Digitale Vorreiterinnen Teil 7: Dr. Vedrana Högqvist Tabor im Interview

Digitale Vorreiter

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Datum 20.12.2019
Lesezeit 6 Min.

Digitale Vorreiterinnen Teil 7: Dr. Vedrana Högqvist Tabor im Interview

Frauen in Führungspositionen sind in deutschen Unternehmen immer noch die Minderheit. Doch: Warum ist das so und was kann dafür getan werden, damit sich das ändert? Wie sieht es in anderen Digitalunternehmen aus? In unserer Serie „Digitale Vorreiterinnen“ werfen wir einen Blick über den Tellerrand und haben verschiedene erfolgreiche Frauen zu ihrem Berufsalltag in innovativen Unternehmen befragt.

Die Wissenschaftlerin Dr. Vedrana Högqvist Tabor arbeitet seit 15 Jahren in der akademischen Forschung und in den letzten fünf Jahren im Bereich der digitalen Gesundheit. Sie ist Mitbegründerin von Boost Thyroid, der weltweit größten Community und Lösung für Menschen mit der Schilddrüsenerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis. Weltweit sind rund 350 Millionen Menschen davon betroffen – Frauen erkranken etwa neunmal häufiger an einer Hashimoto-Thyreoiditis als Männer. Dennoch ist die Krankheit weitgehend unbekannt und verhältnismäßig schlecht erforscht. Högqvist Tabor hat mit ihrem Start-up eine App entwickelt, die das ändern soll. Nicht ohne Grund zählt das Wirtschaftsmagazin Forbes Boost Thyroid bereits zu den 53 wichtigsten, von Frauen geführten Health-Tech-Unternehmen. Im Interview mit featured Business spricht Högqvist Tabor über ihre Mission, was sie inspiriert und wie sie mit Hilfe ihrer App Gerechtigkeit in das Gesundheitswesen bringen möchte.  

Dr. Vedrana Högqvist Tabor

Dr. Vedrana Högqvist Tabor

Unternehmen: Boost Thyroid

Position: CEO und Co-Founder

Was ist Ihre aktuelle Position in Ihrem Unternehmen?  

Ich bin CEO und Co-Gründerin des Health-Tech-Unternehmens Boost Thyroid. Unsere Vision ist es, dass alle Patienten die unter einer Schilddrüsenunterfunktion leiden, die gleichen Gesundheitschancen bekommen.

Unser Unternehmen entwickelte eine kostenlose Smartphone-App und gründete eine Community für Menschen mit der Schilddrüsenerkrankung Hashimoto. Mit Hilfe unserer App bringen wir Patienten und Forschung zusammen – die Health-App kombiniert einen wissenschaftlichen Ansatz mit Funktionen, die den Nutzern dabei helfen, Symptome zu erkennen und die Krankheit besser zu verstehen.

Boost Thyroid will durch die Bereitstellung dieser wissenschaftlichen Informationen insbesondere die Patientengemeinschaft stärken, die Forschung unterstützen und zur Entwicklung neuer technologischer Ansätze zur Verbesserung der personalisierten Medizin beitragen. Ebenso kann die App bei Patienten- und Arztgesprächen unterstützend sein. Das Unternehmen wird durch die Finanzierung der Europäischen Kommission im Rahmen von Horizon 2020, das Bundesministerium für Bildung und Forschung, sowie durch prominente skandinavische Investoren und durch den F-LANE-Accelerator des Vodafone Institutes unterstützt.

Wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Berufsleben aus?

Einen typischen Arbeitsalltag habe ich nicht wirklich. Da wir ein Start-up in der Frühphase sind, hängt mein Tag davon ab, welche Aufgaben gerade zu erledigen sind und wo ich gerade den sprichwörtlichen Hut aufhabe. Viel Zeit verbringe ich mit Planungen, aber noch öfter bestehen meine Tage aus konkreten Ausführungen – wissenschaftlichem Schreiben, Recherchieren, Einchecken im Team, Arbeiten am Produkt und der Kommunikation mit Boost Thyroid-Benutzern. Ich versuche immer noch jede E-Mail von unseren Benutzern zu beantworten. Der Austausch ist wichtig, denn neben meinen Teammitgliedern sind es unsere App-Nutzer, von denen ich am meisten lernen kann.

