Zwei Menschen beraten sich
Auf ein Wort

Die Medizintechnik der Zukunft ist vernetzt

Im Gesundheitsbereich gibt es riesiges Digitalisierungspotenzial. Gleichzeitig stellt die Branche hohe Anforderungen an die verwendete Technologie. Wie die Digitalisierung gelingen kann und welche Vorteile für Patienten sich daraus ergeben, verrät Peter Heiniger von Medisanté.

„Wir brauchen ein zuverlässiges Netz, um die Daten zu unseren Servern zu leiten.“

Peter Heiniger, Gründer von Medisanté

Herr Heiniger, wie kam es zur Gründung von Medisanté? 

Das Unternehmen habe ich gegründet, weil vorher eine zuverlässige Anbindung von Patienten zur Erfassung medizinisch relevanter Daten nicht möglich war. Es hatte sich gezeigt, dass die Anbindung per WiFi nicht zuverlässig funktioniert. Viele Patienten sind technisch einfach nicht genug bewandert, um zum Beispiel ein Blutdruckmessgerät mit einem Tablet zu verbinden. Das war dann wie ein Wackelkontakt zu jedem Patienten. Wir mussten also auf Technologien umstellen, die immer funktionieren. Und da bot sich Mobilfunk an. Gestartet sind wir in der Schweiz, arbeiten in Europa aber zum Beispiel auch an Projekten in Frankreich und Deutschland. Außerdem gibt es Pilotprojekte im Mittleren Osten und auch in den USA. Insbesondere wegen der in den verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich geregelten Krankenkassen-Erstattungen müssen wir dazu immer die genaue Situation vor Ort analysieren und berücksichtigen.

Wie sehen Ihre Aktivitäten insbesondere in Deutschland aus? 

Wir glauben, dass 2020 ein spannendes Jahr in Deutschland wird, weil die Digital-Healthcare-Initiative von Gesundheitsminister Jens Spahn dann hoffentlich einschlagen wird. Und wir sehen uns in diesem Bereich in der Poleposition. Denn im Zentrum unserer Lösung steht ein „Medical Data Exchange Center“ – eine Art Hub, der die Daten der Patienten mit einer klinischen Software verbindet. Dabei spielt Vodafone eine sehr wichtige Rolle, denn wir brauchen ein zuverlässiges Netz, um die Daten zu unseren Servern zu leiten.

Messgerät
Messgerät

Die Vodafone-SIM-Karte als Enabler: Moderne Netzwerktechnologien sorgen für die zuverlässige Verbindung der Medisanté-Messgeräte.

Die Vodafone-SIM-Karte als Enabler: Moderne Netzwerktechnologien sorgen für die zuverlässige Verbindung der Medisanté-Messgeräte.

„Wer heute vernetzte Healthcare-Lösungen konzipiert, dem ist klar, dass er am besten direkt auf 5G setzt, um von der modernsten und leistungsfähigsten Mobilfunktechnik zu profitieren.“

Das klappt ja – etwa in der Schweiz – heute schon mit den aktuellen, älteren Mobilfunkstandards. Welche Vorteile erwarten Sie für Ihr Geschäft von 5G? 

Für unsere Anwendungen geht es weniger um Highspeed- Datenübertragungen oder kürzeste Latenzen. Für uns hochinteressant sind die Möglichkeiten, Mobilfunkgeräte mit extrem geringem Stromverbrauch zu betreiben, sowie eine hohe Durchdringung von Gebäuden. All dies wird 5G in weiterer Zukunft leisten. Auf kürzere Sicht ist für uns aber auch das als Zwischenschritt zwischen 4G und 5G realisierte Narrowband-IoT sehr spannend. Mit einer 2G-Datenverbindung sind mit einer typischen Batterie in einem medizinischen Endgerät vielleicht 200 Messungen möglich. Mit Narrowband-IoT werden es 1.500 Messungen. Und, ebenso wichtig: Statt das Mobilfunkmodul zum Stromsparen nach jeder Messung abschalten zu müssen, kann es immer empfangsbereit bleiben. So lässt sich das Gerät für die Anpassung von Einstellungen oder Updates jederzeit erreichen.

