Auf in die Zukunft

Eine Krise mit Lichtblicken

Die Corona-Krise hat sämtliche gesellschaftliche Bereiche zum Stillstand gezwungen. Was sind die Folgen? Und kann die Digitalisierung uns dabei helfen, der Krise sogar etwas Positives abzugewinnen?

Die globale Corona-Krise hat bereits jetzt gewaltige gesellschaftliche Transformationsprozesse ausgelöst. Im Moment lässt sich nur schwer vorhersagen, wie nachhaltig diese Veränderungen sein werden. Die enorme Entschleunigung ganzer Branchen geht einher mit der rasanten Entwicklung anderer Bereiche, besonders im Zusammenhang mit digitalen Technologien und onlinebasierten Geschäftsmodellen. 

Es sind zwei Trends zu erkennen: Während sich viele nach einer raschen Wiederherstellung der Vor-Corona-Ordnung sehnen, nutzen andere die disruptiven Auswirkungen der Pandemie, um eine tiefreichende Umstrukturierung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse herbeizuführen. 

Wir haben uns auf Spurensuche durch sämtliche Branchen begeben, um die Zeichen der Zeit zu erkennen, einen Blick in die nahe Zukunft zu wagen und herauszufinden, welcher der beiden Trends die Oberhand gewinnen könnte.

„Die Behauptung, der E-Commerce würde pauschal als Gewinner aus der Corona-Pandemie hervorgehen, ist schlicht falsch.“

Gero Furchheim, Präsident des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel Deutschland

Digitale Solidarität 

Der E-Commerce-Bereich gilt als einer der wenigen Gewinner der Corona-Krise – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Aber was sagen die Zahlen? 

Eine Studie des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH) scheint die Erwartungen auf einen Boom des Onlinehandels stark zu dämpfen: 20 Prozent weniger Umsatz wurden im März gegenüber dem Vorjahr verzeichnet. Dazu erklärte BEHV-Präsident Gero Furchheim dem Onlinemagazin Adzine: „E-Commerce ist heute ein normaler Einkaufskanal. Deshalb wirkt sich solch eine Krise in der Konsumstimmung voll auf unsere Branche aus. Die Behauptung, der E-Commerce würde pauschal als Gewinner aus der Corona-Pandemie hervorgehen, ist schlicht falsch.“

Wahr ist: Selbst digitale Platzhirsche wie Zalando müssen aktuell hohe Verluste vermelden, mittelfristig könnte sich das aber noch ändern. Nach der ersten Pandemiewelle ist ein Neustart des E-Commerce-Bereichs nicht nur denkbar, sondern wahrscheinlich unvermeidbar. Filialisten und Geschäfte werden nach Lösungen suchen müssen, um mit den vorhersehbaren Einschränkungen der kommenden Monate umzugehen. Dabei werden digitale Anwendungen sicher ein Schlüsselelement des Neustarts darstellen.

Ein spannendes Beispiel liefert hier die App Small Business Hero, mit der sich Nutzer durch kleine Läden in ihrer Nachbarschaft scrollen, deren Sortiment online durchstöbern oder einfach nur etwas spenden können. Die Plattform ist eines der Siegerprojekte des Hackatons #WirVsVirus, den die Bundesregierung gemeinsam mit wichtigen digitalen Initiativen wie D21 und dem Impact Hub Berlin veranstaltet hat. Unter den Mitwirkenden: Anja Hendel, ehemals Digitalexpertin bei Porsche, heute Mitgeschäftsführerin der VW-Tochter diconium. Dem Magazin Computerwoche erklärte sie ihre Beweggründe: „Mehr denn je kommt es auf solidarische Zusammenarbeit an. Jeder Kollege, jeder Digitalexperte kann in diesen Krisenzeiten etwas für Wirtschaft und Gesellschaft tun.“

Einen ähnlichen Ethos vertritt auch das Kölner Start-up Loloco, das kleine Händler mit einem Treueprogramm stärken will und eine Charity-Aktion gestartet hat, bei der Nutzer ihre Lieblingsläden unterstützen können (mehr dazu gibt es auf unserer Seite #Connecting4Good zu lesen).

Smartphone

Ob Lieferdienste oder Mobilkommunikation: Überall hinterlässt Corona seine Spuren.

Smartphone

Ob Lieferdienste oder Mobilkommunikation: Überall hinterlässt Corona seine Spuren.

Person liefert Essen mit Mundschutz
Person liefert Essen mit Mundschutz

Tracing oder Tracking? 

Auch im Bildungsbereich ist durchaus denkbar, dass Tools und Learnings aus der Coronazeit die Krise überdauern werden. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Studie der Vodafone Stiftung Deutschland, dass über ein Drittel der Schulen kein Gesamtkonzept für digitalen Unterricht vorweisen kann.
Viel wird deshalb weiterhin vom Innovationsgeist einzelner Institute und Lehrkräfte abhängen. Gute Beispiele in diesem Sinn sind der mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnete Mathelehrer 
Sebastian Schmidt, der ein digitales Lernbüro für Kollegen und Studenten entwickelt hat; oder Nina Toller, die in ihrer Unterrichtspraxis digitale Medien und Geräte integriert – gerne auch die Handys der Schüler, nach dem sogenannten BYOD (Bring Your Own Device)-Ansatz. Ihr Wunsch an die Politik, laut WDR: Eine „umfangreiche Reform aus einem Guss, die sowohl die Infrastruktur der Schulen als auch die Lehrerausbildung, die Lehrpläne und die operativen Prozesse an den Schulen umfasst.“ 

Darüber hinaus wird die Entwicklung von Apps und Tools zur Normalisierung des Alltags bedeutende öffentliche und private Investitionen auf sich ziehen und den Forschungssektor stärken. Ein entsprechendes Wiederaufflammen der Debatte über Datensouveränität, Überwachung und digitale Plattformen ist bereits voll im Gange. Dabei zeichnet sich ab, dass „Tracking“ (also die zeitgleiche Verfolgung eines mobilen Geräts) stärkere Bedenken als das sogenannte „Tracing“ (d.h. die asynchrone Verfolgung eines mobilen Geräts) nach sich zieht. 

Dass digitale Bürgerrechte und die Interessen der Patienten nicht im Gegensatz zueinander stehen müssen, will ein internationales Team aus Forschern, Entwicklern und Unternehmern beweisen, das unter Leitung des Fraunhofer-Instituts für Nachrichtentechnik (Heinrich-Hertz-Institut) aktuell an der Entwicklung der sogenannten PEPP-PT-Technologie (Pan European Privacy Protecting Proximity Tracing) arbeitet. Diese soll genutzt werden, um eine entsprechende App zu konfigurieren. Beteiligt sind auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sowie der Bundesdatenschutzbeauftragte, Herausgeber der App könnte das Robert Koch-Institut sein. 

Diese sowie ähnliche Initiativen zur Bekämpfung der Corona-Krise werden beachtliche Rechenkapazitäten in Anspruch nehmen. Eine mögliche Antwort auf die daraus resultierenden Kapazitätsengpässe liefert das DreamLab-Projekt. Die vom Garvan Institute of Medical Research und der Vodafone Foundation entwickelte Anwendung bündelt die Rechenleistung von hunderttausenden Smartphones zu einem virtuellen Hochleistungsrechner. Anstatt ungenutzt die ganze Nacht an einem Ladekabel zu hängen, können mobile Endgeräte so einen aktiven Beitrag zur Suche nach wirksamen Medikamenten leisten.

„Die Unternehmer wissen selbst, was zu tun ist. Aber die Verunsicherung ist groß.“

Dr. Alexandra Heinzelmann, Mitinitiatorin des Netzwerks „Mittelstand goes Home Office“

KMU goes Home Office

Auch im angeschlagenen Businesssektor gibt es durchaus Krisengewinner. Während einige Bereiche wie die Luftfahrt, die Messebranche oder der Tourismus buchstäblich am Boden liegen, sind die Aussichten für Hersteller von Desinfektionsmittel, Schutzkleidung oder medizinischen Geräten aktuell ausgezeichnet. So berichtete beispielsweise DER SPIEGEL, dass sich der Börsenwert des kleinen kanadischen Schutzkleidungsherstellers Alpha Pro Tech innerhalb weniger Wochen vervierfacht hat.

