Technologie, die Behinderten das Stadtleben erleichtert

Digitale Vorreiter

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Datum 05.07.2019
Lesezeit 4 Min.

Technologie, die Behinderten das Stadtleben erleichtert

Von Ed Scott-Clarke und Nell Lewis, CNN Business

(CNN Business) So manche Stadt ist selbst unter den besten Bedingungen eine Herausforderung, was die Orientierung angeht. Für Menschen mit Behinderung können sie zudem wie ein Hindernislauf und ein Irrgarten zugleich erscheinen.

Eine britische Studie zu Reisemöglichkeiten im Inland stellte fest, dass Erwachsene mit eingeschränkter Mobilität im Jahr 2017 zu 39 % weniger Reisen unternahmen als solche ohne Behinderungen. Das kann sich jedoch ändern, wenn sowohl Hilfsmittel zur Fortbewegung als auch Städte smarter werden.

Assistive Technologien, also Software oder Hardware, die behinderten Menschen bei ihren täglichen Aktivitäten helfen kann, spielen bei diesem Wandel eine wichtige Rolle. Laut Zion Market Research und Coherent Market Insights wird der Wert dieser Branche weltweit von 14 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015 auf 30,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 steigen.

Wir stellen drei High-Tech-Lösungen vor, die Menschen mit Behinderungen die Fortbewegung in Städten erleichtern sollen.

 

Ein Rollstuhl, der Treppen steigen kann

Bei José Di Felice aus der Schweiz sind seit einem schweren Motorradunfall vor drei Jahren beide Beinen und ein Arm gelähmt.

Während er sich an das Leben im Rollstuhl gewöhnte, wurde ihm klar, dass Treppen im Alltag das größte Hindernis darstellten. Er suchte auf YouTube nach möglichen Alternativen und entdeckte Scewo. Das Startup hat einen Rollstuhl entwickelt, der mit einem Smartphone gesteuert werden kann. Der Rollstuhl kann sich auf verschiedenen Untergründen bewegen und verfügt über spezielle Gummiketten zum Treppensteigen.

Di Felice beantragte eine Testfahrt und konnte kurze Zeit später die Rathaustreppe in seiner Heimatstadt im Rollstuhl erklimmen. „Es war wirklich bewegend, diese Treppe hochzusteigen, nach unten zu schauen und mir klarzumachen, dass so etwas tatsächlich möglich ist“, sagt er.

Der Rollstuhl soll bis Ende 2019 zur Auslieferung an mögliche Nutzer bereit stehen. Di Felice wird das Produkt dabei als einer der Ersten erhalten.

„Wir können nicht darauf warten, dass überall Rampen gebaut werden“, erklärt Bernhard Winter, CEO und Gründer von Scewo, zum Thema innerstädtische Mobilität. „Deshalb haben wir dieses Produkt entwickelt. Es soll wieder mehr Mobilität und Freiheit ermöglichen.“

 

Eine Roboter-Exomuskulatur

Auch Technologie zum Anziehen wird immer komplexer und anspruchsvoller. Das Startup MyoSwiss aus Zürich hat Robotikkomponenten und Textilien kombiniert, um einen „Exomuskelanzug“ zu entwickeln.

Der Robotikanzug wiegt weniger als 5 Kilogramm. Er bietet eine zusätzliche „Muskelschicht”, die Menschen mit beeinträchtigter Mobilität bei Bewegungen unterstützt und ihnen eine bessere Stabilität ermöglicht. Mithilfe von Sensoren an Knien und Hüfte erkennt der Anzug Bewegungen, die der Benutzer machen möchte – und liefert die entsprechende Unterstützung.

„Der Anzug hilft Menschen, die im Alltag zusätzliche Kraft oder Unterstützung brauchen“, erklärt Jamie Duarte, CEO von MyoSwiss. „[Er ist] für Menschen gedacht, die noch über einen gewissen Grad an Bewegungsfähigkeit verfügen, aber eventuell beim Aufstehen von einem Stuhl oder beim Treppensteigen Schwierigkeiten haben.“

In diesem Jahr ermöglichte das MyoSuit zwei Menschen mit eingeschränkter Mobilität die Teilnahme am Teamrun des Zürich Marathon.

 

Smarter Gehstock

Eine weitere Technologie mit dem Potenzial, das Leben von Menschen mit körperlichen Einschränkungen zu verbessern, ist ein von den Ingenieuren an der Young Guru Academy (YGA) in der Türkei entwickelter smarter Gehstock.

Der WeWALK-Gehstock ist mit einem Ultraschallsensor ausgestattet, der Hindernisse oberhalb der Brusthöhe entdeckt und warnt Benutzer über Vibrationen. Der Gehstock kann mit einem Smartphone verbunden werden, um beim Navigieren zu helfen. Ein Sprachassistent sowie Google Maps sind ebenfalls integriert.

Der Weltgesundheitsorganisation zufolge gibt es weltweit 39 Millionen blinde und eine weitere Viertelmilliarde sehbehinderte Menschen.

„Wir sprechen dieser Tage bereits über fliegende Autos“, sagt Kursat Ceylan, CEO und Gründer von WeWALK, „aber diese Menschen benutzen immer noch einen einfachen Gehstock.“

Ceylan ist von Geburt an blind. Er erklärt, wie der Gehstock durch die Verbindung mit dem Internet der Dinge und mit smarten Stadtlösungen benutzerfreundlich wird.

„Als Blinder kann ich an der U-Bahn-Station nicht erkennen, welchen Ausgang ich benutzen muss … Ich sehe nicht, welcher Bus gerade kommt … Ich weiß nicht, welche Geschäfte es in der Nähe gibt. Diese Art von Informationen kann der WeWALK verfügbar machen“, führt er aus.

Aber werden diese High-Tech-Lösungen auch verfügbar sein?

„Dies alles sind wirklich großartige Initiativen, die für einige Leute einen enormen Unterschied bedeuten werden“, so Anna Lawson, Leiterin des Center for Disability Studies an der Universität Leeds, Großbritannien.

„Aber sie sind sehr teuer … für die überwiegende Mehrheit behinderter Menschen werden sie einfach nicht erschwinglich sein“, fügt sie hinzu.

Bryan Matthews, ein Dozent am Institute for Transport Studies der Universität Leeds, hat dieselben Bedenken bezüglich der Kosten. Außerdem, so meint er, sollte ein Schwerpunkt auf inklusivem Design liegen.

Jedenfalls ist alles, was Menschen hilft, sich in ihrem Umfeld besser fortbewegen zu können, von Vorteil.

„Wenn behinderte Menschen sichtbarer und als Teil des Mainstreams gesehen werden, fördert dies sowohl das Verständnis und die Empathie in der Gesamtbevölkerung“, so Matthews.

 

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