leisten einen wichtigen Beitrag zur Inklusion. So gibt es auch Menschen, die sich privat mit dem Thema beschäftigen. Sei es, weil sie selbst mit einem Handicap leben oder weil sie Freunde oder Familienmitglieder unterstützen wollen.

Ob Videotext, SMS oder Hörbuch: Innovationen, die Menschen mit einer körperlichen Einschränkung mehr Teilhabe am „normalen“ Leben ermöglichen, sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Es gibt aber immer wieder Tüftler mit einem Handicap, die sich selbst am besten zu helfen wissen. An Kreativität und Improvisationstalent mangelt es diesen modernen Erfindern offenbar nicht.

Außergewöhnliches „Hand Solo“: Ein Lego-Bausatz als Arm-Prothese

An einem handelsüblichen Lego-Set haben viele kleine und große Tüftler ihre Freude. Für den Studenten David Aguilar sind die bunten Bausteine aber mehr als ein Spielzeug. Er hat einen Lego Technic Air Race Jet zur vollfunktionstüchtigen Arm-Prothese umfunktioniert. Durch einen angeborenen Gen-Defekt ist der rechte Arm des 19-Jährigen nicht vollständig ausgebildet. Deshalb bastelte der angehende Bioingenieur aus Lego-Bausätzen praktische Hilfsmittel, die seine körperliche Einschränkung ausgleichen. Auf seinem Youtube-Kanal Hand Solo zeigt der Erfinder aus Andorra seine Lego-Prothesen.

Um den Arm bewegen zu können, half sich David mit einer Seilkonstruktion und Gummibändern aus. Mit der ausgebildeten Hand zieht er an einem Hebel, um eine Greifzange zu steuern. Die Ellenbogenbewegung unterstützt ein Motor, der normalerweise das Fahrwerk eines Lego-Jets antreibt.

Mittlerweile hat David vier verschiedene Greifwerkzeuge gebaut, die er an seiner Universität ausstellt. Er sieht seine Lego-Prothese allerdings eher als Symbol für das, was möglich ist, und möchte nach seinem Studium „richtige“ Prothesen herstellen.

Digitaler Blindenhund: Blindbot navigiert mit KI und einem Basketball

Ausgefallene und vielversprechende Innovationen haben auf der Erfindermesse iENA seit 70 Jahren Tradition. Alljährlich präsentieren in Nürnberg junge Ingenieure und kreative Tüftler ihre vielfältigen Prototypen der „Marke Eigenbau“  – so auch die Schüler Alexander Bayer und Niklas Gutsmiedl vom Kopernikus-Gymnasium in Aalen. Sie stellten 2016 eine intelligente Führhilfe für Sehbehinderte vor, die mit einfachsten Bauteilen dem Blindenstock und Blindenhund einiges voraushat. Auf einem elektrisch angetriebenen Basketball rollt ihr Assistenz-System namens Blindbot auf jedem Untergrund und lotst mit künstlicher Intelligenz, 3D-Scannern und einem GPS-System zuverlässig an Hindernissen vorbei.  Zwei blinde Mitschülerinnen inspirierten die jungen Erfinder zu dieser außergewöhnlichen Roboter-Konstruktion.

Nach zwei Jahren Entwicklung stellten die Schüler ihre intelligente Gehhilfe beim Landeswettbewerb Jugend forscht vor und belegten im März 2018 schließlich den ersten Platz bei Jugend gründet. Inzwischen haben Alexander und Niklas ihre Erfindung sogar zum Patent angemeldet.

Selbstständiger laufen lernen mit einem autonomen Rollstuhl

Auch die Geschwister Marla und Silvan Laidler sind aufmerksame Beobachter und haben festgestellt, dass es nach einem Schlaganfall oder Unfall manchmal gar nicht so einfach ist, ein zweites Mal laufen zu lernen. Deshalb haben die Schüler vom Max-Planck-Gymnasium Heidenheim einen intelligenten Rollstuhl entwickelt, der Betroffenen den selbstständigen Wiedereinstieg in den Alltag erleichtert. „Shadow“ ist mit einer Kamera und einer Software ausgestattet, die den Nutzer erkennt und den Rollstuhl in Bewegung setzt. So folgt das Gefährt dem Patienten bei seinen Geh-Versuchen wie ein Schatten. Kann sich der Betroffene sich nicht mehr auf den Beinen halten, weil er das Gleichgewicht verliert oder ihm die Kraft ausgeht, kann er sich jederzeit setzen.

Nach ihrem Premiere-Auftritt auf der iENA 2017 überzeugten die beiden Erfinder mit ihrem voll funktionstüchtigen Rollstuhl letztes Jahr auch die Jury von Jugend forscht und erhielten den Sonderpreis „Innovationen für Menschen mit Behinderungen“ der Christoffel-Blindenmission (CBM). Mittlerweile lässt sich der autonome Rollstuhl auch via Smartphone starten und stoppen. Außerdem können Reha-Kräfte das Lauf-Training ihrer Patienten über eine nicht öffentliche Website im Auge behalten.

Technische Innovationen für ein „ganz normales Leben“ mit Handicap

Dass moderne Technologien für Menschen mit einer Behinderung enorme Chancen bieten können, weiß auch Bertolt Meyer, den wir Dir in unserer Reihe #TheFutureIsExciting bereits vorgestellt haben. Dass der Professor aus Chemnitz seine künstliche Hand mittlerweile wahrnimmt, wie ein angeborenes Körperteil, liegt nicht zuletzt daran, dass er an ihrer Entwicklung maßgeblich mitgewirkt hat. Dank unzähliger Sensoren, eigener Bluetooth-App und programmierbaren Griffmustern kann die Hightech-Prothese einer echten Hand problemlos das Wasser reichen.

Aus Ideen werden Innovationen: Erfindergeist für mehr Barrierefreiheit

Mittlerweile gibt es unzählige Tools und Gadgets, die digitale Barrierefreiheit schaffen. Sprachassistenten unterstützen bettlägerige Menschen im Alltag. Smartphone-Apps machen die Außenwelt für Blinde sichtbar. Auch in der Medizintechnik werden aus Science Fiction-Ideen immer öfter Science Facts: Innovative Eingabesysteme „lesen“ Gedanken von den Augen und übersetzen sie in Texte. Computer-Hirn-Schnittstellen (Brain-Machine-Interface, kurz BMI) in Form von Elektroden steuern Roboter-Prothesen.

All diese professionell entwickelten und lang erforschten Errungenschaften der digitalen Welt ermöglichen Menschen mit Handicap mehr Selbstständigkeit, Teilhabe und Lebensqualität. Doch auch viele junge Tüftler zeigen, dass sich die Grenzen der eigenen Fähigkeiten mit Kreativität und Experimentierfreude ganz neu ausloten lassen.

Hast Du Dir auch schon mal mit einer eigenen Erfindung ausgeholfen? Schreib uns, welche Herausforderungen des Alltags Deinen Erfindergeist geweckt haben. 

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