Auf der Habenseite der Krisenbilanz verbuchen einige Wirtschaftsexperten auch die erzwungene Digitalisierung der Arbeitskultur, die durch Social-Distancing-Maßnahmen im Zeitraffer herbeigeführt wurde. Dabei ist der Anpassungsprozess an die neue Post-Corona-Realität besonders für kleinere Unternehmen eine ernst zu nehmende Herausforderung. Um diese zu meistern, hat die Unternehmerin Alexandra Heinzelmann gemeinsam mit anderen Mitstreitern das Netzwerk „Mittelstand goes Home Office“ gegründet, das KMU dabei helfen will, gut durch die Corona-Krise zu kommen. Auf der Webseite beschreibt die Initiative ihre Mission mit folgenden Worten: „Mit unserem ehrenamtlichen und kostenfreien Engagement möchten wir den Verantwortlichen bei der Organisation und Strukturierung der Home-Office-Arbeit ihrer Mitarbeiter*innen helfen.“ Gegenüber der Neuen Westfälischen Zeitung erklärt Heinzelmann: „Die Unternehmer wissen selbst, was zu tun ist. Aber die Verunsicherung ist groß.“

Klavier

Für den Kulturbereich wird die Umstellung auf digitale Geschäftsmodelle voraussichtlich schwieriger als für die Gastronomiebranche.

Klavier

Für den Kulturbereich wird die Umstellung auf digitale Geschäftsmodelle voraussichtlich schwieriger als für die Gastronomiebranche.

Smartphone und Kaffee in der Hand
Smartphone und Kaffee in der Hand

Not macht erfinderisch

Leere Theater, gespenstische Opernhäuser, stille Clubs: Der Corona-Shutdown hat den Kultursektor mit voller Wucht getroffen. Wie kaum ein anderer Bereich hat die ohnehin schon prekäre Kulturwelt mit einem totalen Einnahmeneinbruch zu kämpfen.

Die Antwort ging bisher in zwei Richtungen: Einerseits hofft man auf finanzielle Unterstützung durch Bund und Kommunen. Andererseits bestand die Reaktion der betroffenen Künstler und Kulturbetriebe oft darin, sich direkt an ihre breite Community zu wenden, um diese um finanzielle Unterstützung zu bitten. Mit teils sehr spannenden Ergebnissen: So boten die vergangenen Wochen zum Beispiel seltene Einblicke in die Berliner Clublandschaft. Die Branchenorganisation Clubkommission hat hier gemeinsam mit dem deutsch-französischen Kultursender ARTE das Projekt „United We Stream“ initiiert, das Livemusik aus den leeren Partytempeln sendet, um Spenden zu sammeln. Über 400.000 Euro konnte die Initiative über diesen Weg bereits zusammenkriegen (Stand: 24.04.2020).
Einen ähnlich innovativen Weg gehen auch traditionsreiche Flaggschiffe der Berliner Kulturwelt: Während die Berliner Philharmoniker mehr als 600 ihrer Konzerte kostenlos im Streaming zugänglich machten, bietet das Neue Museum ein exklusives Date mit der legendären Nofretete an – als Virtual-Reality-Erfahrung.  

„Wir sind in einer Situation, in der etwas geschehen ist, das fast alle Routinen und den Normalbetrieb unterbricht.“

Harald Welzer, Sozialpsychologe

Jenseits der dramatischen Umwälzungen, mit denen uns Corona konfrontiert, scheint diese kurze Recherche die Einschätzung des Sozialpsychologen Harald Welzer zu bestätigen: Dieser bezeichnete gegenüber der Neuen Presse die Pandemie als eine mögliche „Lerngeschichte“. Diese zeige unter anderem, dass immer etwas passieren könne, mit dem vorher keiner gerechnet habe: „Das Interessante bei Corona ist, dass es sehr tief in das Alltagsgeschehen eingreift.“ Bei aller Verunsicherung ergeben sich aus einer solchen Lage auch bedeutende Chancen für einen notwendigen Wandel, die genutzt werden sollten: „Wir sind in einer Situation, in der etwas geschehen ist, das fast alle Routinen und den Normalbetrieb unterbricht“, so Welzer. 

Ob wir der Krise etwas Positives abgewinnen und die nötigen Transformationsprozesse in Angriff nehmen werden, bleibt aber letztendlich uns selbst überlassen.

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