Sehen Sie dennoch auch Anwendungsgebiete, die von den hohen Datenraten und geringen Latenzen von 5G profitieren würden? 

In einem modernen Schweizer Spital finden Sie bis zu 12.000 Geräte, die im Netz hängen. Wenn Sie das per WLAN realisieren, brauchen Sie schnell 350 Repeater. Solche Installationen sind sehr teuer und dennoch fehleranfällig. Nach der Umstellung auf 5G werden ein oder zwei 5G-Repeater im Krankenhaus ausreichen. Über unser Backend können wir die Geräte dann direkt ans klinische Informationssystem anbinden, die Zuverlässigkeit stellen wir mit Network Slicing sicher. Bei einer durchschnittlichen Lebensdauer klinischer Geräte von 10 bis 15 Jahren können die Klinken natürlich nicht alle sofort auf 5G umstellen. Aber dazu lassen sich „virtuelle Kabel“ etwa an alten seriellen Schnittstellen anschließen, die dann über 5G die Verbindung zum Netz herstellen. 

Wenn wir noch etwas weiter in die Zukunft blicken, könnten wir uns beispielsweise vorstellen, dass die Bedienerführung, das User Interface, auf einem komplexeren medizinischen Endgerät nicht mehr lokal läuft, sondern zentral in einer Cloud. Der Vorteil einer solchen Vision wäre, dass alle Geräte immer auf dem aktuellsten Softwarestand sind und wir neue Features zentral für alle angeschlossenen Geräte ausrollen könnten. Um dahin zu kommen, sind allerdings noch einige regulatorische und architektonische Hürden zu überwinden. 

Irgendwann ist 5G dann in allen klinischen Geräten eingebaut? 

Das nun auch wieder nicht. Eine Mobilfunkanbindung in fest installierten Geräten wie einem Computer-Tomografen ergibt schlicht keinen Sinn, hier stört kein Netzwerkkabel. Aber überall da, wo medizinische Geräte fahrbar beziehungsweise portabel und insbesondere „wearable“ sind, wie bei Ultraschall- oder tragbaren EKG-Geräten, könnte es schon in diese Richtung gehen.

Es gibt im Übrigen noch einen anderen Trend, der in diese Richtung weist: Es ist bekannt, dass Patienten umso früher gesund werden, je früher sie wieder zu Hause sind. Mit vernetzter Medizintechnik muss der Patient nicht so lange im Krankenhaus bleiben, nur damit bestimmte Vitaldaten überwacht werden können. Und auch aus wirtschaftlicher Sicht ist dieses Thema hochinteressant. Industrienationen geben rund zehn Prozent ihres Bruttoinlandprodukts für Healthcare aus. In Deutschland sind es 12 Prozent, in der Schweiz 13 Prozent und in den USA sogar 18 Prozent. Das ist ein Riesenmarkt, der gleichzeitig ein hohes Digitalisierungsdefizit aufweist. 

Mobiltelefon auf dem Tisch

Schon heute ist im Bereich Telemedizin viel möglich – eine echte Hilfe für Patienten, die unter chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes leiden.

Mobiltelefon auf dem Tisch

Schon heute ist im Bereich Telemedizin viel möglich – eine echte Hilfe für Patienten, die unter chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes leiden.

Blutmessung
Blutmessung

„Mit vernetzter Medizintechnik muss der Patient nicht so lange im Krankenhaus bleiben, nur damit bestimmte Vitaldaten überwacht werden können.“

Also glänzende Aussichten für Medisanté? 

Auf jeden Fall. Aber es gibt natürlich auch Herausforderungen. Healthcare ist kein „First Mover“ – man wartet gerne ab, wie sich technische Lösungen in anderen Einsatzbereichen bewähren. Das A und O werden deshalb stabile Netze mit einer hohen Abdeckung sein. Ich stelle im Markt aber auch fest, dass das Thema 5G eine ganz neue Aufmerksamkeit für vernetzte Healthcare-Lösungen gebracht hat. Wer heute solche Lösungen konzipiert, dem ist klar, dass er am besten direkt auf 5G setzt, um von der modernsten und leistungsfähigsten Mobilfunktechnik zu profitieren. 

Telemonitoring – So hilft die Digitalisierung Ärzten und Patienten: