New Tech Nations | Teil 1: Wie Israels Silicon Wadi die globale Start-up-Bühne erobert

Digitaler Ausblick

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Datum 27.09.2018
Lesezeit 4 Min.

New Tech Nations | Teil 1: Wie Israels Silicon Wadi die globale Start-up-Bühne erobert

Israel zählt nur rund 8,5 Millionen Einwohner – und dennoch zu den erfolgreichsten Start-up-Schmieden der Welt. Vom „Silicon Wadi“ gehen Hard- und Software-Innovationen rund um den Globus. Was macht die Israeli so erfolgreich? In der ersten Folge unserer Serie „New Tech Nations“ schauen wir uns den aufsteigenden Hightech-Hub am Mittelmeer genauer an.

Spätestens seitdem Facebook Mitte 2012 die israelische Gesichtserkennungs-Software Face.com übernommen hat, rückt das kleine Land im Nahen Osten als Technik-Nation in die öffentliche Wahrnehmung. Längst hat sich Israel in der globalen Start-up-Szene als ernst zu nehmende Größe einen Namen gemacht – insbesondere mit IT-Lösungen wie dem Business-Marktplatz Fiverr, der Werbeplattform Outbrain oder der Marketing-Analytics-Software AppsFlyer.

Silicon Wadi: Der Innovations-Inkubator im Nahen Osten

In dem Land, das kaum größer ist als Hessen, haben sich in den letzten Jahren mehr als 6.000 Start-ups angesiedelt – pro Kopf ist das bei 8,5 Millionen Einwohnern Weltrekord. Ähnlich dem kalifornischen Silicon Valley profitiert auch Israel von einem eigenen Tech-Speckgürtel: Im „Silicon Wadi“ zwischen Tel Aviv, Haifa und Jerusalem verdichten sich die Innovations-Schmieden in der Küstenebene. Vor allem in und östlich der beliebten Metropole Tel Aviv boomt die Hightech-Industrie und katapultiert das Silicon Wadi laut Expert Market auf Platz 5 der weltweiten Top-Technologiezentren. Die Gründe für den bemerkenswerten Aufstieg Israels sind vielfältig.

Think global: Israelische Start-ups zielen auf den Weltmarkt

Mehrere der neuen Top-Firmen Israels sind als Unicorns mit einem Wert von über einer Milliarde Dollar auf der globalen Tech-Bühne präsent. Schon wegen der Größe des eigenen Landes fokussiert kaum ein israelisches Start-up den lokalen Markt. Die Israelis denken und handeln global. Vor allem in New York lassen sich viele Jungunternehmer aus Nahost nieder. Mehr als 350 Gründer aus dem Silicon Wadi haben mittlerweile einen Sitz in Amerikas zweitgrößtem Tech-Zentrum. Zeitgleich zieht Israel Fachkräfte aus der ganzen Welt an. Hinsichtlich der Zahl und Qualität gut ausgebildeter, junger Leute kann sich Tel Aviv als echter Talent-Pool behaupten. Die pluralisierende Gesellschaft des Landes fördert die internationale Ausrichtung der Start-up-Szene zusätzlich.

Das Erfolgsrezept des Silicon Wadi: Geschwindigkeit, Agilität und ein starkes Netzwerk

Während Unternehmen in anderen Ländern hinter verschlossenen Türen an streng geheimen Innovationen tüfteln, tauschen Gründer im Silicon Wadi wie selbstverständlich Ideen, Know-how und Kontakte aus. Haben israelische Jungunternehmer eine Geschäftsidee mit disruptivem Potential, halten sie sich nicht lange an Businessplänen auf, sondern beginnen mit der Umsetzung. Dabei können sie sich zwischen Accelerator, Venture Capitalists und Co-Working Spaces auf ein starkes Netzwerk stützen, das schnellen Zugang zu vielen Investoren bietet. Mit Steuererleichterungen für Unternehmen aus dem Digital-, Data- und Tech-Bereich sowie Anreizen für ausländische Geldgeber beschleunigt auch die Regierung den Aufstieg Israels zum Tech-Kraftwerk.

Kein Erfolg ohne Risiko

Ebenfalls auffällig ist die außergewöhnlich hohe Risikobereitschaft der Israelis. Sowohl Start-ups als auch Investoren haben keine Angst „konstruktiv“ zu scheitern. Unternehmerischer Misserfolg wird als gewinnbringende Erfahrung verbucht. Diese Herangehensweise mag in Israel unter anderem historisch und geopolitisch bedingt sein. In der Küstennation haben Auseinandersetzungen eine „Stehauf-Mentalität“ geprägt, die mutige und mitunter auch waghalsige Gründungen begünstigt.

Vom Soldaten zum Start-up

Im Kreis der Jungunternehmer haben viele beim Militärdienst in der gleichen Einheit gedient: der Unit 8200. Die Eliteeinheit ist nicht nur bekannt für Code-Entschlüsselungen und digitale Spionage, sondern eine echte Kaderschmiede. Weltweit führende Softwarekonzerne wie der Firewall- und VPN-Entwickler Check Point oder der Sicherheitssoftware-Experte Cyber Ark wurden von ehemaligen 8200-Mitarbeitern gegründet. Der praxisbezogene Hightech-Fokus und die damit verbunden Investments der Armee leisten einen wesentlichen Beitrag zur Innovationskraft des Landes. Statt an Militär-Innovationen schrauben die Israeli aber mittlerweile vor allem an IT- und Sicherheitslösungen für wachsende Märkte im Konsum- und Business-Bereich.

Deutsche Automotive-Konzerne entdecken Israels Start-up-Hotspot

Insbesondere deutsche Autobauer haben das Potenzial israelischer Start-ups längst erkannt. So widmet sich zum Beispiel das Start-up Argus seit seiner Gründung im Jahr 2013 speziell der IT- und Cybersecurity für Fahrzeuge und wurde im Herbst 2017 vom Hannoveraner Automobilzulieferer Continental übernommen. Nur ein paar Stockwerke unter Argus hat Daimler ein Büro für vernetzte Fahrzeuge und Sicherheits-Technologien angemietet. Mit einem Innovation-Office in Tel Aviv möchte sich auch Porsche Zugang zu Technologien und Talenten sichern, die auf Künstliche Intelligenz (KI), Cloud-Lösungen und das Internet of Things spezialisiert sind. In der Nachbarschaft hat Volkswagen einen Campus für autonomes Fahren, Elektromobilität und Cybersicherheit eröffnet. Auch an die Future Mobility wird im Silicon Wadi also gedacht.

Auch abseits der Automobil-Branche werden wir weiterhin spannende IT-Innovationen aus Nahost erwarten können. Die Qualität und die Dynamik der israelischen Gründerszene Silicon Wadi sind definitiv beeindruckend und tragen dazu bei, dass das kleine Land seinen Status als große neue Tech-Nation festigen wird.

In der nächsten Folge unserer Serie widmen wir uns dem aufsteigenden Hightech-Land Estland.

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