New Tech Nations | Teil 4: Brasilien – Ein ganzes Land wird smart

Digitaler Ausblick

Digitaler Ausblick

Datum 17.12.2018
Lesezeit 4 Min.

New Tech Nations | Teil 4: Brasilien – Ein ganzes Land wird smart

Wenn es in Rio de Janeiro regnet, wertet ein Rechenzentrum aus, wo in der Millionenmetropole Überschwemmungen drohen – über die sozialen Medien wird die Bevölkerung gewarnt. Mithilfe einer App können die Bewohner die labyrinthischen, von Armut geprägten Favelas ihre Umgebung mitgestalten. Der Verkehr läuft flüssig – dank digitaler Steuerung. An Städten wie Rio de Janeiro zeigt sich, warum Brasilien als Vorreiter der Digitalisierung gilt. Wir werfen einen Blick auf das größte Land Südamerikas.

Brasilien ist ein riesiges Land, das fünftgrößte der Erde. Die Unterschiede innerhalb der Bevölkerung sind enorm: Gigantische Großstädte genauso wie abgeschiedene Dörfer im Regenwald beherbergt das südamerikanische Land. In der digitalen Vernetzung steckt das Potential, die Lebensbereiche einander näher zu bringen.

Herausforderungen und Chancen im Land der Superlative

Das Internet der Dinge (IoT) soll dabei helfen, in dem riesigen Land die Sicherheit sowie Wachstum, Wohlstand und Nachhaltigkeit zu erhöhen. Die Voraussetzungen dafür sind gut: Jeder dritte Brasilianer nutzt ein Smartphone. Das entspricht dem Stand in hochentwickelten Ländern wie Deutschland.

Auf der Rangliste der meisten Internetnutzer belegen die Brasilianer Platz 5, hinter China, USA, Indien und Japan. In der Nutzung der sozialen Medien sind sie sogar Weltmeister: 3,8 Stunden verbringen sie bei Facebook, Instagram und Co – die US-Amerikaner kommen nur auf 2,7 Stunden. Auch andere e-Segmente wie e-Commerce und e-Health kommen immer mehr im Alltag der Brasilianer an und werden stärker genutzt. Der Umsatz im e-Commerce-Markt betrug 2018 circa 13.300 Millionen Euro; das jährliche Wachstum wird auf 3,4 % geschätzt.

Das Internet ist da – jetzt wird es genutzt

Die Politik hat das Potential der Digitalisierung für ihr Land erkannt: Mehrere Programme wurden von Brasiliens Regierung initiiert, zum Beispiel eine digitale Transformationsstrategie oder ein Konzept zur Förderung der Industrie 4.0. Mit der „Estratégia Brasileira para a Transformação Digital“ soll die gesamte Wirtschaft des Landes auf digital umschalten. Innerhalb der nächsten 15 Jahre sollen 15 Prozent der Industrieparks die Technologien der Industrie 4.0 nutzen. Dafür investiert der Staat rund 2,5 Milliarden US-Dollar. 200 Milliarden US-Dollar soll Brasilien bis 2025 mithilfe des Internet of Things mehr einnehmen, so die Prognose von McKinsey.

Auch die Start-up-Szene wächst. Innerhalb von sechs Jahren hat sich die Anzahl an Neugründungen verdoppelt. Mitte 2018 gab es rund 6000 Start-ups in Brasilien. Schon 2014 erkannten prominente Internet-Unternehmen wie Netflix, Airbnb und Paypal das Potential des südamerikanischen Landes und eröffneten dort Büros. Dabei ließen sich Investoren auch nicht von der wirtschaftlich schwierigen Lage abschrecken – langfristig betrachtet sind die Chancen, die Brasilien für Digitalunternehmen bietet, größer als die Gefahren durch eine kurzfristig unsichere Wirtschaftslage.

Smart City Rio de Janeiro: IoT kann Leben retten

Smart Cities, Industrie 4.0 und die Digitalisierung der Landwirtschaft – hier stecken die meisten Potentiale für die Digitalisierung. Am eingangs erwähnten Beispiel von Rio de Janeiro wird deutlich, dass IoT, also die Vernetzung von Gegenständen
und das automatische Sammeln und Auswertung von Daten, zu einer nachhaltig verbesserten Lebensqualität in den Städten führen kann.

