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Wie Deutschland zum digitalen Vorreiter werden kann – Interview mit BITKOM-Präsident Dieter Kempf

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Prof. Dieter Kempf (kl)Ob Online-Marktplätze für Handwerker, E-Commerce im Einzelhandel, oder Service-Portale für Dienstleister: Die Digitalisierung unserer Wirtschaft durchdringt alle Branchen, Betriebe und Geschäftsmodelle. Die Grenzen zwischen Online- und Offline-Unternehmen können immer seltener gezogen werden. Das stellt die deutsche Volkswirtschaft vor gewaltige Herausforderungen. Was es braucht, um diese zu meistern und im internationale Wettbewerb bestehen zu können, erklärt BITKOM-Präsident Prof. Dieter Kempf im Interview.

Kann sich Deutschland im internationalen Wettbewerb insbesondere mit den USA behaupten?

Prof. Dieter Kempf: Ein im US-Markt gut positioniertes Start-up ist mit Beginn seiner Internationalisierung auch weltweit ein Riese. Ein deutscher Unternehmensgründer, der ins Ausland geht, ist ein Zwerg. Deutschland mangelt es an einem großen digitalen Binnenmarkt. Die Überschaubarkeit des gesamten Sektors hierzulande ist der größte strukturelle Nachteil gegenüber den USA und auch China.

Wird dieser Nachteil nicht durch den europäischen Binnenmarkt kompensiert?

Prof. Kempf: Wenn wir einen Binnenmarkt mit EU-weit einheitlichen Bedingungen zum Beispiel für Daten- und Verbraucherschutz hätten, würde uns das auf die internationale Augenhöhe bringen. Die Einsicht, wie wichtig ein solcher Binnenmarkt ist, scheint aber vielfach noch nicht angekommen zu sein.

Inwiefern?

Prof. Kempf: Im digitalen Deutschland gibt es auf der einen Seite digitale Vorreiter, auf der anderen digitale Nachzügler. Die einen investieren in neue Technologien oder entwickeln sie sogar selbst. Die anderen schauen ängstlich auf eine Entwicklung, die sie immer weniger verstehen. Hier muss uns ein Brückenschlag gelingen. Wir müssen digitale Technologien weiter fördern. Dabei aber auch dafür sorgen, dass die Digitalisierungsdebatte gesellschaftliche Aspekte nicht außer Acht lässt.

Welche Rolle spielen Kleinunternehmen in der Digitalisierung?

Prof. Kempf: Viele Kleinunternehmer können noch nicht genug mit der Digitalisierung anfangen. Dabei findet Digitalisierung vor allem in der Breite statt. Digitale Lösungen stellen auch hier mit enormer Kraft und Geschwindigkeit alle bisherigen Geschäftsmodelle in Frage. Sie verändern sie komplett, selbst in der Landwirtschaft. Wir brauchen ein Verständnis in aller Breite. Zudem brauchen wir leistungsfähige, schnell wachsende und internationale Tech-Start-ups. Damit sie die Grundlage für eine solide technologische Entwicklung in Deutschland, auf unserem Spielfeld, ermöglichen.

Stärkt das Technologieverständnis in der Breite auch die Nutzung der digitalen Entwicklungen?

Prof. Kempf: Das ist von weiteren Faktoren abhängig. Deutschland muss vom Leitnachfrager zum Leitanbieter werden. Erstens sollten wir den Breitbandausbau weiter vorantreiben. Die Versteigerung der 700-Megahertz-Frequenzen ist ein wichtiger Schritt, aber weitere Anstrengungen für schnelle Netze sind nötig. Zweitens sollten wir Start-ups und Kleinunternehmen bessere Wachstumsvoraussetzungen bieten. Und drittens müssen wir Datenwirtschaft und Datenschutz in ein ausgewogenes Verhältnis bringen.

Nach Prism und dem NSA-Skandal könnte man meinen, Datensicherheit und Digitalisierung schlössen sich gegenseitig aus.

Prof. Kempf: Es muss uns gelingen, vom bislang handlungsleitenden Prinzip der Datensparsamkeit zu einem Prinzip der Datenvielfalt zu kommen. Einer Datenvielfalt, die mit einem Datenschutz verknüpft ist, der deutlich schärfer ist, als wir ihn heute kennen, der aber zugleich nicht über das Ziel hinausschießt und neue Geschäftsmodelle nicht von vornherein als Bedrohung sieht und verhindert. Vorhandene Daten müssen genutzt werden können: zur Verkehrslenkung, zur Steuerung unseres Energieverbrauchs oder für individualisierte Krebstherapien.

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