Was begeistert Sie an Ihrer jetzigen Position?

Ein Problem zu lösen und natürlich die Menschen, mit denen ich arbeite. Es ist ein Privileg für mich, das zu tun, was ich gerade mache und dass ich das Glück habe mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ich sehr bewundere. Wir haben die Möglichkeit, die Gesundheitsversorgung zu verändern und das Leben von Millionen von Menschen zu verbessern. Ich finde das ermutigend und aufregend.

Was inspiriert Sie? Wie bleiben Sie up-to-date?

Erfolg inspiriert mich – unser Erfolg und der Erfolg anderer interessanter Menschen und Unternehmen.

Die Zukunft unseres Unternehmens inspiriert mich ebenso. Wie es uns künftig gelingen wird, die Fortschritte in der Technologie – insbesondere des maschinellen Lernens – nutzen zu können, um eine frühzeitige Diagnose chronischer Erkrankungen zu ermöglichen. Ich freue mich, dass unser Unternehmen seinen Teil dazu beiträgt.

Gleichzeitig bin ich durch den technologischen Fortschritt motiviert. Damit erreichen wir unsere Vision, ein individuelles, präventives Gesundheitsmanagement für komplexe Erkrankungen und eine Früherkennung von Primärerkrankungen und Komplikationen zu entwickeln.

Welche Methoden helfen Ihnen, eine gute Work-Life Balance zu halten? Was hilft Ihnen dabei, mit stressigen Situationen im Arbeitsalltag umzugehen?

Produktivitäts-Tools helfen enorm. Ich benutze sie, um meine Tage und Wochen zu planen und Listen zu erstellen. Meine Familie und eine gleichberechtigte Lebenspartnerschaft helfen mir, unnötigen Stress zu vermeiden. Unsere Hunde sind beides – sowohl Verursacher als auch Helfer beim Abbau von Stress.

Welche Eigenschaften machen, Ihrer Meinung nach, einen guten Leader aus?

Eine Mischung aus mehreren Qualitäten, unterstützt von guten Charaktereigenschaften: Menschlichkeit, Geduld und Ausdauer sorgen für eine gute Basis.

Auch hängt es davon ab, von welcher Art von Führungskraft wir überhaupt sprechen. Ich propagiere Transparenz, was aber nicht immer leicht umzusetzen ist, wenn Dinge schieflaufen, da du dein Team gleichzeitig auch vor übermäßigem Stress bewahren willst.

Ich habe in den letzten Jahren gelernt, wie man Menschen dabei unterstützt autonom und sinnhaft arbeiten zu können. Es ist ein Prozess und ich entwickle mich stetig weiter. Keine ganz leichte Aufgabe, denn meine prägenden Studienjahre verbrachte ich in einer eher altmodischen und hierarchisch ausgerichteten akademischen Gemeinschaft. Die besten Führungskräfte wollen autonom agierende Teams mit einem hohen Maß an Zufriedenheit. Sie werden auch schwierige Entscheidungen treffen, indem sie ihre Fehler zugeben und vollständig anerkennen. 

Warum gibt es nach Ihrer Einschätzung so wenige weibliche Führungspersonen und Gründerinnen in Deutschland?

Deutschland ist in der Regel eine konservative und traditionelle Gesellschaft mit definierten Rollen und festen Erwartungen an Vorgehensweisen. Die Einstellungen haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich verändert. Dies führt zu ungleicher Bezahlung, was zu weniger wirtschaftlicher Unabhängigkeit führt – was wiederum das Verhältnis vieler Frauen zur Wirtschaft beeinflusst. Es ist ein Teufelskreis.

Im Vergleich zu einigen anderen Ländern in Europa, ist es auch ziemlich schwierig in Deutschland ein Unternehmen zu gründen. Deutschland ist bürokratischer und altmodischer bei der Entscheidung, welche Arten von Unternehmen unterstützt werden und wie diese geführt werden sollen. Das macht es nicht nur für Frauen, sondern auch für viele atypische Gründerinnen und Gründer schwierig. Die Werte für die Beurteilung und Beförderung einer Person sind veraltet. 90% der deutschen Investoren, mit denen ich Kontakt hatte, gingen davon aus, dass das Geschlecht eines CEO männlich sei.

