Sind Kleinstädte die smartesten Städte?

Digitale Vorreiter

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Datum 01.04.2019
Lesezeit 4 Min.

Sind Kleinstädte die smartesten Städte?

Von Nell Lewis, Carla Howe und Jenny Marc, CNN Business

 

(CNN) Wenn von urbaner Transformation die Rede ist, denken Sie vermutlich an Hochhaus-Megastädte wie Shanghai, Dubai oder Hongkong. Oder vielleicht an San Francisco und das Silicon Valley, wenn es um technologische Fortschritte geht.

Tatsächlich sind es jedoch oft ganz unerwartete Städte, die in dieser wachsenden urbanen Revolution in der ersten Reihe stehen.

So zum Beispiel Kalasatama, eine Stadt, die in einem Randgebiet von Helsinki in Finnland völlig neu errichtet wird. Laut Bauplanern werden die Einwohner nach Fertigstellung 2030 durchschnittlich eine Stunde am Tag nur dadurch gewinnen, dass sie dort wohnen.

Die Bewohner von Kalasatama werden auf dem Weg zur oder von der Arbeit nie wieder hinter einem Müllwagen im Stau stecken. Ingenieure haben stadtweit ein Vakuum-Müllentsorgungssystem installiert. Müll wird einfach an eine Sammelstelle gebracht und dort in ein unterirdisches Entsorgungszentrum gesogen.

Sogar der Grundriss der Stadt hilft, Zeit (und somit Geld) zu sparen. Öffentliche Dienste wie Schulen, Krankenhäuser und Verkehrsmittel liegen nahe beieinander und sind leicht zugänglich.

„Fünf Minuten länger im Park spazierengehen, fünf Minuten mehr mit den Kindern verbringen, bevor ich zur Arbeit muss, fünf Minuten früher nach Hause kommen, weil die Fahrt unkomplizierter ist“, führt Kerkko Vanhanen, der Programmdirektor für Smart Kalasatama, im Gespräch mit CNN aus.

„Ihr Leben wird einfacher, wenn Sie in der funktionsfähigsten Stadt der Welt wohnen“, fügt er hinzu.

Aktuell leben allerdings nur 3.500 Menschen in Kalasatama. Bis 2030, so hoffen die Bauplaner, wird es 25.000 Einwohner und 10.000 neue Arbeitsplätze geben.

 

Stadtansicht der finnischen Stadt Kalasatama

Die finnische Stadt Kalasatama in der Nähe von Helsinki kann als Vorreiter einer effizienten Smart City gelten.

Foto: Courtesy City of Helsinki

 

Urbanisierung

Laut einem UN-Bericht 2018 werden bis 2050 erwartungsgemäß 68 % aller Menschen in Stadtgebieten leben. Städtische Expansion und Innovation sind somit unerlässlich.

Neu ist dieses Phänomen nicht. Derartige Transformationen gibt es bereits seit Jahrhunderten, von der Stadtplanung in Mesopotamien bis hin zu den Kanalsystemen des 17. Jahrhunderts in Amsterdam, die zur Verteidigung und zum Wassermanagement errichtet wurden.

Heute dreht sich diese Entwicklung allerdings weniger um Infrastruktur und stattdessen um ein vernetztes System von Geräten, auch das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) genannt.

Das IT-Unternehmen Cisco definiert das Internet der Dinge als den Zeitpunkt, zu dem mehr Dinge oder Objekte an das Internet angeschlossen waren als Menschen. Bis 2020 werden nach Schätzungen des Unternehmens 50 Milliarden „Dinge“ miteinander kommunizieren.

Mit der Umstellung auf 5G und Hochgeschwindigkeitsbandbreiten besteht jetzt die Möglichkeit, dass das Internet der Dinge Städte praktischer und bequemer macht – beispielsweise indem es Technologien wie Verkehrssensoren oder autonome Drohnen ermöglicht.

 

Stadtansicht von Amsterdam im Winter

Amsterdam leistet mit seinem innovativen, offenen Datenansatz einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung smarter Citys.

Foto: AFP/Getty Images

 

Neues trifft auf Altes

Städte müssen nicht speziell zweckgebaut werden, damit dieses Potenzial ausgeschöpft werden kann. In der historischen Felsenstadt Matera in Süditalien laufen längst die Vorbereitungen, um die Stadt zu einer der ersten 5G-fähigen in Europa zu machen.

5G soll helfen, Matera zu einem Zentrum für den digitalen Tourismus zu machen. Mit Technologie wie beispielsweise virtueller Realität soll das kulturelle und künstlerische Erbe der Stadt zur Geltung gebracht werden, die zur Europäischen Kulturhauptstadt 2019 gewählt wurde.

„Diese Gegend hat einen echten Wiederaufschwung erlebt. Ziel ist es, die Stadt vor allem als Zentrum für den Tourismus aufzustellen, aber auch als einen Ort für Investitionen in eine Industrie“, erklärt Jonathan Reichental, Experte für neue Technologietrends in städtischen Umgebungen.

 

Die antike italienische Stadt Matera

Die antike italienische Stadt Matera will eine der ersten 5G-Städte in Europa werden.

Foto: Vittorio Zumino Gelotto/Getty Images Europe

 

Bürgerdaten

Hightech macht das Leben einfacher. Der Preis ist jedoch das Offenlegen personenbezogener Daten.

„Daten zu Ihrer Person werden zum Erbringen aller möglichen Dienstleistungen genutzt, sowohl öffentlicher als auch privater. Und es herrscht Besorgnis darüber, was das für den Schutz der Daten Einzelner bedeutet“, so Reichental.

Im Zuge der Entwicklung von smarten Städten müssen staatliche Stellen das Vertrauen von Bürgern gewinnen, um deren Daten verantwortungsbewusst nutzen zu können, so Udo Kock, stellvertretender Bürgermeister von Amsterdam. Ein Open-Data-Programm ist nur einer der Faktoren, die die Stadt zu einer der innovativsten Umgebungen in Europa machen.

„Stellen Sie sich smarte Städte nicht nur als Technologielösung vor, sondern auch als eine Art Kollaboration. Beziehen Sie Gemeinden ein, beziehen Sie die Bürger ein. Es ist überaus wichtig, dass Regierungsstellen mit Unternehmen und Privatbürgern zusammenarbeiten“, so Kock.

 

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