Die US-amerikanische IT-Firma IBM hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Rio 2013 zur World Smart City und 2015 zur bestvernetzten Stadt Brasiliens gekürt wurde. Gemeinsam mit Oracle entwickelte IBM das „Centro de Operações“, ein Kontrollzentrum, in dem Verkehrsdaten (in Kooperation mit Waze), Wetterprognosen und andere Daten analysiert werden, die die fast 1000 in der Stadt verteilten Kameras und Sensoren sammeln. Anhand der Daten erfahren die Bewohner der Stadt in Echtzeit über Social Media, wo die Staugefahr am höchsten ist oder welche Viertel von Überflutungen bedroht sind – während der brasilianischen Regenzeit kann das sogar Leben retten.

Auch die unübersichtlichen und von Armut dominierten Favelas, die Google bisher nicht katalogisiert hat, profitieren von der Digitalisierung: Das französische Start-up toolz erfasst in seiner App „Smart Favela“ gemeinsam mit den Bewohnern die Gassen und Häuser und macht so einen Teil der Stadt sichtbar, der sonst gerne vergessen wird. Die App bietet sogar die Möglichkeit, sich aktiv einzumischen und Vorschläge zur kreativen Gestaltung der Gebiete zu machen. Die Vernetzung sorgt also auch für mehr Demokratie und gesellschaftliche Teilhabe in Brasilien.

Große Potentiale für IoT in Landwirtschaft …

Weitere Potentiale stecken in der Landwirtschaft. Die Agrarindustrie hat traditionell einen hohen Stellenwert in Brasilien – 2015 beispielsweise waren mehr als 46 Prozent aller Exporte landwirtschaftliche Produkte; 21,5 % des Bruttoinlandsproduktes machte die Landwirtschaft aus. Dass die Digitalisierung, die Vernetzung von Maschinen und Feldern, hier besonders effektiv sein kann, liegt auf der Hand: M2M-Kommunikation kann beispielsweise helfen, die Ernteeinfuhr zu automatisieren und den Arbeitsalltag der brasilianischen Landwirte deutlich effektiver und schonender zu gestalten. Die brasilianische Regierung prognostiziert ein Wachstum von 25 % für die Produktivität brasilianischer Farmen bis 2025.

… und im Gesundheitswesen

Da, wo Brasilien vor den größten Herausforderungen steht, stecken auch die größten Potentiale für IoT. Das staatliche Gesundheitssystem Brasiliens ist überlastet. Patienten müssen oft sehr lange auf Diagnosen und Therapien warten. Digital Health könnte dazu beitragen, das System effektiver zu gestalten. Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, die Übermittlung von Krankendaten und Rezepten, die Überwachung von Körperfunktionen – all das kann durch IoT vereinfacht werden.

Zahlreiche Digitalunternehmen haben dieses Potential erkannt: Das indische Start-up Practo registriert in Rio de Janeiro Krankenhäuser, Ärzte und Labore und vereinfacht unter anderem die Terminvereinbarung. Die brasilianische Firma TNH Health befördert den Austausch zwischen Ärzten, Patienten und Wissenschaftlern. Das ebenfalls aus Brasilien stammende e-Health-Unternehmen AxisMed bietet die Technik, um Blutdruck, Blutzuckerspiegel und andere Gesundheitsdaten zu überwachen – auch in entlegenen Regionen des Landes. In Recife wurde 2017 das erste digital arbeitende Krankenhaus in Lateinamerika eröffnet. Das Unimed Refice III mit 202 Betten kommt vollständig ohne Papier aus.

Ein Land im Umschwung

Es ist deutlich: Gesundheit, Landwirtschaft, Smart Cities und Industrie – in diesen Bereichen sorgt die Digitalisierung in der Tech-Nation Brasilien für große Eruptionen; es bleibt spannend zu beobachten, wie sich das Schwellenland dadurch verändern wird.

Neugierig geworden? In weiteren Artikeln haben wir andere Tech Nations für Sie beleuchtet. Folgen Sie uns nach E-Estonia, Silicon Wadi oder Silicon Valley India.

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