Deutschland im Allgemeinen erscheint mir als eine sehr risikoscheue Gesellschaft. Hinzu kommt das allgegenwärtige Gefühl, dass sich Frauen auf die Erziehung konzentrieren sollten, sobald sie Mütter geworden sind. Daher gibt es noch einen Mangel an Unterstützung für Menschen (insbesondere Frauen), die ein eigenes Unternehmen gründen wollen.

Frauen erhalten zudem noch viele schlechte Ratschläge von altmodischen Denkern. Ich hatte einige unangenehme Gespräche mit deutschen Investoren über mich als Elternteil – mir wurde offen gesagt, dass Elternschaft ein Nachteil für mich sei.

Gleichberechtigung am Arbeitsplatz: Was würden Sie sich in Zukunft wünschen oder was würden Sie sofort ändern, wenn Sie die Möglichkeit hätten?

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit und eine Quoten-Einführung für hochrangigen Positionen. Lieber heute als morgen.

Wenn Sie jungen Frauen einen Karriereratschlag geben könnten, wäre das …

Tue bemerkenswerte Dinge mit bemerkenswerten Menschen. Das Leben ist zu kurz, um dein Talent, deine Energie und deinen guten Willen für etwas anderes einzusetzen.

  • Konzentriere dich auf das, was du tun wirst. Reduziere Zeit- und Energieverschwendung.
  • Unterstützt euch gegenseitig: Eine unterstützende Gemeinschaft und ein Netzwerk zu haben, an das man sich wenden kann, ist sehr hilfreich.
  • Sei beharrlich: In den ersten Tagen deiner Karriere wirst du vielleicht stündlich herausgefordert. Es gibt Zeiten, in denen nichts zu funktionieren scheint. Das ist normal und es ist eine Phase.
  • Hab‘ eine gute Work-Life-Balance: Du musst gesund und bereit sein, deinen Job für eine lange Zeit zu tun, also vermeide Burnout.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Tag lang Digitalkönigin von Deutschland. Welchen analogen Prozess würden Sie sofort digitalisieren? 

Das Gesundheitswesen. Das Gesundheitswesen muss dringend digitalisiert werden. Es bedarf auch einer Dezentralisierung des Wissens. Die Ärzte sind stark gefordert und die Patienten haben mit chronischen Erkrankungen zu kämpfen. Technische Hilfsmittel in der digitalen Gesundheit werden immer noch nicht ausreichend genutzt. Healthtech ist vielleicht nicht so fortschrittlich wie andere Technologiebranchen – zum Beispiel Gaming, Werbung oder Finanzen. Healthtech bringt viele zusätzliche Sicherheits-, Datenschutz- und ethischen Aspekte mit sich, die es schwierig machen, mit der gleichen Geschwindigkeit voranzukommen. Digitale Lösungen können helfen, indem sie einfach die Tatsache nutzen, dass der Patient selbst die beste Datenquelle ist – und zwar für die Entwicklung der effektivsten präventiven Strategien im Gesundheitsmanagement. Digitale Werkzeuge ermöglichen es den Patienten, die eigene Krankheit besser zu verstehen. Und vielleicht noch wichtiger ist die Unterstützung des Arzt-Patienten-Verhältnisses.

Was macht für Sie einen digitalen Vorreiter aus? Was bedeutet Digitalisierung/Digitalkompetenz für Sie?

Healthtech ist ein Pionier des Gesundheitswesens. Es führt zu einer Stärkung des Mitsprache- und Mitbestimmungsrechtes von Patienten und leistet massive Beiträge zur Forschung. Nur so können integrative, dauerhafte und erfolgreiche Gesundheitslösungen entwickelt werden, die über das gesamte Anforderungsspektrum hinweg angewendet werden können.

Was Sie sonst noch loswerden wollen: 

Offenheit für neue Technologien und Lösungen ist eines der Markenzeichen der skandinavischen Gesellschaft. Von einer größeren Offenheit könnte auch Deutschland profitieren, denn Offenheit ist ein Erfolgsrezept für den Aufbau von Unternehmen der Zukunft.

 

Mehr Digitale Vorreiterinnen finden Sie auf featured Business. Hinterlassen Sie uns auch gerne einen Kommentar

 

Photo by BIH / Thomas Rafalzyk

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