Geschichte hautnah: Wie digitale Medien Historisches erlebbar machen

Geschichte hautnah: Wie digitale Medien Historisches erlebbar machen

Die Realität schreibt unfassbare Storys und Drehbücher. Unfassbar schöne, aber auch unfassbar schreckliche. Sie stehen versteckt in dicken, verstaubten Wälzern in den Kellern der Bibliotheken. In Geschichtsbüchern natürlich. Digitale Medien entdecken die Zeitgeschichte für sich – und erzählen sie Dir hautnah.

Ob mitreißende Instagram-Story, regelmäßige Messenger-Updates oder ein ganz anderes Format: Durch digitale Medien wird Zeitgeschichte wieder lebendig. Du kannst hautnah miterleben, was früher passiert ist. Wir zeigen Dir hier zwei spannende und wichtige Projekte, die Dir im Gedächtnis bleiben werden.

Eva.Stories: Die Instagram-Story eines Mädchens im Holocaust

Instagram-Storys sind ein Blick über die Schulter. Der digitale Ort für Momente, die Du gerne mit anderen teilen möchtest. Oft auch einfach als eine Art Tagebuch, um aus dem Alltag zu berichten. Das macht vielen Spaß und sorgt für Unterhaltung und Interesse. So beginnt auch die Instagram-Story des Accounts Eva.Stories. Doch nicht im Jahr 2019, sondern im Jahr 1944. Das jüdische Mädchen Éva Heyman nimmt Dich mit in ihren Alltag. Als 13-jährige Jüdin im ungarischen (heute rumänischen) Nagyvárad. Sie feiert ihren Geburtstag, tanzt mit ihrer Cousine und ihrer besten Freundin auf der Straße und gönnt sich eine Portion gefrorene Freude am Eisstand. Du ahnst es bestimmt: So idyllisch wird es in der Instagram-Story nicht lange weitergehen. Und genauso ist es. Die Nazis nehmen die Stadt ein und beginnen damit, Juden erst zu enteignen und anschließend in Konzentrationslager zu deportieren. Und Du bist hautnah dabei. Siehst bis zum Schluss, was Eva erlebt.

Ist die Geschichte echt? Ja, Éva Heyman hat wirklich gelebt. Und sie hat damals tatsächlich schon auf eine gewisse Art ihre Story festgehalten. Nur eben nicht mit dem Smartphone, sondern ganz klassisch mit dem Stift im Tagebuch. Auf Grundlage ihrer Aufzeichnungen hat der israelische Geschäftsmann Matti Kochavi das Projekt ins Leben gerufen.

Ist Instagram ein guter Ort für so hochsensible Themen wie den Holocaust? Regisseur Kochavi wollte in erster Linie junge Menschen erreichen, die noch nichts vom Holocaust wussten. Er möchte zum Nachdenken anregen und dafür sorgen, dass der Holocaust nicht vergessen wird. Und das ist ihm gelungen. Und zwar mit einer Inszenierung, über die er selbst sagt: „Es ist oberflächlich und ist es auch wieder nicht. Es bietet ein sehr hohes Niveau an Intimität. Es setzt kein Vorwissen voraus. Es erzählt, als würde man nichts wissen.“ Nicht einmal zwei Wochen nach der Veröffentlichung zählt der Account Eva.Stories schon über 1,7 Millionen Abonnenten.

Das Format der Instagram-Storys mag zu Anfang vielleicht oberflächlich wirken. Doch die Mischung aus fröhlichen Emojis, Umfragen und Antwortfeldern auf der einen Seite und beklemmenden, dramatischen Bildern und Videos auf der anderen Seite spiegelt wider, wie hochemotional es damals tatsächlich gewesen sein könnte. Das Leben wird bestimmt durch das Hoffen auf Rettung, Todesängste und Ungewissheit. Wenn doch mal kleine Momente der Freude entstehen, wartet im nächsten Augenblick schon die beängstigende Realität. Genau das transportieren die Storys.

Was Éva erlebt hat, das sollte niemand mehr erleiden müssen. Deshalb ist die Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis so wichtig. Wir legen Dir die Eva.Stories daher absolut ans Herz. Parallel kannst Du das nächste Geschichts-Projekt mitnehmen, das wir Dir jetzt vorstellen. Es befasst sich ebenfalls mit einem Teil der deutschen Geschichte, allerdings in der Nachkriegszeit.

Stenograf Karl textet über die Entstehung des Grundgesetzes

Happy Birthday, Grundgesetz. Am 23. Mai feiert das Grundgesetz seinen 70. Geburtstag. Dieses Jubiläum hat sich das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) zum Anlass genommen, um Dich mit auf die Reise zu nehmen. Der fiktive Stenograf Karl war nämlich live im Parlamentarischen Rat dabei, als die Grundrechte entstanden, die heute noch gelten. Auch er hat ein Smartphone dabei. Doch er postet keine Storys, sondern hält Dich per Messenger auf dem Laufenden. Dabei schöpft er das volle Repertoire aus – von Textnachrichten über Illustrationen und Video-Clips bis zu Sprachnachrichten. Du kannst auswählen, ob Du seine Nachrichten per WhatsApp, Facebook Messenger, Threema oder Telegram erhalten möchtest.

Karl berichtet nicht nur, wie unser Land von einer Nazi-Diktatur zu einem demokratischen Rechtsstaat wurde, sondern auch über das Leben in der Nachkriegszeit. Städte liegen in Trümmern, die Menschen leben in Ruinen. Baulärm ist zu dieser Zeit etwas Schönes. Drei Wochen lang schickt Karl Dir täglich eine Nachricht. Du erfährst zum Beispiel, wie die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in das Grundgesetz aufgenommen wurde, welche Großstadt nur hauchdünn nicht die Hauptstadt Westdeutschlands geworden ist und welche Rede für die Abschaffung der Todesstrafe entscheidend war.

Karl ist schon seit dem 5. Mai fleißig damit beschäftigt, seine Nachrichten zu versenden. Die bisherigen Nachrichten kannst Du aber einfach online nachlesen, sodass Du auf dem aktuellen Stand bist, wenn Du Dich erst später anmeldest.

Durch digitale Medien kannst Du Geschichte neu erleben. Die beiden Projekte zeigen eindrucksvoll, wie die Distanz zwischen einem historischen Ereignis und Dir auf ein Minimum zusammenschrumpft. So kommt das Gefühl auf, selbst dabei zu sein und Du kannst ein stückweit nachvollziehen, wie sich das Zeitgeschehen damals angefühlt haben könnte.

Wie wirken die Eva.Stories und Stenograf Karl auf Dich? Was hat Dich besonders bewegt? Hinterlasse uns einen Kommentar.

Titelbild: BMJV

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