Müdigkeitserkennung im Auto der Zukunft: KI und Kameras

Digitale Vorreiter

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Datum 04.02.2020
Lesezeit 4 Min.

Müdigkeitserkennung im Auto der Zukunft: KI und Kameras

Von Nell Lewis, CNN Business

(CNN Business) Wer ein Fahrzeug führt, muss sich jederzeit voll auf den Straßenverkehr konzentrieren.

Ablenkungsfaktoren wie Smartphones, Rauchen, Musik oder Essen im Auto sind für 30 Prozent aller Unfälle im Straßenverkehr verantwortlich. Weitere 20 Prozent gehen laut Angaben der Europäischen Kommission zur Verkehrssicherheit auf das Konto von Müdigkeit.

Aus diesem Grund müssen sämtliche Neufahrzeuge in der EU ab 2022 mit aktuellen Sicherheitsvorrichtungen ausgestattet werden. – darunter Warnsysteme zur Früherkennung von Müdigkeit und gegen Ablenkung des Fahrers.

Bosch ist einer der wichtigsten deutschen Anbieter solcher Technologien und positioniert sich umfassend in diesem Bereich. Erst im Dezember 2019 kündigte der Hersteller an, dass aktuell ein ausgefeiltes Innenraum-Überwachungssystem entwickelt wird. Dieses soll erschöpfte und abgelenkte Fahrer – und noch so manches mehr – erkennen können.


Das System, welches ab 2022 in Neufahrzeugen zum Einsatz kommen soll, verwendet Kameras und greift auf Verfahren der künstlichen Intelligenz (KI) zurück. Es erkennt automatisch, wenn die Augenlider des Fahrers schwer werden, oder ob dieser aktuell von einem Smartphone oder anderen Mitfahrern abgelenkt wird.

Der Erkennungs-Algorithmus wird mit Hilfe von Aufnahmen realer Fahrsituationen trainiert. Der Grad der Müdigkeit wird anhand der Augenlid-Position des Fahrers und über die Zwinker-Frequenz bewertet.

Annett Fischer, Sprecherin für den Bereich Mobility Solutions bei Bosch, kommentierte dies gegenüber CNN Business wie folgt: „Auf Grundlage dieser Fülle an Informationen kann das System zuverlässig feststellen, ob jemand müde wird. In diesem Fall erfolgt beispielsweise das Öffnen und Schließen der Augen wesentlich langsamer als sonst.”

In diesem Fall übermittelt das System eine Warnung an den Fahrer, schlägt im Falle von Müdigkeit eine Pause vor oder reduziert gar die Fahrgeschwindigkeit.

Die Art und Weise der Benachrichtigung – ob nun in Form von Alarmtönen, Lichtsignalen, Abbremsen des Fahrzeugs oder eines vibrierenden Lenkrads – hängt jeweils von den Wünschen und Vorlieben der Autohersteller ab. Diese können das KI-Kamera-Überwachungssystem individuell auf ihre Marke und ihre Kunden anpassen, so Fischer.

 

Video: YouTube / ARD

 

Intelligente Aufmerksamkeits-Assistenten können Leben retten

Mehr als eine Million Menschen sterben jährlich bei Verkehrsunfällen – so zumindest hat es die Weltgesundheitsorganisation in ihrem globalen Statusbericht zum Thema Verkehrssicherheit im Jahr 2018 festgehalten. Autofahrer, die während der Fahrt ein Smartphone verwenden (egal, auf welche Weise) erhöhen das Risiko eines Unfalls um das Vierfache. Fahrer, die während der Fahrt Textnachrichten verfassen, erhöhen das entsprechende Risiko laut WHO-Schätzungen sogar um den Faktor 23.

Ermüdung während der Fahrt ist insbesondere bei Berufskraftfahrern ein großes Problem, so Joshua Harris, Kampagnenmanager bei Brake, einer britischen Charity-Organisation zum Thema Verkehrssicherheit gegenüber CNN Business.

„Die Fahrer verbringen lange Zeitabschnitte hinter dem Steuer und führen dabei häufig schwere und große Fahrzeuge. Im Falle eines Unfalls können diese für erhebliche Kollateralschäden verantwortlich sein.”

„Wenn wir für eine Welt ganz ohne Todesfälle oder ernsthafte Verletzungen im Straßenverkehr eintreten wollen, muss das Thema Technologie eine große Rolle spielen. Fortschrittliche, neue Systeme zur Verbesserung der Verkehrssicherheit – insbesondere solche zur Erkennung von Müdigkeit – halten wir für eine sehr sinnvolle Entwicklung.”, so Harris.

Bosch ist nicht der erste Hersteller weltweit, der sich mit diesem Thema beschäftigt. Die australische Firma Seeing Machines stellte ihr eigenes System zur Fahrerüberwachung 2018 im Cadillac CT6 vor. Das Unternehmen Smart Eye Automotive Solutions aus Schweden wiederum hat ein ähnliches System für Geely, einen der größten chinesischen Autobauer, entwickelt.

Dudley Curtis, Kommunikationsverantwortlicher beim Europäischen Rat für Transportsicherheit (ETSC), sieht die Gesamtentwicklung ähnlich. Auch er ist überzeugt, dass derartige Systeme langfristig gesehen helfen können, Unfallzahlen zu reduzieren.

„Es wird allerdings eine lange Zeit dauern, bevor diese Technologie in sämtlichen Fahrzeugen eingesetzt wird”, warnt er. „In der Zwischenzeit müssen wir das Problem auch aus anderen Perspektiven heraus angehen.”

Ein Beispiel sind die derzeit geltenden maximalen Lenkzeiten in Europa von maximal neun Stunden am Stück – hier empfiehlt er stärkere Kontrolle und Regulierung der Grenzwerte.

Doch selbst mit entsprechenden Unterstützungssystemen an Bord ist keine totale Sicherheit gegeben. Eine gewisse Problematik besteht darin, dass sich Fahrer auf derartige Systeme „zu sehr” verlassen. „Wer ein Fahrzeug führt, ist immer noch selbst dafür verantwortlich, seine volle Aufmerksamkeit und Konzentration auf das Verkehrsgeschehen zu richten – Assistenzsysteme hin oder her.”, so Curtis.

 

Müdigkeitserkennung via KI und das Thema Privatsphäre

Weitere Bedenken hinsichtlich solcher Systeme betreffen das Thema Privatsphäre. Immerhin sammeln kamerabasierte Überwachungssysteme viele persönliche Daten über Fahrer und Passagiere eines Fahrzeugs.

Laut Aussage von Bosch sollen derartige Daten ausschließlich im Fahrzeug selbst zur Verfügung stehen und dort ausgewertet werden. Eine Weiterleitung an Bosch oder Dritte sowie eine (dauerhafte) Speicherung der Daten erfolge nicht. Fischer fügt hinzu, dass für die Speicherung derartiger Informationen zunächst die Einwilligung des Fahrers eingeholt werden müsste.

Curtis wiederum ist der Ansicht, dass Transparenz für das Kundenvertrauen die wesentliche Grundlage bietet. Er empfiehlt daher den Autobauern, die Funktionsweise der Technologie detailliert zu erläutern. Dabei sollten sie auch darauf eingehen, wie Daten erhoben und ausgewertet und wie lange sie gespeichert werden. „Wenn so etwas das Leben der Fahrzeuginsassen und das anderer Verkehrsteilnehmer retten kann, sollte sich die Akzeptanz mehr oder weniger von alleine einstellen”, fügt er hinzu.

 

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